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Meine Sommerlektüre 2011. Endlich lesen! Nur lesen
und nicht schreiben. Der Text liegt offen vor mir da wie das Meer. Ich
kann ihn einatmen wie einen Duft. Ich kann ihn wirken lassen, ich muss
nichts dazu sagen. Die Zeit vergeht im Nu. Nur in meinen Träumen
spielen sich all die Dramen ab, die Stoff genug für unendlich viele
Romane und Romanzen, für weitere vergangene Inkarnationen bieten. Je
mehr ich lese, desto mehr kann ich Stoff ablegen, desto mehr öffnet
sich die Zukunft als ein Raum der Weite, der Möglichkeit, des Vermögens… Ich nehme mir die Romane von Jonathan Franzen vor.
Wer Franzen kennt, denkt sich jetzt vielleicht: Ja, um Gottes willen,
warum denn das nur, und auch noch in den Ferien? Als wären die Ferien
dazu da, eindeutiges Vergnügen zu bereiten und alles zu verdrängen,
was dem Lustprinzip nicht entspricht. Wozu die Lektüre von Franzen gehört,
denn dieser Mann steckt von einer Wut, die einfach keine Freude bereiten
kann, es sei denn es sei die eigene Wut, die man sich endlich mal von
der Seele schreibt. Und gerade das geschieht mit mir als Leserin:
nachdem ich die letzten Zeilen von „Die Korrekturen“ gelesen und das
Buch weg gelegt habe, atme ich auf, atme ich tief durch, und siehe da,
ich fühle mich befreit. Das Lesen war eine Art Therapie, in der ich den
Schatten begegnen konnte, die nicht nur meine eigenen sind, du die ich
mit meiner Zeit, meinem Kollektiv, meiner Welt, in der ich lebe, teile.
Das leichte Unbehagen, das mich bei dem Wort „Gesellschaft“ überfällt,
bekommt ein Gesicht, einen Ausdruck. Ich kann den Finger darauf legen.
Das verdanke ich Franzen.
Der Wind war
während seiner Heimfahrt schneidend geworden. Er hatte die Bösartigkeit
einer gewissen Art zu bluten, nicht des sprudelnden Blutens einer
durchtrennten Arterie, sondern des kühlen Sickerns und Nässens eines
zerfleischten Glieds. Er strich Dächer und Giebel der Nachbarhäuser,
verfing sich an den Schornsteinen, trug Sirenengeschrill und ein Rattern
von der Mopac-Strecke nach Norden. Wie der Wind in Chicago oder Boston,
irgendeiner Stadt am Wasser, hinterließ er auf seinen Wangen nicht so
sehr ein Stechen sondern einen Schmerz. Das tausendstimmige Gesumm der Plaza Frontenac konnte von Krankhausbesuchern herrühren, von Trauernden in einem Mausoleum, Flüchtlingen, Evakuierten, nächtlichen Reisenden oder Gaffern am Schauplatz eines Unfalls oder Verbrechens, solcher Art war die unerschütterliche Ungezwungenheit dieser kollektiven Stimme. Während Prost lauschte, schien sich eine große Leere im Klangraum aufzutun. Wahrnehmungskapillaren durchwucherten das gesamte Innere, Abstoßungen vornehmend, dumpf schmerzend, allesamt transparent und die von Probst; oder war das Einkaufszentrum etwa geschrumpft, infolge einer krankhaften Verwinzigungsillusion, bis es in sein Ohr passte und die tausend Geräusche zu punktuellen Gehörreizen reduziert waren, in seiner Hirnkapsel verdichtet zum reinen, weißen Rauschen eines leblosen Ozeans? Das Geburtstagsgefühl ließ ihn nicht in Ruhe. Seine Selbstwahrnehmung blähte sich auf und wurde allumfassend. Was, wenn er die Stadt war? Mehr als nur im Mittelpunkt stehend: die Sache selbst?
