Lesetipps fiction
aktualisiert am 16.9.2011

Meine Sommerlektüre 2011. Endlich lesen! Nur lesen und nicht schreiben. Der Text liegt offen vor mir da wie das Meer. Ich kann ihn einatmen wie einen Duft. Ich kann ihn wirken lassen, ich muss nichts dazu sagen. Die Zeit vergeht im Nu. Nur in meinen Träumen spielen sich all die Dramen ab, die Stoff genug für unendlich viele Romane und Romanzen, für weitere vergangene Inkarnationen bieten. Je mehr ich lese, desto mehr kann ich Stoff ablegen, desto mehr öffnet sich die Zukunft als ein Raum der Weite, der Möglichkeit, des Vermögens…  

Ich nehme mir die Romane von Jonathan Franzen vor. Wer Franzen kennt, denkt sich jetzt vielleicht: Ja, um Gottes willen, warum denn das nur, und auch noch in den Ferien? Als wären die Ferien dazu da, eindeutiges Vergnügen zu bereiten und alles zu verdrängen, was dem Lustprinzip nicht entspricht. Wozu die Lektüre von Franzen gehört, denn dieser Mann steckt von einer Wut, die einfach keine Freude bereiten kann, es sei denn es sei die eigene Wut, die man sich endlich mal von der Seele schreibt. Und gerade das geschieht mit mir als Leserin: nachdem ich die letzten Zeilen von „Die Korrekturen“ gelesen und das Buch weg gelegt habe, atme ich auf, atme ich tief durch, und siehe da, ich fühle mich befreit. Das Lesen war eine Art Therapie, in der ich den Schatten begegnen konnte, die nicht nur meine eigenen sind, du die ich mit meiner Zeit, meinem Kollektiv, meiner Welt, in der ich lebe, teile. Das leichte Unbehagen, das mich bei dem Wort „Gesellschaft“ überfällt, bekommt ein Gesicht, einen Ausdruck. Ich kann den Finger darauf legen. Das verdanke ich Franzen.  Und auch das Ende von "Korrekturen" stimmt mich versöhnlich...

Der Wind war während seiner Heimfahrt schneidend geworden. Er hatte die Bösartigkeit einer gewissen Art zu bluten, nicht des sprudelnden Blutens einer durchtrennten Arterie, sondern des kühlen Sickerns und Nässens eines zerfleischten Glieds. Er strich Dächer und Giebel der Nachbarhäuser, verfing sich an den Schornsteinen, trug Sirenengeschrill und ein Rattern von der Mopac-Strecke nach Norden. Wie der Wind in Chicago oder Boston, irgendeiner Stadt am Wasser, hinterließ er auf seinen Wangen nicht so sehr ein Stechen sondern einen Schmerz.  Wir sind in St. Louis, der „27. Stadt“, wie Franzens erster Roman hieß,  , The Twenty-Seventh City“ im Mittleren Westen, einer Stadt, die einst in der Geschichte der USA einst eine wesentlich bedeutendere Rolle spielte, in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts aber auf Platz 27 der wichtigsten amerikanischen Städte abgefallen ist. Dort erlebt die Familie alteingesessene Familie des Martin Probst, durch Intrigen eingefädelt, ihren persönlichen Niedergang. Aber die von außen zugefügte Schmach spiegelt nur die innere Entfremdung des Martin Probst, der von ihr mitten in einem Einkaufszentrum ereilt wird, und das an seinem 50sten Geburtstag.

Das tausendstimmige Gesumm der Plaza Frontenac konnte von Krankhausbesuchern herrühren, von Trauernden in einem Mausoleum, Flüchtlingen, Evakuierten, nächtlichen Reisenden oder Gaffern am Schauplatz eines Unfalls oder Verbrechens, solcher Art war die unerschütterliche Ungezwungenheit dieser kollektiven Stimme. Während Prost lauschte, schien sich eine große Leere im Klangraum aufzutun. Wahrnehmungskapillaren durchwucherten das gesamte Innere, Abstoßungen vornehmend, dumpf schmerzend, allesamt transparent und die von Probst; oder war das Einkaufszentrum etwa geschrumpft, infolge einer krankhaften  Verwinzigungsillusion, bis es in sein Ohr passte und die tausend Geräusche zu punktuellen Gehörreizen reduziert waren, in seiner Hirnkapsel verdichtet zum reinen, weißen Rauschen eines  leblosen Ozeans? Das Geburtstagsgefühl ließ ihn nicht in Ruhe. Seine Selbstwahrnehmung blähte sich auf und wurde allumfassend. Was, wenn er die Stadt war? Mehr als nur im Mittelpunkt stehend: die Sache selbst?

In dem Roman The Corrections (dt.: Die Korrekturen), eine Woche vor dem 11.September 2001 erschienen,  erzählt die Geschichte der Familie Lambert, wieder ist der Schauplatz eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Nach 50 Jahren als Ehefrau und Mutter hat Enid Lambert den Wunsch, ein letztes Weihnachtsfest mit ihrem schwer an Parkinson erkrankten Mann Alfred und den drei Kindern zu verbringen. Und wieder steht das Scheitern der Figuren im Mittelpunkt des Romans, wenngleich die Bühne diesmal nicht im städtepolitischen Treiben, sondern im Kern gesellschaftlichen Lebens, in der Familie angesiedelt ist. Die Kinder versuchen die Lebensmodelle der Eltern zu „korrigieren“, um eigenen Krisen vorzubeugen bzw. aus dem Weg zu gehen. Und hier nun kommt es zur entscheidenden, versöhnenden Korrektur, die den scharf klirrenden, ätzenden Ton der Entfremdung, die Franzen in seinem Erstlingsroman "Die 27. Stadt" zur absoluten  Perfektion hoch gefahren hat, ergänzt und zu einer ebenso unerwarteten wie stimmigen Harmonisierung führt. Chip, der sich als Versager von seinem Vater immer abgelehnt fühlte, besucht diesen im Heim, wo er die Ärztin kennen lernt, seine spätere Frau, mit der er Kinder haben wird. So führen die Korrekturen doch noch zu einem fruchtbaren Erfolg, die die Folge der Generationen  in eine andere Bahn lenken kann.

 

  
Marie NDiaye, Drei starke Frauen. Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Taschenbuch 2011 EURO 9,95

Marie NDiaye wurde 1967 in Naissance à Pithiviers/Loiret  bei Orleans geboren. Nach dem Abitur mit 17 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Es folgten weitere Romane, für die sie zahlreiche literarischen Auszeichnungen erhielt, 2009 den Prix Goncourt für ihren Roman "Drei starke Frauen".  Schon beim Erscheinen ihres Romans "Rosie Carpe" 2005 in Deutschland, wurde ich auf sie aufmerksam. Mich faszinierte mich ihr Stil, mit dem sie abgründige Geschichten erzählte. Es geht mir dabei wie bei Simenon: ich bin fasziniert von der Wortgewalt, die unfassbares Elend beschreibt, erschüttert, aber unfähig, das Buch aus der Hand zu legen. Sicher trägt auch die kongeniale Übersetzung aus dem Französischen dazu bei, diese Meisterwerke, zu denen auch das vorliegende Buch gehört, gebührend im deutschsprachigen Raum zu präsentieren.

Eine Rezensentin schrieb enttäuscht, sie könnte keine Stärke in dem Verhalten oder Handeln der Frauen entdecken. Und tatsächlich geht es weniger um eine Darstellung beispielhafter Vorbilder, von denen sich Frauen ermutigen lassen könnten, sondern mehr um die hohe Kunst, Einzelheiten aus einem Leben in Form von verfließenden, sich verflüchtigenden Wahrnehmungen zu einem poetischen Bilderstrom zu verbinden. Die Geschichten interessieren nur am Rande: Norah, vierzigjährig, gibt dem Drängen ihres Vaters nach und besucht ihn in Dakar: Sie findet einen verwahrlosten Alten vor, der sich kaum an etwas erinnern kann. Als in Europa ausgebildete Juristin soll sie ihren Bruder aus dem Gefängnis holen. Der afrikanische Alltag lässt sie in Gleichgültigkeit, in demütiger Ergebenheit aufgehen, wenn man der Spur, die die Worte auslegen, folgen und ihnen glauben darf, ist sie selbst zuletzt, von außen gesehen wohl dem Wahnsinn verfallen, mit ihrem Schicksal versöhnt.

Von Fanta, die im Unterschied zu Norah Dakar verlassen hat, um ihrem Ehemann Rudy in die französische Provinz zu folgen, erfahren wir aus dessen verzweifelten Selbstgesprächen. Er leidet unter der Trostlosigkeit, dem Mangel, der Langeweile, die sich wie ein eintöniger, kalter Traum hinzieht. Aus der afrikanischen Perspektive Fantas jedoch betrachtet erscheint diese Existenz als luxuriös und zutiefst befriedigend. In Afrika hätte Rudy keine Chance gehabt. Und so verklingt diese Geschichte, in der nichts geschieht, in der alles schon geschehen und Andeutung, Erinnerung ist, mit einem Kontrapunkt: Die alte Nachbarin ist erstaunt über die bislang immer unzufriedene Frau von nebenan, denn heute scheint sie ihre Ruhe gefunden zu haben und grüßt freundlich, teilnahmslos

Khady, eine junge Afrikanerin, wird von den Eltern ihres früh verstorbenen Mannes, von dem sie nicht schwanger geworden war, gedrängt wegzuziehen und illegal nach Frankreich einzuwandern. Ihr Leben ist schon lange verwirkt, bevor es an dem Grenzzaun unter dem Kugelhagel endet.

Es spricht für Berlin, dass die Autorin seit 2007 dort mit ihrer Familie lebt.

 

 
Ulli Olvedi, Das tibetische Zimmer. Roman. Pendo Verlag 2011 EUR 19,90

Nach dem Roman "Am Rande der Welt", der von dem Sterben der krebskranken Nora und ihrer Hinwendung zum tibetischen Buddhismus erzählt, erreicht uns nun im neuen Jahr die wunderbare, verwirrende und versöhnende Geschichte einer hochbegabten übersensiblen medial veranlagten Jugendlichen, die in der genormten Enge der westlichen Gesellschaft keinen Platz gefunden hat. Die Autorin, eine  profunde Kennerin des tibetischen Buddhismus, Dokumentarfilmautorin, Lehrerin des Stillen Qi Gong und Begründerin des Tashi-Delek Vereins, einer Gesellschaft zur Unterstützung der tibetischen Kultur im Exil, wagt es, in der Sprache der No-Future und Null-Bock Generation die Botschaft des Buddha nahe zu bringen. In der Protagonistin Charly, einem weiblichen Wesen ohne Zugang zur eigenen Weiblichkeit, das es in ein Kloster in den Bergen außerhalb von Katmandu verschlagen hat, lebt nicht nur der Westen mit seinen existentialistischen Zuständen der Entfremdung und seiner Sehnsucht nach spiritueller Heimat auf, sondern meldet sich auch durch plötzliche Einblendungen medial empfangener Bilder die schamanische Seite des tibetischen Buddhismus, die in den Ngapkas, den mächtigen Zauberern vertreten ist. Das Buch ist eine meisterhafte Collage verschiedenster Einflüsse, wie sich schon auf dem Cover zeigt. Da ist der Zaubermantel eines Harry Potter, der Himalaya im Postkartenformat, die Gestalt eines Mönchs, der wie ein Refrain auf den Tibetbüchern erscheint und die Ruhe der Meditation in der Abgeschiedenheit veranschaulichen mag und der für die Wendung nach Innen steht. Hier schaut er zurück, als würde er auf Nachzügler warten, oder Abschied nehmen von dem , was er hinter sich lässt; er selbst wird weiter vorgehen. Im Roman ist es die Figur des Lama Yongdu, der die alte Tradition von Weisheit und Mitgefühl neu vermitteln kann, und dies mit stiller Noblesse tut. Ganz nebenbei kann er Charly dadurch lehren, sich selbst anzunehmen und Zärtlichkeit zu erleben, ohne sie sexuell ausleben zu müssen. Es sind neue Formen der spirituellen Einweihung entstanden, neue Gestalten der spirituellen Autorität tauchen von überall auf, so auch ein junger Tulku aus den Niederlanden. Angesichts des nun schon so lange währenden Exils und unter dem kontinuierlichen Einfluss der manifesten Vereinnahmung Tibets durch China ebenso wie der zunehmenden Bedrohung Nepals durch Maoisten entwickelt sich unter der Hand ein neues Selbstverständnis des tibetischen Geistes: er ist nicht mehr an die politische Identifizierung mit der Nation gebunden, er geht weit darüber hinaus.  Der Autorin gelingt es, diesen neuen Geist erlebbar zu machen und eröffnet die Perspektive auf ein radikal neues Szenario, das von höchster Aktualität ist und wegweisend auch auf andere über-konfessionelle Geistesbewegungen einwirken könnte. Besonders begeistert hat mich der poetische Zugriff auf nichtalltägliche Bewusstseinszustände, die nicht als ein pathologisches Ausflippen gewertet werden sondern eine Einstimmung in eine verborgene Welt des Geistigen bedeuten. Souverän gemeistert wird die Erfahrung der Anderswelt in den Alltag eingearbeitet, so dass Heilung geschehen kann. Großartig! Nicht nur für Jugendliche und ihre genervten Eltern zu lesen, sondern auch für alle, die an Bewusstseinserweiterung interessiert sind, selbst für Kenner des (tibetischen) Buddhismus hält das Buch einige Überraschungen bereit.  

 

Hernán Rivera Letelier, Die Filmerzählerin. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Insel Verlag 2011 EUR 14,90

Die wunderbaren Bilder aus dem Film von Guzman, "Nostalgia de la luz", sind mir noch im Gedächtnis, ich sehe die Atacama Wüste im Norden Chiles vor mir, auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass dort in der Minensiedlung des Salpaterabbaus einst reges Leben herrschte. Die Leute sind arm, aber sie lieben Filme. Also wird María Margarita beauftragt, stellvertretend für alle ins Kino zu gehen und dann die Filme nachzuerzählen. Sie macht das so gut, dass daraus ein Broterwerb wird, der mit der Einführung des Fernsehens ein jähes Ende findet. Heute lebt sie als Touristenführerin an diesem unwirtlichen Ort, der einst ihre Heimat war. Mit seinen 105 Seiten in großzügig gesetzter Schrift lässt sich das Buch leicht lesen, die Sätze sind knapp gefasst, die Geschichten anrührend, ein wunderbares Buch eines Autors, der selbst in der Atacama Wüste zur Welt kam, als Einziger die Werksbibliothek der Minensiedlung besuchte und mit 21 aus Hunger mit dem Schreiben begann.  Unbedingt lesen!  

Martin Suter, Allmen und Libellen. Roman. Diogenes Verlag 2011 EUR 18,90

Schon der Titel verspricht jene entspannte Zuführung der Bösen ihrer gerechten Strafe, ohne dass wir uns weitere  Gedanken machen müssten, was Gut und was Böse, was gerechtfertigt ist und was nicht. Wie immer, darf man bei Suter sich darauf freuen, dass die Grenzen zwischen den hehren Werten verschwimmen und die Oberfläche der Wirklichkeit mehr Abgründe ahnen lässt als sie im Roman dann ausgelotet werden. Suter - ein Meister des Opaquen.   
Allmen ist der Name des Protagonisten, der sich
schwungvoll auf Visitenkarten "Johann Friedrich von Allmen" schreibt, und den Gianfranco, der Kellner des "Viennois", scherzhaft "Conte" nennt, und der trotz seiner  gut schweizerisch - bäuerliche Vorfahren, die noch Hans und Fritz hießen, sich einen noblen Müßiggang  angewöhnte, was ermöglicht wird durch den vererbten Reichtum, den der Vater mit Grundstücksspekulationen erwirtschaftet hat. Auch der Sohn spekuliert - bei ihm ist es das Vertrauen auf die psychologische Wirkung, die Adel und Geld bei den Bürgern erweckt, und durch das er  seinen aufwendigen Lebensstil aufrecht zu erhalten, indem er gekonnt Schulden macht. Er, der lebenslanges Wohnrecht im Gartenhaus der ehemals eigenen Villa, die nun einer Treuhandfirma gehört, genießt, gibt großzügig Trinkgeld, um kreditwürdig zu erscheinen, lässt sich in einem gemieteten Oldtimer herumkutschieren, diniert standesgemäß und leistet sich einen Butler. Zur dringend notwendigen Geldbeschaffung kommt er auf die Idee, teure Antiquitäten zu erwerben und noch teurere aus dem Laden zu stehlen, während der Verkäufer damit beschäftigt ist mit dem Ritual des Verpackens. 