In dem Roman The Corrections (dt.: Die Korrekturen), eine Woche vor dem 11.September 2001 erschienen, erzählt die Geschichte der Familie Lambert, wieder ist der Schauplatz eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA. Nach 50 Jahren als Ehefrau und Mutter hat Enid Lambert den Wunsch, ein letztes Weihnachtsfest mit ihrem schwer an Parkinson erkrankten Mann Alfred und den drei Kindern zu verbringen. Und wieder steht das Scheitern der Figuren im Mittelpunkt des Romans, wenngleich die Bühne diesmal nicht im städtepolitischen Treiben, sondern im Kern gesellschaftlichen Lebens, in der Familie angesiedelt ist. Die Kinder versuchen die Lebensmodelle der Eltern zu „korrigieren“, um eigenen Krisen vorzubeugen bzw. aus dem Weg zu gehen. Und hier nun kommt es zur entscheidenden, versöhnenden Korrektur, die den scharf klirrenden, ätzenden Ton der Entfremdung, die Franzen in seinem Erstlingsroman "Die 27. Stadt" zur absoluten Perfektion hoch gefahren hat, ergänzt und zu einer ebenso unerwarteten wie stimmigen Harmonisierung führt. Chip, der sich als Versager von seinem Vater immer abgelehnt fühlte, besucht diesen im Heim, wo er die Ärztin kennen lernt, seine spätere Frau, mit der er Kinder haben wird. So führen die Korrekturen doch noch zu einem fruchtbaren Erfolg, die die Folge der Generationen in eine andere Bahn lenken kann.
Marie NDiaye
wurde 1967 in Naissance à Pithiviers/Loiret
bei Orleans geboren. Nach dem Abitur mit 17
veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Es folgten weitere Romane, für
die sie zahlreiche literarischen Auszeichnungen erhielt, 2009 den Prix
Goncourt für
ihren Roman "Drei starke Frauen". Schon beim Erscheinen
ihres Romans "Rosie Carpe" 2005 in Deutschland, wurde ich auf
sie aufmerksam. Mich
faszinierte mich ihr Stil, mit
dem sie abgründige Geschichten erzählte. Es geht mir dabei wie bei
Simenon: ich bin fasziniert von der Wortgewalt, die unfassbares Elend
beschreibt, erschüttert, aber unfähig, das Buch aus der Hand zu legen.
Sicher trägt auch die kongeniale Übersetzung aus dem Französischen
dazu bei, diese Meisterwerke, zu denen auch das vorliegende Buch gehört,
gebührend im deutschsprachigen Raum zu präsentieren. Eine Rezensentin schrieb enttäuscht,
sie könnte keine Stärke in dem Verhalten oder Handeln der Frauen
entdecken. Und tatsächlich geht es weniger um eine Darstellung
beispielhafter Vorbilder, von denen sich Frauen ermutigen lassen könnten,
sondern mehr um die hohe Kunst, Einzelheiten aus einem Leben in Form von
verfließenden, sich verflüchtigenden Wahrnehmungen zu einem poetischen
Bilderstrom zu verbinden. Die Geschichten interessieren nur am Rande:
Norah, vierzigjährig, gibt dem Drängen ihres Vaters nach und besucht
ihn in Dakar: Sie findet einen verwahrlosten Alten vor, der sich kaum an
etwas erinnern kann. Als in Europa ausgebildete Juristin soll sie ihren
Bruder aus dem Gefängnis holen. Der afrikanische Alltag lässt sie in
Gleichgültigkeit, in demütiger Ergebenheit aufgehen, wenn man
der Spur, die die Worte auslegen, folgen und ihnen glauben darf, ist sie
selbst zuletzt, von außen gesehen wohl dem Wahnsinn verfallen, mit
ihrem Schicksal versöhnt. Von Fanta, die im Unterschied zu Norah
Dakar verlassen hat, um ihrem Ehemann Rudy in die französische Provinz
zu folgen, erfahren wir aus dessen verzweifelten Selbstgesprächen. Er
leidet unter der Trostlosigkeit, dem Mangel, der Langeweile, die sich
wie ein eintöniger, kalter Traum hinzieht. Aus der afrikanischen
Perspektive Fantas jedoch
betrachtet erscheint diese Existenz als luxuriös und zutiefst
befriedigend. In Afrika hätte Rudy keine Chance gehabt. Und so
verklingt diese Geschichte, in der nichts geschieht, in der alles schon
geschehen und Andeutung, Erinnerung ist, mit einem Kontrapunkt: Die alte
Nachbarin ist erstaunt über die bislang immer unzufriedene Frau von
nebenan, denn heute scheint sie ihre Ruhe gefunden zu haben und grüßt
freundlich, teilnahmslos Khady, eine junge Afrikanerin, wird von
den Eltern ihres früh verstorbenen Mannes, von dem sie nicht schwanger
geworden war, gedrängt wegzuziehen und illegal nach Frankreich
einzuwandern. Ihr Leben ist schon lange verwirkt, bevor es an dem
Grenzzaun unter dem Kugelhagel endet. Es spricht für Berlin, dass die
Autorin seit 2007 dort mit ihrer Familie lebt.
Nach dem Roman "Am Rande der Welt", der von dem Sterben der krebskranken Nora und ihrer Hinwendung zum tibetischen Buddhismus erzählt, erreicht uns nun im neuen Jahr die wunderbare, verwirrende und versöhnende Geschichte einer hochbegabten übersensiblen medial veranlagten Jugendlichen, die in der genormten Enge der westlichen Gesellschaft keinen Platz gefunden hat. Die Autorin, eine profunde Kennerin des tibetischen Buddhismus, Dokumentarfilmautorin, Lehrerin des Stillen Qi Gong und Begründerin des Tashi-Delek Vereins, einer Gesellschaft zur Unterstützung der tibetischen Kultur im Exil, wagt es, in der Sprache der No-Future und Null-Bock Generation die Botschaft des Buddha nahe zu bringen. In der Protagonistin Charly, einem weiblichen Wesen ohne Zugang zur eigenen Weiblichkeit, das es in ein Kloster in den Bergen außerhalb von Katmandu verschlagen hat, lebt nicht nur der Westen mit seinen existentialistischen Zuständen der Entfremdung und seiner Sehnsucht nach spiritueller Heimat auf, sondern meldet sich auch durch plötzliche Einblendungen medial empfangener Bilder die schamanische Seite des tibetischen Buddhismus, die in den Ngapkas, den mächtigen Zauberern vertreten ist. Das Buch ist eine meisterhafte Collage verschiedenster Einflüsse, wie sich schon auf dem Cover zeigt. Da ist der Zaubermantel eines Harry Potter, der Himalaya im Postkartenformat, die Gestalt eines Mönchs, der wie ein Refrain auf den Tibetbüchern erscheint und die Ruhe der Meditation in der Abgeschiedenheit veranschaulichen mag und der für die Wendung nach Innen steht. Hier schaut er zurück, als würde er auf Nachzügler warten, oder Abschied nehmen von dem , was er hinter sich lässt; er selbst wird weiter vorgehen. Im Roman ist es die Figur des Lama Yongdu, der die alte Tradition von Weisheit und Mitgefühl neu vermitteln kann, und dies mit stiller Noblesse tut. Ganz nebenbei kann er Charly dadurch lehren, sich selbst anzunehmen und Zärtlichkeit zu erleben, ohne sie sexuell ausleben zu müssen. Es sind neue Formen der spirituellen Einweihung entstanden, neue Gestalten der spirituellen Autorität tauchen von überall auf, so auch ein junger Tulku aus den Niederlanden. Angesichts des nun schon so lange währenden Exils und unter dem kontinuierlichen Einfluss der manifesten Vereinnahmung Tibets durch China ebenso wie der zunehmenden Bedrohung Nepals durch Maoisten entwickelt sich unter der Hand ein neues Selbstverständnis des tibetischen Geistes: er ist nicht mehr an die politische Identifizierung mit der Nation gebunden, er geht weit darüber hinaus. Der Autorin gelingt es, diesen neuen Geist erlebbar zu machen und eröffnet die Perspektive auf ein radikal neues Szenario, das von höchster Aktualität ist und wegweisend auch auf andere über-konfessionelle Geistesbewegungen einwirken könnte. Besonders begeistert hat mich der poetische Zugriff auf nichtalltägliche Bewusstseinszustände, die nicht als ein pathologisches Ausflippen gewertet werden sondern eine Einstimmung in eine verborgene Welt des Geistigen bedeuten. Souverän gemeistert wird die Erfahrung der Anderswelt in den Alltag eingearbeitet, so dass Heilung geschehen kann. Großartig! Nicht nur für Jugendliche und ihre genervten Eltern zu lesen, sondern auch für alle, die an Bewusstseinserweiterung interessiert sind, selbst für Kenner des (tibetischen) Buddhismus hält das Buch einige Überraschungen bereit.