Nun kommen die Libellen ins Spiel: es handelt sich um die  am 27. Oktober 2004 bei einem Einbruch im Château Gingins geraubten, bis heute nicht wieder aufgetauchten kostbaren fünf Glasschalen mit Libellenmotiven des bedeutenden Jugendstil-Künstlers Émile Gallé. Im Roman jedoch ist es Allmen vergönnt, sie in der Vitrine einer weitläufigen Seevilla zu entdecken, wohin ihn eines Nachts ein amouröser Zwischenfall führt. Es gelingt ihm, die Schalen herauszuschmuggeln und zu verkaufen, wodurch er wieder liquide ist. Aber dann entrinnt er, der Glückspilz, einem ominösen Mordanschlag, und erwacht mit einem einem Donnerschlag aus seiner Lethargie des Laissez faire. Er muss kämpfen, und tatsächlich lüftet sich das Geheimnis, so dass die eigentlichen Adligen als die eigentlichen Betrüger und Mörder entlarvt werden und Allmen im Verbund mit seinem lebenserfahrenen Butler aus Guatemala nicht nur das Schweigegeld sondern auch die hohe Belohnung seitens der Polizei einkassiert. Beste Unterhaltung, nur zu empfehlen!

Drei Romane von Arnon Grünberg. 

Aufmerksam auf diesen faszinierenden Autor aus den Niederlanden wurde ich durch sein letztes Werk, "Mitgenommen". Ich war sofort elektrisiert, las dann "Gnadenfrist" und jetzt "Der Heilige des Unmöglichen". Alle Bücher wurden ausgezeichnet übersetzt von Rainer Kersten, es ist eine Wonne, sich dem prägnanten Schreibstil zu überlassen und bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit, die liebevoll mit poetischen Details aufwartet, zu wissen: die Bombe platzt. Und zwar ganz am Ende.  

Der Heilige des Unmöglichen. Diogenes Verlag 2007

Der Heilige des Unmöglichen" wurde in Holland schon 1998 veröffentlicht und spielt in Grünbergs Wahlheimat in New York. Dort leben n einer abgewrackten Wohnung die 18 und 19jährigen Brüder Tino und Paul Andino, deren junge, schöne Mutter Raffaela die Familie mit einem Job als Kellnerin und zahlreichen Verehrern über Wasser hält; der Vater, ein Tunichtgut, wurde damals, noch in Mexiko, bei einem Raubüberfall erwischt und erschlagen. Plötzlich taucht Krieg auf und kreiert unter dem Label Mama Burrito eine Berufsidee, die die Welt erobern soll. Stattdessen kommt die Gesundheitsbehörde und schließt den Laden, Krieg verschwindet. Doch das spielt sich am Rande ab, denn als die Jungen Kristin aus Kroatien kennen lernen, ist es mit ihnen geschehen. Dieses seltsame Mädchen, das als Prostituierte arbeitet, führt sie in die Liebe ein und verweist immer wieder auf ihr Andenken in der Nachwelt. Eines Tages sticht sie auf einen Mann ein, bis dieser tot zusammen bricht. Indem die beiden Brüder diese ganze Geschichte von ihrer Ankunft in New York an in ihr kleines Heft geschrieben haben gibt es eine krause Chronologie einer verzweifelten Suche nach Sinn. Irgendwie ist es ein existentialistischer Roman, hat jedoch nicht die plakative Eindeutigkeit der Existentialisten. Der Heilige des Unmöglichen ist der Heilige Antonius, zu dem die beiden Brüder immer wieder beten, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass das Unmögliche geschieht und ihr Leben wieder in Ordnung kommt.  

Gnadenfrist. Diogenes Verlag 2008

Jean Baptist Warnke ist als Angestellter der niederländischen Botschaft in Lima beschäftigt. Er übt sich in der Diplomatie des Alltags, mit der über verborgene Abgründe hinweg geht: «Manchmal ist alles so schön, so furchtbar schön, so unerträglich schön, dass Warnke sich vorstellt, wie er seine beiden Töchter ersäuft, wie zwei junge Kätzchen in einem Jutesack mit Steinen.» Warnke hat alles, Familie, einen guten Job, Gesundheit. Doch die Idylle ist fadenscheinig und bekommt einen Riss, als Warnke in einem kleinen Café nahe der Botschaft ein Mädchen im rosa Pulli, die Studentin Malena, trifft und sich in sie verliebt. Sie gibt vor ihn zu begehren, und er schmilzt dahin. Als sie ihm einen versteckten Tipp gibt, nicht zu dem Weihnachtsempfang der japanischen Botschaft zu gehen, und er seine Kollegen unter der Hand informiert, rettet sie ihn davor, wie andere Botschaft bei einer Geiselnahme durch Terroristen involviert zu werden. Die Geschichte hat einen realen Hintergrund: Im Dezember 1996 kam es bei einem Empfang in der Residenz zur Geiselnahme von rund 340 Diplomaten, die 126 Tage dauern sollte. Eine Geisel erlitt damals einen Herzinfarkt, zwei Soldaten starben und 14 der marxistischen Rebellen wurden getötet. Warnke sieht die Bilder der getöteten Rebellen und erkennt darunter Malena, die einen Anhänger trägt, den er ihr geschenkt hatte. Mittlerweile ist er von seinem Beruf suspendiert und von seiner Frau verlassen worden. Kontakte zu den Rebellen ergeben sich zufällig, und er sprengt sich in die Luft. Seine letzten Gedanken gelten der Zärtlichkeit Malenas. 

 

 Mitgenommen. Diogenes Verlag 2010  

Eine staatliche Patrouille tötet, weil die 'Operation' außer Kontrolle gerät, ein vermeintlich revolutionäres Ehepaar in Anwesenheit ihres Kindes, das der Major mit nach Hause zu seiner Frau nimmt, da er einerseits nicht weiß, was er sonst tun soll und weil er andrerseits seiner Frau ein Geschenk machen will, da er selbst wegen seiner Unfruchtbarkeit keine Kinder zeugen kann. Ein vermeintlicher Kitt für die zum Scheitern verurteilte Ehe. Doch die Frau hat schon lange ein Verhältnis mit dem General und lehnt das Kind, Lina, ab. Nun ergeben sich verschiedene Lebensläufe: Die gescheiterte Operation bereitet dem dienstbeflissenen Major Schwierigkeiten, der sich als Versager fühlt und beschließt, quasi als Kompensation, das Kommando einer gefährlichen Aufgabe zu übernehmen: es geht um die Belieferung von Außenposten im feindlichen, revolutionären Gebiet in den Bergen. Die Mission scheitert. Viele Soldaten sterben. Dem Major selbst wird von Einheimischen einer Stadt in den Bergen der 'Prozess' gemacht. Er wird zum 'Vergessen' verurteilt und in einen Brunnen geworfen. 
Lina ist unglücklich und sucht ihre Eltern. Sie muss feststellen, dass in ihrem Elternhaus eine neue Familie wohnt. Sie verlässt das Haus, kurz darauf wird die Frau des Majors und deren Haushälterin ermordet. 

Über Umwege gelangt Lina in die Stadt in den Bergen. Sie wird dort von einer 'Pflegefamilie' als Waisenkind aufgenommen. Das kleine Mädchen arbeitet in einer Goldmine, wo "Onze Oom" (Unser Onkel - niederländischer Titel des Romans), tief unter der Erde als lebensgroße Puppe von den einheimischen Indios verehrt wird.  Lina schläft mit ihren "Geschwistern" in einem Bett, die Arbeiter vergewaltigen sie. Bei einem Schönheitswettbewerb in der Stadt lernt Lina den 'Dirigenten' der Revolutionären kennen, den Anführer. Dieser 'verliebt' sich in Lina und zeugt mit ihr ein Kind. Lina wird an einen 'sicheren' Ort gebracht. Sie bringt dort einen Sohn, Karl, zur Welt. Staatliche Soldaten stoßen auf den Unterbringungsort Linas. Lina, die sich mit ihren Mitbewohnerinnen in eine Art verborgenen Luftschutzbunker im Keller des Hauses verstecken kann, muss ihrem Kind, welches mehrmals laut zu weinen droht,
den Mund zu halten, um von den Soldaten nicht entdeckt zu werden. Als die Soldaten unverrichteter Dinge verschwinden, stellt Lina den Tod ihres Sohnes fest. 

Das Schlusskapitel zeigt Lina, die eine weltbekannte Waffenhändlerin geworden ist, in einer Interview-Situation. 

Es lohnt sich durchzuhalten. Der Eindruck, der bleibt, ist der einer verhaltenen Explosion. 

 

Bernhard Schlink, Sommerlügen. Diogenes Verlag 2010,
Gebundene Ausgabe, EUR 19,90
 

Ob im Sommer wohl Lebenslügen besser einzugestehen sind als im Winter? Ob die Wahrheit dann weniger hart erscheint, und was ist überhaupt Wahrheit?„Wie hatte Anne gesagt? Wenn du der Wahrheit begegnest und sie quälend findest, ist nicht sie es, die dich quält, sondern das, wovon sie die Wahrheit ist. Und immer macht sie dich frei.“ Sieben Geschichten erzählen, wie die Wahrheit sich zeigt und das Gewebe der Lügengespinste, die sich darüber ausgebreitet haben, fadenscheinig wird.  Das geschieht nicht dramatisch, sondern behutsam, es schwingt mehr philosophische Betrachtung darin mit als es auf Nervenkitzel ausgelegt wäre. Es ist ein fragendes Abtasten der Wirklichkeit, eine Bilanz am Ende des Lebens. „Alles Glück will Ewigkeit? Wie alle Lust? Nein, dachte er, es will Stetigkeit. Es will in die Zukunft dauern und schon das Glück der Vergangenheit gewesen sein. Fantasieren Liebende nicht, dass sie sich schon als Kinder begegnet sind und gefallen haben?“ Eine wunderbare Lektüre, sehr zu empfehlen! Kay Hoffman

Patricia Duncker, Der Komponist und seine Richterin.  Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Berlin Verlag  2010 (Gebundene Ausgabe) EUR 24,00

Allein die Idee, einen französischen Kommissar mit dem Nachnamen Schweigen zu belegen ist genial. Das Schweigen begegnet dem gespannten Leser inmitten der Ermittlungen und bietet einen raffinierten Kontrapunkt zu der fieberhaften Suche nach den Ursachen für einen Massenselbstmord, begangen in der Gegend des Schweizer Jura am Neujahrstag 2000. Was steckt hinter dem „Wegweiser“, ein kostbares altes Buch mit Hinweisen auf ein ägyptisches Totengebet und eine Sternenfinsternis?  Die Richterin Dominique Carpentier, bekannt als Sektenjägerin, selbst aus jenen südfranzösischen Kreisen der Gutsbesitzer stammend wie viele der Opfer, folgt der Spur, die der „Der Glauben“ hinterlässt. Apokalyptische Vorstellungen der Jahrtausendwende mischen sich mit gnostischen Überlieferungen, die dazu auffordern, den Tod als Befreiung nachzuvollziehen. Durch die bevorstehende Sternenfinsternis des Epsilon Aurigae (auf Arabisch Imaaz) erhalten die Andeutungen eine beunruhigende Aktualität: es wird Zeit für die „Dunkle Gegenwart“, die das „Dunkle Gestirn“ mit sich bringt. (Als „Bedeckungsveränderlicher“ bestehend aus zwei Sternen unterschiedlicher Leuchtkraft, die sich einander umkreisen,  nimmt die scheinbare Helligkeit ab, wenn sich die dunklere Komponente vor die hellere schiebt.) „Die Dunkle Gegenwart“ wird in der ägyptischen Mythologie als Begleiter ins Jenseits dem Gott Anubis zugeordnet. In diesen Rahmen des Hintergrundwissens eingebettet spielen sich Dramen menschlicher Leidenschaft ab: Schweigen verliebt sich in die Richterin und diese wiederum fühlt sich hingezogen zu dem Komponisten Friedrich Grosz, der als Gestalt körperlicher Übergröße seinem Namen alle Ehre macht und als graue Eminenz hinter allem steht und in einem fulminanten Showdown seine Verfolgerin bittet, das neue Oberhaupt der Sekte zu werden, um diese vor Irrwegen zu schützen. Diese Geschichten mögen konstruiert wirken, aber es sind Konstruktionen auf hohem Niveau, wie sie die Autorin schon in ihrem Debütroman „Hallucinating Foucault“ mit Erfolg vorgeführt hat: Es gelingt ihr, aufgrund von Recherchen, philosophischer Distanz und poetischer Verknüpfung intensive Innenwelten zu schildern, in denen das Persönliche der Person nicht mehr ist als Staffage und Statist. Ich habe jede Zeile genossen, zuletzt auch wegen der souveränen Sprache, die kongenial übersetzt wurde.

 

Banana Yoshimoto, Mein Körper weiß alles: 13 Geschichten Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg. Diogenes Verlag 2010 (Gebundene Ausgabe) EUR 18,90

Der Titel macht neugierig. Was weiß der Körper, was ich oder die Ich-Figur in den 13 Geschichten nicht weiß und auch nicht wissen kann, wenn sie darüber bewusst nachdenken würde? Gewissheit entsteht spontan, plötzlich taucht sie auf, in Traumbildern oder sinnlichen Eindrücken enthalten, sozusagen als Nebenstimme, und dann ist sie einfach da, nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das Leben wird anders weiter gehen, aber es geht weiter. Wunderbar, wie es die Autorin, die ich schon von ihren vorgehenden Büchern und Geschichten kenne, es wieder schafft, durch ihre poetische Erzählform eine Unmittelbarkeit zu schaffen, die berührt und verwandelt. Nach der Lektüren fühle ich mich erfrischt und genährt, als könnten Worte Energie übertragen. Doch diese Wirkung ist nicht direkt beabsichtigt, sie ergibt sich.

Genau wie damals schien die Abendsonne auf die Stadt und tauchte sie in ein Meer von Licht. War ich verrückt geworden?...Was ich sah, war keineswegs übel. Der heitere Anblick überraschte mich fast, und ein Gefühl tiefer Verbundenheit erfüllt mich... Ach so!, ging es mir plötzlich auf. In den letzten zwei Tagen hatte ich so gut wie nichts gegessen, hatte nur wie betäubt herum gelegen. Jetzt wusste ich, warum die Welt je länger desto komischer erschien. Mein leerer Magen. Ich schloss die Augen. Spürte, wie sich langsam, tief in mir drin, die Lebensgeister regten. Wie das Blut in Bewegung geriet und  wieder begann, den Körper mit Energie zu versorgen...

Für den westlichen Leser mag die Banalität des Geschehens zunächst befremden. Quasi nur in den Nebensätzen erfährt er von den tragischen Ereignissen, Liebesverrat, unerwarteter Tod, oder ein erwartetes Sterben, das sich fortsetzt und zwischendurch zu überraschenden Höhepunkten führt. Der kongenialen Übersetzung ist es zu verdanken, dieses Gleichgewicht zu halten: Ausnahmezustände an der Grenze des Wachbewusstseins und moderner Alltag, auch und vor allem in Japan. Ich bin begeistert! 

 

Martin Suter, Der Koch. Roman. Diogenes Verlag gebundene Ausgabe 2010 EUR 21,90 

Ein neues Berufsbild entsteht unter der Hand, aus der Not geboren, durch Zufälle voran getrieben, in schwierigen Beziehungen bewährt und letztlich dann doch korrumpiert durch die herrschenden Verhältnisse. Aber es gibt ein Happy End im Privaten. Martin Suter ist es wieder gelungen, mehrere Schicksalsfäden miteinander zu verknüpfen und eine spannende Story zu erzählen. Elegant baut er seine Figuren auf, schlägt den Bogen von der Wirtschaftskrise und ihren Folgen im reichen Zürich zu einem kaum wahrgenommenen Bürgerkrieg in Sri Lanka und dem weltweit florierenden Waffenhandel.