Hernán Rivera Letelier, Die Filmerzählerin. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Insel Verlag 2011 EUR 14,90 Die wunderbaren Bilder aus dem Film von Guzman, "Nostalgia de la luz", sind mir noch im Gedächtnis, ich sehe die Atacama Wüste im Norden Chiles vor mir, auch wenn es schwer vorstellbar ist, dass dort in der Minensiedlung des Salpaterabbaus einst reges Leben herrschte. Die Leute sind arm, aber sie lieben Filme. Also wird María Margarita beauftragt, stellvertretend für alle ins Kino zu gehen und dann die Filme nachzuerzählen. Sie macht das so gut, dass daraus ein Broterwerb wird, der mit der Einführung des Fernsehens ein jähes Ende findet. Heute lebt sie als Touristenführerin an diesem unwirtlichen Ort, der einst ihre Heimat war. Mit seinen 105 Seiten in großzügig gesetzter Schrift lässt sich das Buch leicht lesen, die Sätze sind knapp gefasst, die Geschichten anrührend, ein wunderbares Buch eines Autors, der selbst in der Atacama Wüste zur Welt kam, als Einziger die Werksbibliothek der Minensiedlung besuchte und mit 21 aus Hunger mit dem Schreiben begann. Unbedingt lesen! Martin Suter, Allmen und Libellen. Roman. Diogenes Verlag 2011 EUR 18,90Schon der Titel verspricht jene
entspannte Zuführung der Bösen ihrer gerechten Strafe, ohne dass wir
uns weitere Gedanken machen müssten, was Gut und was Böse, was
gerechtfertigt ist und was nicht. Wie immer, darf man bei Suter sich
darauf freuen, dass die Grenzen zwischen den hehren Werten verschwimmen
und die Oberfläche der Wirklichkeit mehr Abgründe ahnen lässt als sie
im Roman dann ausgelotet werden. Suter - ein Meister des Opaquen. Nun kommen die Libellen ins Spiel: es handelt sich um die am 27. Oktober 2004 bei einem Einbruch im Château Gingins geraubten, bis heute nicht wieder aufgetauchten kostbaren fünf Glasschalen mit Libellenmotiven des bedeutenden Jugendstil-Künstlers Émile Gallé. Im Roman jedoch ist es Allmen vergönnt, sie in der Vitrine einer weitläufigen Seevilla zu entdecken, wohin ihn eines Nachts ein amouröser Zwischenfall führt. Es gelingt ihm, die Schalen herauszuschmuggeln und zu verkaufen, wodurch er wieder liquide ist. Aber dann entrinnt er, der Glückspilz, einem ominösen Mordanschlag, und erwacht mit einem einem Donnerschlag aus seiner Lethargie des Laissez faire. Er muss kämpfen, und tatsächlich lüftet sich das Geheimnis, so dass die eigentlichen Adligen als die eigentlichen Betrüger und Mörder entlarvt werden und Allmen im Verbund mit seinem lebenserfahrenen Butler aus Guatemala nicht nur das Schweigegeld sondern auch die hohe Belohnung seitens der Polizei einkassiert. Beste Unterhaltung, nur zu empfehlen! Drei Romane von Arnon Grünberg. Aufmerksam auf diesen faszinierenden Autor aus den Niederlanden wurde ich durch sein letztes Werk, "Mitgenommen". Ich war sofort elektrisiert, las dann "Gnadenfrist" und jetzt "Der Heilige des Unmöglichen". Alle Bücher wurden ausgezeichnet übersetzt von Rainer Kersten, es ist eine Wonne, sich dem prägnanten Schreibstil zu überlassen und bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit, die liebevoll mit poetischen Details aufwartet, zu wissen: die Bombe platzt. Und zwar ganz am Ende.
Der Heilige des Unmöglichen. Diogenes Verlag 2007 Der Heilige des Unmöglichen" wurde in Holland schon 1998 veröffentlicht und spielt in Grünbergs Wahlheimat in New York. Dort leben n einer abgewrackten Wohnung die 18 und 19jährigen Brüder Tino und Paul Andino, deren junge, schöne Mutter Raffaela die Familie mit einem Job als Kellnerin und zahlreichen Verehrern über Wasser hält; der Vater, ein Tunichtgut, wurde damals, noch in Mexiko, bei einem Raubüberfall erwischt und erschlagen. Plötzlich taucht Krieg auf und kreiert unter dem Label Mama Burrito eine Berufsidee, die die Welt erobern soll. Stattdessen kommt die Gesundheitsbehörde und schließt den Laden, Krieg verschwindet. Doch das spielt sich am Rande ab, denn als die Jungen Kristin aus Kroatien kennen lernen, ist es mit ihnen geschehen. Dieses seltsame Mädchen, das als Prostituierte arbeitet, führt sie in die Liebe ein und verweist immer wieder auf ihr Andenken in der Nachwelt. Eines Tages sticht sie auf einen Mann ein, bis dieser tot zusammen bricht. Indem die beiden Brüder diese ganze Geschichte von ihrer Ankunft in New York an in ihr kleines Heft geschrieben haben gibt es eine krause Chronologie einer verzweifelten Suche nach Sinn. Irgendwie ist es ein existentialistischer Roman, hat jedoch nicht die plakative Eindeutigkeit der Existentialisten. Der Heilige des Unmöglichen ist der Heilige Antonius, zu dem die beiden Brüder immer wieder beten, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass das Unmögliche geschieht und ihr Leben wieder in Ordnung kommt. Gnadenfrist. Diogenes Verlag 2008 Jean Baptist Warnke ist als Angestellter der niederländischen Botschaft in Lima beschäftigt. Er übt sich in der Diplomatie des Alltags, mit der über verborgene Abgründe hinweg geht: «Manchmal ist alles so schön, so furchtbar schön, so unerträglich schön, dass Warnke sich vorstellt, wie er seine beiden Töchter ersäuft, wie zwei junge Kätzchen in einem Jutesack mit Steinen.» Warnke hat alles, Familie, einen guten Job, Gesundheit. Doch die Idylle ist fadenscheinig und bekommt einen Riss, als Warnke in einem kleinen Café nahe der Botschaft ein Mädchen im rosa Pulli, die Studentin Malena, trifft und sich in sie verliebt. Sie gibt vor ihn zu begehren, und er schmilzt dahin. Als sie ihm einen versteckten Tipp gibt, nicht zu dem Weihnachtsempfang der japanischen Botschaft zu gehen, und er seine Kollegen unter der Hand informiert, rettet sie ihn davor, wie andere Botschaft bei einer Geiselnahme durch Terroristen involviert zu werden. Die Geschichte hat einen realen Hintergrund: Im Dezember 1996 kam es bei einem Empfang in der Residenz zur Geiselnahme von rund 340 Diplomaten, die 126 Tage dauern sollte. Eine Geisel erlitt damals einen Herzinfarkt, zwei Soldaten starben und 14 der marxistischen Rebellen wurden getötet. Warnke sieht die Bilder der getöteten Rebellen und erkennt darunter Malena, die einen Anhänger trägt, den er ihr geschenkt hatte. Mittlerweile ist er von seinem Beruf suspendiert und von seiner Frau verlassen worden. Kontakte zu den Rebellen ergeben sich zufällig, und er sprengt sich in die Luft. Seine letzten Gedanken gelten der Zärtlichkeit Malenas.
Mitgenommen.
Diogenes Verlag 2010
Eine
staatliche
Patrouille tötet,
weil
die 'Operation' außer Kontrolle gerät,
ein
vermeintlich revolutionäres Ehepaar in
Anwesenheit ihres Kindes,
das
der Major mit
nach Hause zu seiner Frau nimmt, da er einerseits nicht weiß, was er
sonst tun soll und weil er andrerseits seiner Frau ein Geschenk machen
will, da er selbst wegen seiner Unfruchtbarkeit keine Kinder zeugen
kann. Ein vermeintlicher Kitt für die zum Scheitern verurteilte Ehe.
Doch die Frau hat schon lange ein Verhältnis mit dem General und lehnt
das Kind, Lina, ab. Nun ergeben sich verschiedene Lebensläufe: Die
gescheiterte Operation bereitet dem dienstbeflissenen Major
Schwierigkeiten, der sich als Versager fühlt und beschließt, quasi als
Kompensation, das Kommando einer gefährlichen Aufgabe zu übernehmen:
es geht um die Belieferung von Außenposten im feindlichen, revolutionären
Gebiet in den Bergen. Die Mission scheitert. Viele Soldaten sterben. Dem
Major selbst wird von Einheimischen einer Stadt in den Bergen der
'Prozess' gemacht. Er wird zum 'Vergessen' verurteilt und in einen
Brunnen geworfen. Es lohnt sich durchzuhalten. Der Eindruck, der bleibt, ist der einer verhaltenen Explosion.