Im Mittelpunkt steht Maravan, ein tamilischer Migrant, der sich zeitlebens intensiv mit dem Kochen beschäftigt hat und in der Kunst des Kochens aufgeht. Er arbeitet als Küchenhilfe bei einem renommierten Sterne-Restaurant, wird fristlos entlassen, gewinnt aber eine Komplizin und Partnerin bei einem selbst organisierten Kleinunternehmen, das Love Food zuerst in die Ehen sexualgestörter Paare und dann in die Etablissements des neuen Geldadels per Catering Service bringt. Maravans molekular- ayurvedische Kochkunst funktioniert nämlich nicht nur auf gustatorischer Ebene, sondern dient auch als Aphrodisiakum. Übrigens sind für alle, die sich das Nachkochen zutrauen, die Rezepte im Buch zum Nachlesen abgedruckt. Maravan besticht durch seine Geradlinigkeit, mit der er sich an seine hinduistische Tradition hält und nur auf äußeren Druck zustimmt, ein Sexbusiness aufzubauen. Mit wachsendem Erfolg muss er nämlich Schutzgelder an die Vertreter der tamilischen Rebellen zahlen, und am Anfang macht er sich noch Hoffnung, durch seinen Beitrag die Verwandten zuhause schützen zu können, vor allem seinen jungen Neffen, der ihm in seiner Leidenschaft für das traditionelle Kochen nachgerät. Doch dann erfährt er, dass eben dieser als Kindersoldat rekrutiert wurde und entdeckt das Photo seiner Leiche. Es ist ein bitteres Erwachen und leitet das Happy End einer Liebesverbindung zu einer Landsmännin ein, die sich von den Traditionen löst, um ein emanzipiertes Leben führen zu können. Hinreißend erzählt! 

Paul Torday, Charlie Summers. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Berlin Verlag, Gebundene Ausgabe 2010, EUR 22,00

Nach „Lachsfischen im Jemen“ und „Bordeaux“ lese ich nun den dritten Roman von Paul Torday, und es erscheint mir als der bislang beste. Sicher trägt auch die kongeniale Übersetzung dazu bei, den Text süffig dahin fließen zu lassen, aber die auf typische Art ineinander verschachtelten Geschichten schließen noch besser an, Tempo und Rhythmus schwingen leicht trotz des oft bitteren Inhalts, den der Autor als scharfsinniger Unterhalter und humorvoller Gesellschaftskritiker gut zu verpacken weiß. Wie kann anderer bringt er auf den Punkt, was die Finanzblase zum Platzen gebracht hat, so dass sogar ich mir ein Bild davon machen kann: „Vermutlich war das Geld nie vorhanden. Jeder Handel wurde durch das Anschlussgeschäft finanziert, alles lag immer n ur in der Zukunft.“ (S.252) . Die Ich-Figur mit Namen Hector Chetwode-Talbots brachte als wichtigstes Kapital seine Kontakte ein, als ihn sein früherer Kamerad aus Militäreinsätzen in Afghanistan dazu überredet, bei seinem neuen Firma einzusteigen. In exklusiven Restaurants und bei dekadenten Jagdausflügen überredet er nun Bekannte und Kollegen, Millionen in den dubiosen Hedgefonds seines Freundes Bilbo zu investieren. Von Finanzen hat er gerade genug Ahnung, um nicht als Hochstapler aufzufliegen. In Bilbos Firma scheint auch sonst nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen, der Leser ahnt, wie es enden muss. Aber da gibt es noch eine andere Geschichte, die Geschichte von Charlie Summers, einem Habenichts und Pechvogel, der den Mut nicht aufgibt, großspurig Geschäfte aufzieht, die zum Scheitern verurteilt sind, bis er im Obdachlosenheim landet. Charlie wird von Hector kurzfristig in dessen Landhaus aufgenommen, und in einem Moment, da der Hausherr selbst aushäusig ist, an dessen Stelle von wütenden „Brüdern“ der aus einem militärischen Fehleinsatz heraus getöteten Paschtunen entführt, nach Basra verschleppt und hingerichtet.   
Mit seinem trockenem Humor, einem ausgeprägten Sinn für das Absurde und großem Feingefühl für die Verwicklung von Schicksalen, Wert-und Weltvorstellungen, Sehnsüchten und Idealen zeichnet Torday das Bild einer hysterischen Gesellschaft am Vorabend der Wirtschaftskrise, eingebunden in die vielen „kriegsähnlichen Zustände“ am Rande der Zivilisation und gefangen in einer Ideologie, die angesichts des herrschenden Chaos hilflos reagiert.

 
Paul Torday, Bordeaux: Ein Roman in vier Jahrgängen. Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Berlin Verlag 2008, BVT 2009, EUR 9,90  

Die Geschichte könnte als ein einzigartiges Psychogramm eines Trinkers gedeutet werden, aber da ist noch etwas anderes, was mir wichtiger erscheint als die Sucht nach Alkohol. Es ist auch nicht einfach nur die Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Es ist eine vertrackte Familiengeschichte mit unsichtbaren Fernwirkungen, die die Grenzen von Raum und Zeit überwinden. Die Erzählperspektive verkehrt den Zeitlauf und beginnt beim tiefsten Punkt totaler Zerstörung: Frankie Wilberforce ist ein Wrack, und das nach nur drei Jahren, nachdem er sein erfolgreiches IT-Unternehmen kurzerhand verkauft und Francis' spektakulären Weinkeller übernommen hat. Damals, Anfang dreißig und Single, meinte er genau zu wissen, was er will. Auch wenn er als Workaholic kein normales Leben führt, ist er zufrieden damit. Eines Tages lernt er bei einem Ausflug den exzentrischen Landlord Francis Black kennen, zu dem er sofort eine tiefe Verbundenheit spürt. Die Begegnung verändert für ihn alles: Er wird in eine exquisite Gesellschaft von jungen Aristokraten und Hedonisten eingeführt, und schon bald verliebt er sich in eine Frau, in das pralle Leben, vor allem aber in die feine Kunst des Weintrinkens. Als er den Landlord beerbt, der über die Namensverwandtschaft hinaus als leiblicher Vater des zur Adoption frei gegebenen Kindes in Frage kommt, lässt er sich auf einen fatalen Deal ein. Er übernimmt die Schulden, die auf dem Landbesitz lasten, und fühlt sich verpflichtet den Wein der Weinsammlung im Weinkeller auszutrinken, „um den Wein nicht sterben zu lassen“, denn sobald eine Flasche angebrochen ist, verflüchtigt sich das Leben in ihm, und der echte Weinliebhaber schüttet lieber den Rest in den Ausguss, als ihn stehen zu lassen. Dabei verliert Wilberforce die Kontrolle über das eigene Leben, und er zerstört das seiner Frau, als er in betrunkenem Zustand in das Steuer greift, während sie fährt. Es scheint eine fatale Geschichte zu sein, aber der Endpunkt greift ein Thema auf, das sich auch als Chance hätte erweisen. Wilberforce belauscht unfreiwillig ein Gespräch seiner neuen Freunde aus dem Kreis der gelangweilten Adligen, sie sprechen von ihm als einem Mr. Nobody. Zunächst er zutiefst verstört und verletzt, dann sieht er darin die Weite der Möglichkeiten, die sich einem Niemand und einer Null eröffnen. Doch leider, so weiß nun der Leser, hat er diese Weite nicht für sich nutzen können. Dieses Buch ist hinreißend, und nicht nur etwas für Weinliebhaber oder Suchttherapeuten. Unbedingt lesen!  

 

Paul Torday Lachsfischen im Jemen, Aus dem Englischen von Thomas Stegers, Berlin Verlag 2007