Bernhard
Schlink, Sommerlügen. Diogenes Verlag 2010, Ob im Sommer wohl Lebenslügen besser einzugestehen sind als im Winter? Ob die Wahrheit dann weniger hart erscheint, und was ist überhaupt Wahrheit?„Wie hatte Anne gesagt? Wenn du der Wahrheit begegnest und sie quälend findest, ist nicht sie es, die dich quält, sondern das, wovon sie die Wahrheit ist. Und immer macht sie dich frei.“ Sieben Geschichten erzählen, wie die Wahrheit sich zeigt und das Gewebe der Lügengespinste, die sich darüber ausgebreitet haben, fadenscheinig wird. Das geschieht nicht dramatisch, sondern behutsam, es schwingt mehr philosophische Betrachtung darin mit als es auf Nervenkitzel ausgelegt wäre. Es ist ein fragendes Abtasten der Wirklichkeit, eine Bilanz am Ende des Lebens. „Alles Glück will Ewigkeit? Wie alle Lust? Nein, dachte er, es will Stetigkeit. Es will in die Zukunft dauern und schon das Glück der Vergangenheit gewesen sein. Fantasieren Liebende nicht, dass sie sich schon als Kinder begegnet sind und gefallen haben?“ Eine wunderbare Lektüre, sehr zu empfehlen! Kay Hoffman Patricia Duncker, Der Komponist und seine Richterin. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Berlin Verlag 2010 (Gebundene Ausgabe) EUR 24,00Allein
die Idee, einen französischen Kommissar mit dem Nachnamen Schweigen zu
belegen ist genial. Das Schweigen begegnet dem gespannten Leser inmitten
der Ermittlungen und bietet einen raffinierten Kontrapunkt zu der
fieberhaften Suche nach den Ursachen für einen Massenselbstmord,
begangen in der Gegend des Schweizer Jura am Neujahrstag 2000. Was
steckt hinter dem „Wegweiser“, ein kostbares altes Buch mit
Hinweisen auf ein ägyptisches Totengebet und eine Sternenfinsternis?
Die Richterin Dominique Carpentier, bekannt als Sektenjägerin,
selbst aus jenen südfranzösischen Kreisen der Gutsbesitzer stammend
wie viele der Opfer, folgt der Spur, die der „Der Glauben“ hinterlässt.
Apokalyptische Vorstellungen der Jahrtausendwende mischen sich mit
gnostischen Überlieferungen, die dazu auffordern, den Tod als Befreiung
nachzuvollziehen. Durch die bevorstehende Sternenfinsternis des Epsilon
Aurigae (auf Arabisch Imaaz) erhalten die Andeutungen eine beunruhigende
Aktualität: es wird Zeit für die „Dunkle Gegenwart“, die das
„Dunkle Gestirn“ mit sich bringt. (Als „Bedeckungsveränderlicher“
bestehend aus zwei Sternen unterschiedlicher
Leuchtkraft, die sich einander umkreisen,
nimmt die scheinbare Helligkeit ab, wenn sich die dunklere
Komponente vor die hellere schiebt.) „Die Dunkle Gegenwart“ wird in
der ägyptischen Mythologie als Begleiter ins Jenseits dem Gott Anubis
zugeordnet. In diesen Rahmen des Hintergrundwissens eingebettet spielen
sich Dramen menschlicher Leidenschaft ab: Schweigen verliebt sich in die
Richterin und diese wiederum fühlt sich hingezogen zu dem Komponisten
Friedrich Grosz, der als Gestalt körperlicher Übergröße seinem Namen
alle Ehre macht und als graue Eminenz hinter allem steht und in einem
fulminanten Showdown seine Verfolgerin bittet, das neue Oberhaupt der
Sekte zu werden, um diese vor Irrwegen zu schützen. Diese Geschichten mögen
konstruiert wirken, aber es sind Konstruktionen auf hohem Niveau, wie
sie die Autorin schon in ihrem Debütroman „Hallucinating Foucault“
mit Erfolg vorgeführt hat: Es gelingt ihr, aufgrund von Recherchen,
philosophischer Distanz und poetischer Verknüpfung intensive
Innenwelten zu schildern, in denen das Persönliche der Person nicht
mehr ist als Staffage und Statist. Ich habe jede Zeile genossen, zuletzt
auch wegen der souveränen Sprache, die kongenial übersetzt wurde.
Banana Yoshimoto, Mein Körper weiß alles: 13 Geschichten Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns und Thomas Eggenberg. Diogenes Verlag 2010 (Gebundene Ausgabe) EUR 18,90
Der Titel macht
neugierig. Was weiß der Körper, was ich oder die Ich-Figur in den 13
Geschichten nicht weiß und auch nicht wissen kann, wenn sie darüber
bewusst nachdenken würde? Gewissheit entsteht spontan, plötzlich
taucht sie auf, in Traumbildern oder sinnlichen Eindrücken enthalten,
sozusagen als Nebenstimme, und dann ist sie einfach da, nicht mehr aus
der Welt zu schaffen. Das Leben wird anders weiter gehen, aber es geht
weiter. Wunderbar, wie es die Autorin, die ich schon von ihren
vorgehenden Büchern und Geschichten kenne, es wieder schafft, durch
ihre poetische Erzählform eine Unmittelbarkeit zu schaffen, die berührt
und verwandelt. Nach der Lektüren fühle ich mich erfrischt und genährt,
als könnten Worte Energie übertragen. Doch diese Wirkung ist nicht
direkt beabsichtigt, sie ergibt sich. Genau wie damals schien die Abendsonne auf die Stadt und tauchte sie in ein Meer von Licht. War ich verrückt geworden?...Was ich sah, war keineswegs übel. Der heitere Anblick überraschte mich fast, und ein Gefühl tiefer Verbundenheit erfüllt mich... Ach so!, ging es mir plötzlich auf. In den letzten zwei Tagen hatte ich so gut wie nichts gegessen, hatte nur wie betäubt herum gelegen. Jetzt wusste ich, warum die Welt je länger desto komischer erschien. Mein leerer Magen. Ich schloss die Augen. Spürte, wie sich langsam, tief in mir drin, die Lebensgeister regten. Wie das Blut in Bewegung geriet und wieder begann, den Körper mit Energie zu versorgen... Für den westlichen Leser mag die Banalität des Geschehens zunächst befremden. Quasi nur in den Nebensätzen erfährt er von den tragischen Ereignissen, Liebesverrat, unerwarteter Tod, oder ein erwartetes Sterben, das sich fortsetzt und zwischendurch zu überraschenden Höhepunkten führt. Der kongenialen Übersetzung ist es zu verdanken, dieses Gleichgewicht zu halten: Ausnahmezustände an der Grenze des Wachbewusstseins und moderner Alltag, auch und vor allem in Japan. Ich bin begeistert!
Martin
Suter, Der Koch. Roman. Diogenes Verlag gebundene Ausgabe 2010 EUR 21,90 Im Mittelpunkt
steht Maravan, ein tamilischer Migrant, der sich zeitlebens intensiv mit
dem Kochen beschäftigt hat und in der Kunst des Kochens aufgeht. Er
arbeitet als Küchenhilfe bei einem renommierten Sterne-Restaurant, wird
fristlos entlassen, gewinnt aber eine Komplizin und Partnerin bei einem
selbst organisierten Kleinunternehmen, das Love Food zuerst in die Ehen
sexualgestörter Paare und dann in die Etablissements des neuen
Geldadels per Catering Service bringt. Maravans molekular- ayurvedische
Kochkunst funktioniert nämlich nicht nur auf gustatorischer Ebene,
sondern dient auch als Aphrodisiakum. Übrigens sind für alle, die sich
das Nachkochen zutrauen, die Rezepte im Buch zum Nachlesen abgedruckt.
Maravan besticht durch seine Geradlinigkeit, mit der er sich an seine
hinduistische Tradition hält und nur auf äußeren Druck zustimmt, ein
Sexbusiness aufzubauen. Mit wachsendem Erfolg muss er nämlich
Schutzgelder an die Vertreter der tamilischen Rebellen zahlen, und am
Anfang macht er sich noch Hoffnung, durch seinen Beitrag die Verwandten
zuhause schützen zu können, vor allem seinen jungen Neffen, der ihm in
seiner Leidenschaft für das traditionelle Kochen nachgerät. Doch dann
erfährt er, dass eben dieser als Kindersoldat rekrutiert wurde und
entdeckt das Photo seiner Leiche. Es ist ein bitteres Erwachen und
leitet das Happy End einer Liebesverbindung zu einer Landsmännin ein,
die sich von den Traditionen löst, um ein emanzipiertes Leben führen
zu können. Hinreißend erzählt! Paul Torday, Charlie Summers. Roman.
Aus dem Englischen von Thomas Stegers. Berlin Verlag, Gebundene Ausgabe
2010, EUR 22,00 Nach
„Lachsfischen im Jemen“ und „Bordeaux“ lese ich nun den dritten
Roman von Paul Torday, und es erscheint mir als der bislang beste.