Creda, quia impossibile est, sagte der aus Nordafrika stammende Tertullian, ein wichtiger Zeitzeuge und Bekenner des frühen Christentums. Ich glaube, obwohl (und gerade weil) es unmöglich ist. Mit diesem Satz endet der Bericht eines englischen  Wissenschaftlers, der den größten Wunsch eines arabischen Scheichs erfüllen: wilde Lachse im Hochland des Jemen schwimmen zu sehen, um die Kunst des Fliegenfischens von Schottland in die von Wadis durchzogenen Wüstengebiete zu bringen und die Menschen friedlich in diesem Sport zu vereinen. 
Dr. Alfred Jones ist mit diesem Projekt betraut worden, denn aufgrund seiner Publikation  "Auswirkungen erhöhten Säuregehalts im Wasser auf die Larve der Köcherfliege" in „Trout & Salmon, der größten Zeitschrift für Profifischer in England, gilt er als internationale Größe in Sachen Lachs und Forellen. Zuerst verwirft er die Idee als komplett absurd. Aber ein paar gewiefte Politiker erfahren von dem Vorhaben und erkennen in ihm eine Möglichkeit, die Medien von den unerfreulichen Nachrichten aus dem Nahen Osten abzulenken. Schon bald mischt sich Englands  Premierminister ein, der vor allem seinen eigenen Ruhm im Auge hat.
Nun muss sich  Dr. Jones darüber den Kopf zerbrechen, wie er es schafft, zehntausend schottische Lachse in die Wüste zu fliegen und sie dazu zu bringen, sich flussaufwärts in die sich zur Regenzeit füllenden Wadis zu schwimmen um dort zu laichen. Dabei hat Jones an allen Fronten zu kämpfen, auch seine Frau will Abstand nehmen von einem solchen Unternehmen und verlässt ihn zeitweilig.
Jedoch dem Scheich gelingt es allmählich, Jones' rationale Einwände zu Fall zu bringen und unterrichtet ihn in den Tugenden des Glaubens, der in einem unerschütterlichen Gottvertrauen wurzelt. 
Verwickelt ist in die Geschichte nicht nur die Regierung in 10 Downing Street. Da geht es um Stammesfehden im Jemen und um die immer gleichen Nahost - und Westkonflikte. Al Qaida mischt sich ein und die politischen Kräfte in England wechseln bei der Protektion des Projektes je nach Opportunität die Seiten. Alfred Jones gerät zwischen die Mühlen der politischen Intrigen und wird entlassen, er arbeitet nun ganz im Dienste des Scheichs, der ihm in seiner Lebenshaltung und mit seiner Lebensphilosophie imponiert. Die Vollendung des Projekts, bei der Premierminister und Scheich Seite an Seite im Jemen fischen, fällt zusammen mit einem tragischen Unfall, bei der beide ums Leben kommen. Sie ertrinken in dem vom Regen angeschwollenen Fluss. In Sanaa wird eine Statue an diesen denkwürdige Ereignis erinnern. Jones arbeitet danach in der Fischerei und gestaltet sein Leben zusammen mit seiner Frau, die zu ihm zurück gekehrt ist, auf eine sehr viel einfacherer und gelassener Weise. 
Die Erzählform des Roman nutzt den Kommunikationsstil der heutigen Zeit:  Tagebucheinträge wechseln sich ab mit E-Mailkontakten, Behördenschreiben, Presseberichten. Das Buch lässt sich als spannender Politthriller lesen, aber auch als eine moderne Legende, die von einer Macht des Glaubens ausgeht, die in unseren Breitengraden dem Rationalismus nicht standhalten kann, aber in anderen Kontexten durchaus zur Wirklichkeit gehört. Einfach wunderbar, dieses Buch muss man gelesen haben!

Benedict Wells, Becks letzter Sommer, Diogenes Verlag, Broschiert 2009, EUR 10,90

Beck ist ein Enddreißigers Robert Beck und Lehrer an einem Münchner Gymnasium. In der Begegnung mit seinem genialischen Schüler aus Litauen, Rauli Kantas, erscheint ihm, dem früheren Rockmusiker, sein Leben als gescheitert. Aus seiner damaligen Band wurde er herausgedrängt, das Einzige was ihm von dieserem früheren Lebensabschnitt geblieben ist, ist die Freundschaft mit dem ehemaligen Schlagzeuger Charly, einem manisch depressiven, drogenabhängigen Deutschafrikaner und Hypochonder, der davon überzeugt ist bald zu sterben. Und er soll Recht behalten, auch wenn alles anders kommt als erwartet. Beck versucht zunächst, den Jungen unter seine Fittiche zu nehmen und ihm das zu ermöglichen, was ihm selbst immer verwehrt geblieben war - ein Karriere als Musiker. Aber indem er ihn protegiert, macht er sich abhängig von ihm, ebenso wie er den Jungen an sich zu binden versucht. Endlich erhält Rauli über Beck den ersehnten Vertrag mit einem großen Label, was Beck als Vermittler vor Rauli geheim zu halten versucht, während hinter seinem Rücken schon längst alles unter Dach und Fach ist. Rauli erfindet Geschichten, lügt und betrügt, aber, wie es scheint mit der Unschild eines Traumtänzers. Eine der Geschichten führt das Trio Rauli, Beck und Charly nach Istanbul, wo für Charly die Reise endet: Er, der immer Flugangst hatte und sie endlich überwinden will, stürzt tatsächlich auf dem Heimflug ab. Rauli macht Karriere und verschwindet, Beck zieht sich zurück und lebt in einem Häuschen in einem Ort der italienischen Campagnia, den Lara für ihn (als Trost?) ausgesucht hat, weil sie seine Kindheitserinnerung (eine Reise als Kind mit seinem Vater) wiederbeleben will. In diesem Sommer, in dem Beck an einen Endpunkt der Langeweile und des Überdrusses mit sich selbst gekommen ist, erhält er Besuch von Rauli, der sich bedanken will, und sogleich wieder verschwunden ist, mit sich hat er die Katze genommen, und zurück gelassen hat er als Geschenk eine wunderbare Melodie mit dem Titel FINDING ANNA, eine Herausforderung für Beck, der besser texten kann als komponieren. Und so könnte es auch ein Neuanfang werden.

Dieser Roman ist das Debüt eines 1984 geborenen Schriftstellers, der Schreibstil des jungen Autors ist voller Rhythmus und unterscheidet sich von der Epik der großen weitausholenden Erzählungen, man hat das Gefühl, die Zeit wird auf das Jetzt des Erlebens verkürzt (oder erweitert), als gäbe es zwar etliche mögliche Vergangenheiten, aber keine wirkliche Zukunft. Das macht den Roman so aktuell für mich. Unbedingt lesen, leider jedoch nicht geeignet für Menschen mit Flugangst, die sich hier als durchaus berechtigt erweist! Kay Hoffman

Kamila Shamsie, Verglühte Schatten. Übersetzt von Ulrike Thiesmeyer aus dem Englischen. Bloomsbury Berlin Verlag 2009 EUR 22,95 

 
Wie konnte es nur dazu kommen, fragt sich der Neuankömmling in Guatanamo Beach. Es ist es eine lange Geschichte, die am 9. August 1945 in Nagasaki beginnt. Hiroko Tanaka steht auf ihrer Terrasse. Sie trägt einen Kimono mit drei schwarzen Kranichen auf dem Rücken und denkt an ihre bevorstehende Hochzeit mit Konrad Weiss, der sich so eben auf den Weg zur Urakami Kathedrale gemacht hat. Dort wird das Epizentrum der abgeworfenen Bombe sein, und die Welt verglüht. Von Konrad bleibt ein Schatten, der sich auf einen Stein eingebrannt hat. Hiroko überlebt verletzt, das Muster ihres Kimonos, drei Vögel, hinterlassen ihr Muster als Narben. Dort ist die Haut ohne Gefühl, und zeitlebens wird die Stelle am Rücken ein Stigma sein: Als „Hibakushi“ wird  niemand mit ihr eine Ehe eingehen und Kinder haben wollen. Auf der Suche nach einem Neuanfang reist Hiroko nach Delhi, wo sie bei Konrads Verwandten, den Burtons, ein neues Zuhause findet. Sie begegnet Sajjad Ashraf, der in der Altstadt Delhi, Dilli, lebt und als Hauslehrer bei den englischen Kolonialherren angestellt ist. Hiroko, die mit ihrer Neugier für Menschen und ihrer Sprachbegabung spielend Urdu bei Sajjad gelernt hat, findet eine neue Heimat. Doch bald werden die Engländer abziehen und Indien geteilt werden, der neue Staat Pakistan entsteht und mit ihm kommt eine Umsiedlung von Menschenmassen, die wegen ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit ihre Heimat verlassen müssen. Hiroko Tanaka und Sajjad Ashraf werden ein Paar, ziehen nach Karatschi, aus der Verbindung stammt Raza. Eine Tochter zuvor kam tot auf die Welt. Raza ist der Hoffnungsträger, doch er versagt und findet nicht in die vorgezeichnete Bahn einer erfolgreichen Karriere. Raza wird es sein, der in Verdacht gerät, für die Terroristen zu arbeiten, denen die amerikanische CIA schon lange auf der Spur sind. Zuerst wollen diese die Sowjets schwächen, indem sie die aufständischen Afghanen in ihrem Partisanenkrieg unterstützen. Dann wendet sich das Blatt der Geschichte gegen sie, mit ihren eigenen Waffen, mit dem technischen und militärischen Know-How, das sie den Taliban vermittelten, werden sie nun geschlagen. Um des Abenteuers willen schleust sich Raza mit seinem scheinbar mongolischen Aussehen in die Ausbildungslager der Rebellen  an der pakistanisch-afghanischen Grenze ein und gibt vor, ein Hazara zu sein. Dank seiner guten Kontakte zu entfernten Familienverwandten in der USA kommt er noch mal davon, aber das Schicksal ereilt ihn, als er einem Freund aus Kindertagen helfen will, aus Pakistan nach Canada zu fliehen. Er wird fest genommen, und ihm eine Geschichte angehängt, die ihn des Mordes schuldig werden lässt. Nur wer die Geschichte bis hierhin verfolgt hat, wird das Buch kopfschüttelnd aus der Hand legen, einerseits befriedigt, weil es bis zum Ende spannend war zu lesen, wohin die Geschichte führt, andrerseits beunruhigt, weil wir alle jene Geschichten der Inhaftierungen auf Verdacht kennen, die Geschichten der Unrechtmäßigkeit, die mitten im Rechtsstaat geschehen, jedoch wir jedoch meist nicht aus nächster Nähe verfolgen und auch nicht persönlich davon betroffen sind. Die Autorin, 1973 in Pakistan geboren, heute in London und Karatschi lebend, studierte in New York und veröffentlichte bereits mehrere Romane. Salman Rushdie hat ihr Werk lobend hervor gehoben. Mich hat der Roman sehr bewegt, so dass ich ihn nur empfehlen kann. 

Elizabeth Subercaseaux, Eine Woche im Oktober. Roman. Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle. Piper Verlag Taschenbuch 2009 EUR 7,95

Dies ist das erste Buch von Elizabeth Subercaseaux, das auf Deutsch erscheint. Kurz nachdem sie mit Mitte vierzig mit dem Schreiben von Büchern begann, wurde sie in ihrer Heimat Chile zur Bestsellerautorin.1945 als Tochter einer deutschen Mutter und Ururenkelin von Robert und Clara Schumann in Chile geboren, zog sie mit 22 nach Spanien, wo sie ihre journalistische Karriere begann. 1975 kehrte sie nach Chile zurück und arbeitete dort während der Pinochet-Diktatur 17 Jahre lang als Journalistin im Untergrund, eine Zeit, in der ihre halbe Familie ins Exil geschickt und sie in ihrem Haus fast zu Tode geprügelt wurde.  
„Seltsam, wie sich die Dinge manchmal ergeben“, sagt Clara zu Leonel, mit dem sie zum ersten Mal geschlafen hat.  Beide sind verheiratet, beide wagen einen Seitensprung, beide sind an Krebs erkrankt. Clemente, Claras Ehemann, der selber seit Jahren eine Geliebte hat, liest mit zunehmender Bestürzung das Tagebuch, in dem Clara ihre letzte Liebesbegegnung festgehalten hat. Aber er ist es, Clemente, der bei ihr sein wird, als sie stirbt. Leonel hingegen ist schon tot, er kann Clara nicht mehr antworten. Er liegt neben ihr im Bett mit offenem, unbewegtem Blick. Liebe und Tod finden in einer ganz undramatischen, quasi versponnenen Weise zueinander, überkreuzen sich gleich Fäden, aus denen auf 199 Seiten ein Text entsteht, der nachdenklich aber auch friedlich stimmt. Auch sei hier die Übersetzung erwähnt, die souverän die verschlungenen Pfade der Geschichte nachvollziehen lässt.  Bemerkenswert!

Andrea de Carlo, Das Meer der Wahrheit. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes Verlag 2008 EUR 21,90 

Wieder gelingt es dem Autor, seine Ich-Figur zu heldenhaften Taten in einem korruptem Italien avancieren und den Leser an einem spannenden Polit-Thriller-Geschehen daran teilnehmen zu lassen. Ein senegalesischer Kardinal stirbt an AIDS, er schreibt seine Bekenntnisse unter dem Titel „Das Meer der Wahrheit“ nieder, verbunden mit einem Appell, mehr Aufklärung in der Dritten Welt zuzulassen und die bigotten Moralvorstellungen des Vatikans zu boykottieren. Eine Umwelt-Organisation will dies weltweit veröffentlichen. Ihre Mitglieder werden als Terroristen verleumdet, ihre Mitglieder und Sympathisanten umgebracht, die Presse berichtet mit den bekannten Floskeln über das Tagesgeschehen. Und natürlich verliebt sich wie immer bei De Carlo, der Protagonist in die weibliche Hauptfigur, die er, allen Widerständen zum Trotz, erobert. Wunderbar. Unbedingt lesen!

Andrea de Carlo, Wenn der Wind dreht. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Diogenes Taschenbuch 2007 EUR 11,90

Giro di Vento ist ein Ort, aber auch ein Zustand. Der Ort befindet sich in Umbrien, an dem inmitten einer unzugänglichen Wildnis ein paar verlassene Bauerngehöfte renoviert und dann verkauft werden sollen. Der Zustand ist eine Aufbruchsstimmung, in denen sich die idealistische Aussteiger befinden, die sie, gestärkt durch ihre radikale Weltanschauung, in einem halbkriminellen Status der Hausbesetzer ausharren lässt. Der Zustand ist eine Provokation, aber auch eine Faszination, der wie ein ansteckender Bazillus auch die Städter ergreift. An einem Wochenende wollen sie aufs Land, um sich ihr potentielles Zweithaus in der ländlichen Idylle anzuschauen, doch was wie ein nostalgischer Ausflug beginnt, endet als dramatische Konfrontation. die von ihrem Immobilienmaler zu dem Ort geführt werden, der sich als schon besetzt erweist. dieses Angebot erhalten. De Carlo ist es wieder einmal gelungen, nicht nur Hochspannung zu erzeugen und außergewöhnliche Gefühlseskalationen zu beschreiben, sondern mit seinem Sinn für knisternde Erotik eine Perspektive aufregender neuer Konstellationen zu eröffnen.  Wunderbare Lektüre, allen Italienreisenden und potentiellen Aussteigern empfohlen, aber auch solchen, die ihre urbane Komfortzone genießen und gerne inneren und äußere Abenteuern aus der Distanz folgen. 

Maureen Lindley, Juwel des Ostens. Roman. Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Bloomsbury Verlag 2008 EUR 19,90

Peking 1914. Die achtjährige »Juwel des Ostens«, Tochter von Prinz Su und seiner jüngsten Konkubine, beobachtet heimlich ihren Vater beim Liebesakt mit einer Dienerin. Diese frühe sexuelle Neugier, ebenso wie ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das jegliche weibliche Unterwürfigkeit ablehnt, wird ihr zum Verhängnis. Ihr Vater verbannt sie nach Tokio zu entfernten Verwandten, die sie im Alter von 18 Jahren mit einem mongolischen Prinzen verheiraten. Es gelingt ihr eine abenteuerliche Flucht über Tokio nach Schanghai, voller Liebesabenteuer und politischer Intrigen, bei denen die Japaner sie als Spionin anwerben. Der Roman basiert auf der wahren Lebensgeschichte der Yoshiko Kawashima, die ihren Lebensweg zwischen Tradition, sexueller Freiheit und politischen Interessen selbst bestimmte. Die Autorin, die unter anderem als Fotografin, Antiquitätenhändlerin und Modedesignerin gearbeitet hat, bevor sie Psychotherapeutin wurde, versteht es mit Liebe zum Detail und Einfühlung in eine vergangene Epoche zu fesseln, nicht zuletzt durch ihre hoch erotischen Beschreibungen eines von Sinnlichkeit diktierten Lebensstils. Dieser ist ihr erster Roman, der sich durch wunderbar elegante Erzählweise verbunden mit historischer Recherche auszeichnet. Großartig!

 

Haruki Murakami, Afterdark. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe im BtB Verlag 2008 EUR 9,00

Nach“Kafka am Strand“ eine kurze Geschichte, in der eine Nacht lang verschiedene Schicksalsfäden miteinander verwoben werden. Genannt nach einem Jazzstück wird sie  wie durch das Auge einer Kamera aufgezeichnet, wobei diese wahrnehmende Funktion als Ausgangsort einer der Individualität übergeordneten Perspektive mit einem mystischen Wir bezeichnet wird. Zunächst scheint es nur ein erstaunlicher Kunstgriff, der an Drehbücher und Regieanweisungen erinnert. Dann aber zeigt es eine überraschende Wirkung: der Leser beginnt ebenfalls in diesem Modus zu denken und mitzuerleben, so dass er seine Instanz des Inneren Zeugen aktiviert. Traum und Wirklichkeit mischen sich und finden zu einer Hyperrealität, die ein wunderschönes Mädchen  seit Monaten ununterbrochen durchschläft. Für mich bislang Murakamis bestes Werk.


Orhan Pamuk, Schnee. Roman. Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann. TB Fischer Verlag 2007 3. Aufl. EUR 9,95 

Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York, jetzt in Istanbul. Schon sein Roman „Rot ist sein Name“ faszinierte mich, ich tauchte ein in eine fremde, ferne Welt, nämlich die eines Istanbul im Jahre 1591 vom ärmlichen Teehaus bis zum Palast des Padischah, einer Zeit am Ende der osmanischen Buchmalerei, die durch nicht weniger als einundzwanzig Erzähler, Mörder und Opfer, Tote und Lebende, Maler und gemalte Figuren, Liebende, Tod und Teufel zum Leben erweckt wird.  Pamuk ist ein Meister des polyperspektivischen Erzählens, sein Stil zeichnet sich durch verschlungenen Wege und  Sätze aus, der einen orientalischen Klang anschlägt. Ähnlich wie bei Joyce fließen kleine Details in den großen Strom des erzählenden bzw. lesenden Bewusstseins ein und verleihen zeitgeschichtlich informative Fülle. Auch „Das Schwarze Buch“ spielt in Istanbul, einer zeitgenössischen Variante, die jedoch ebenso zum Labyrinth gerät und Menschen auftauchen ebenso wie verschwinden lässt. Die Stadt Istanbul hat in Pamuk ihren Biografen gefunden, wie einst Dublin in James Joyce, Prag in Franz Kafka. Pamuk erinnert mich auch an Haruki Murakami, seinen Roman „Schnee“ lese ich als lyrischen Text, in dem die osttürkische Provinz-und Garnisonsstadt an der Grenze zu einem kafkaesken „Schloss“ wird. Kedrim Alakrusoglu, im Buch „Ka"genannt, (auch das erinnert mich an Kafkas Herrn K.), kommt als Journalist aus Istanbul dorthin, um eine merkwürdige Serie von Selbstmorden zu untersuchen: Junge Mädchen haben sich umgebracht, weil man sie zwang, das Kopftuch abzulegen. Der Journalist befragt Betroffene, wird unfreiwilliger Zeuge eines politischen Mordes, und plötzlich kommt es zu einem Putsch, inszeniert von einem Schauspieler. Doch was als Theatercoup erscheint, ist Wirklichkeit: es fließt echtes Blut, es intervenieren echte Soldaten, es kommt zu Razzien, Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen im Morgengrauen wie nach einem Terrorakt oder einem Militärputsch. Zugleich wird Ka von mystischen Gefühlen heimgesucht, die ähnlich wie der endlos fallende Schnee über ihn kommen, und die er zu Gedichten, Lebensphilosophien formt, sie im Muster einer Schneeflocke anordnet. Auch in den Momenten größter Grausamkeit, oder vielleicht gerade da spürt er einen göttlichen Willen, dem er sich öffnen und hingeben kann. Mit der gleichen romantischen Bedingungslosigkeit verliebt sich in eine Frau, mit der er nach Deutschland zurückkehren will, wo er ein verlorenes Dasein im Exil fristet. Vier Jahre danach wird er in Frankfurt auf offener Straße erschossen. Nun erhält der Romancier und Erzähler in Ich-Form die Aufgabe, die Rätsel nach und nach zu lösen, so dass am Ende der Schatten des Poeten sich zeigt als Denunziant seines Vorgängers, den er aus Eifersucht aus dem Weg schaffen will. Die Teilung des Roman in eine poetische, geradezu mystische Version und eine Version der Ernüchterung, die dem mit Ka befreundeten Erzähler bleibt, schafft dem Leser des Vergnügen eines Wechselbades der Gefühle, aus dem er schließlich geläutert – und ein wenig enttäuscht – heraustritt. Nach dem ersten Schock jedoch breitet sich die Wirkung der Integration wohltuend aus: der Autor, der alle diese Stimmen in seiner Seele wohnen lässt und ihnen eine Stimme gibt, hat ein zeitloses Meisterwerk geschaffen, das sich über die aktuellen Probleme von Kurdenverfolgung, Sowjetatheismus, Aufklärung als Bedingung für europäische Moderne und Verwestlichung,  glühender, international solidarischer Islamismus erhebt.  Ich habe einen ganz persönlichen Gewinn aus dieser Lektüre bezogen, denn ich sehe mich  darin bestätigt, die Herausforderung unserer Zeit so zu formulieren, nämlich als Aufgabe, den mystischen Fluss in den vielen Traditionen spiritueller Erfahrungen nicht zu leugnen, ja, aus ihm zu schöpfen, ohne die ethischen Maßstäbe des aufgeklärten Bewusstseins zu verraten. Es bedarf einer dritten Position, die beides zulassen kann: Vernunft und Gefühl, Tiefe und Struktur. Lehrreich für mich ist es auch, dass der Journalist, der sich neutral und objektiv um nichtparteiische Information bemüht, dieser Aufgabe weniger gerecht werden kann als der Autor , der in der übergeordneten Position des Erzählers durch seine narrative Konstruktion zu der notwendigen Distanz findet.

Martin Suter, Der letzte Weynfeldt. Roman. Verlag Diogenes 2008 EUR 19,90 

Das ist für mich der beste Roman von Martin Suter, wie immer gesellschaftskritisch, mit Liebe für das Detail, elegant und temporeich erzählt, süffig zu lesen – aber diesmal mit einer Konsequenz durchgeführt, die die Geschichte wie eine Fabel zu ihrem dramatische  Höhepunkt und einem überraschenden Ende führt. Die Figur des Adrian Weynfeldt steht für eine Spezies, die in der Schweiz noch zu finden ist: von großbürgerlicher Herkunft an den Wohlstand von Kindesbeinen an gewöhnt, arbeitet der Protagonist lediglich aus Freude am Tun als Kunstexperte eines renommierten Auktionshauses. Beneidenswert ist er dabei nicht, denn bei allem Genuss eines sorglosen Alltags, der vage von Vorkommnissen in der Vergangenheit überschattet wird und auf eine subtile Unterdrückung hinweist, die ebenfalls von Kindesbeinen an sich über die Persönlichkeit gelegt hat, scheint eine Leere und Langeweile auf, die eigentlich unerträglich wäre, wenn man sie wirklich als Gefühl an sich heran lassen würde. Adrian Weynfeldt lebt beziehungslos vor sich hin und finanziert einige Projekte seiner Freunde, aber von Glück ist keine Spur, bis die Lorena auftaucht – die leicht kriminell angehauchte Chaotin als Befreiern ist ein wiederkehrendes Motiv Suters. Sie stiftet zu jenen Betrügereien an, die dann eine Wende im Leben des Protagonisten und seine triumphale Heimkehr ins sinnlich erfüllte Leben bewirken. Mehr sei nicht verraten, nur noch die abschließende Krönung der Story, die in einem wunderbaren Bild gipfelt: Weynfeldt lässt in seiner Villa das Zimmer seiner verstorbenen Mutter zu einem Fitnessraum umbauen, wo er, nunmehr mit Lorena unter einem Dach vereint, morgens trainiert; von allen Geräten hat es ihm der Crosstrainer angetan, wo er am eigenen Leibe erlebt, wie es nach einer kleinen anfänglichen Anstrengung rund geht und er in seinen Energiefluss hinein kommt; die zweite Phase, die sich an die erste, aktive, anschließt, ist die Kontemplation: da öffnet Weynfeldt das verborgene Safe, in dem ein kostbares Gemälde untergebracht ist, das er selbst ersteigert hat, während sich die Fälschung in dem Nachlass eines Freundes befindet und alle, die sich daran bereichern wollten, austrickst. Befriedigt lege ich die Lektüre zur Seite mit dem Gefühl: es gibt sie noch, die ausgleichende Gerechtigkeit. Und es gibt sie noch, die wirklich guten Storys, die es wert sind, erzählt zu werden. Meine Empfehlung: Unbedingt lesen! Kay Hoffman