Sicher trägt auch die kongeniale Übersetzung dazu bei, den Text süffig
dahin fließen zu lassen, aber die auf typische Art ineinander
verschachtelten Geschichten schließen noch besser an, Tempo und
Rhythmus schwingen leicht trotz des oft bitteren Inhalts, den der Autor
als scharfsinniger Unterhalter und humorvoller Gesellschaftskritiker gut
zu verpacken weiß. Wie kann anderer bringt er auf den Punkt, was die
Finanzblase zum Platzen gebracht hat, so dass sogar ich mir ein Bild
davon machen kann: „Vermutlich war das Geld nie vorhanden. Jeder
Handel wurde durch das Anschlussgeschäft finanziert, alles lag immer n
ur in der Zukunft.“ (S.252) . Die Ich-Figur mit Namen Hector
Chetwode-Talbots brachte als wichtigstes Kapital seine Kontakte ein, als
ihn sein früherer Kamerad aus Militäreinsätzen in Afghanistan dazu überredet,
bei seinem neuen Firma einzusteigen. In exklusiven Restaurants und bei
dekadenten Jagdausflügen überredet er nun Bekannte und Kollegen,
Millionen in den dubiosen Hedgefonds seines Freundes Bilbo zu
investieren. Von Finanzen hat er gerade genug Ahnung, um nicht als
Hochstapler aufzufliegen. In Bilbos Firma scheint auch sonst nicht alles
mit rechten Dingen zuzugehen, der Leser ahnt, wie es enden muss. Aber da
gibt es noch eine andere Geschichte, die Geschichte von Charlie Summers,
einem Habenichts und Pechvogel, der den Mut nicht aufgibt, großspurig
Geschäfte aufzieht, die zum Scheitern verurteilt sind, bis er im
Obdachlosenheim landet. Charlie wird von Hector kurzfristig in dessen
Landhaus aufgenommen, und in einem Moment, da der Hausherr selbst aushäusig
ist, an dessen Stelle von wütenden „Brüdern“ der aus einem militärischen
Fehleinsatz heraus getöteten Paschtunen entführt, nach Basra
verschleppt und hingerichtet. Die
Geschichte könnte als ein einzigartiges Psychogramm eines Trinkers
gedeutet werden, aber da ist noch etwas anderes, was mir wichtiger
erscheint als die Sucht nach Alkohol. Es ist auch nicht einfach nur die
Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Es ist eine vertrackte Familiengeschichte
mit unsichtbaren Fernwirkungen, die die Grenzen von Raum und Zeit überwinden.
Die Erzählperspektive verkehrt den Zeitlauf und beginnt beim tiefsten
Punkt totaler Zerstörung: Frankie Wilberforce ist ein Wrack, und das
nach nur drei Jahren, nachdem er sein erfolgreiches IT-Unternehmen
kurzerhand verkauft und Francis' spektakulären Weinkeller übernommen
hat. Damals, Anfang dreißig und Single, meinte er genau zu wissen, was
er will. Auch wenn er als Workaholic kein normales Leben führt, ist er
zufrieden damit. Eines Tages lernt er bei einem Ausflug den
exzentrischen Landlord Francis Black kennen, zu dem er sofort eine tiefe
Verbundenheit spürt. Die Begegnung verändert für ihn alles: Er wird
in eine exquisite Gesellschaft von jungen Aristokraten und Hedonisten
eingeführt, und schon bald verliebt er sich in eine Frau, in das pralle
Leben, vor allem aber in die feine Kunst des Weintrinkens. Als er den
Landlord beerbt, der über die Namensverwandtschaft hinaus als
leiblicher Vater des zur Adoption frei gegebenen Kindes in Frage kommt,
lässt er sich auf einen fatalen Deal ein. Er übernimmt die Schulden,
die auf dem Landbesitz lasten, und fühlt sich verpflichtet den Wein der
Weinsammlung im Weinkeller auszutrinken, „um den Wein nicht sterben zu
lassen“, denn sobald eine Flasche angebrochen ist, verflüchtigt sich
das Leben in ihm, und der echte Weinliebhaber schüttet lieber den Rest
in den Ausguss, als ihn stehen zu lassen. Dabei verliert Wilberforce die
Kontrolle über das eigene Leben, und er zerstört das seiner Frau, als
er in betrunkenem Zustand in das Steuer greift, während sie fährt. Es
scheint eine fatale Geschichte zu sein, aber der Endpunkt greift ein
Thema auf, das sich auch als Chance hätte erweisen. Wilberforce
belauscht unfreiwillig ein Gespräch seiner neuen Freunde aus dem Kreis
der gelangweilten Adligen, sie sprechen von ihm als einem Mr. Nobody.
Zunächst er zutiefst verstört und verletzt, dann sieht er darin die
Weite der Möglichkeiten, die sich einem Niemand und einer Null eröffnen.
Doch leider, so weiß nun der Leser, hat er diese Weite nicht für sich
nutzen können. Dieses Buch ist hinreißend, und nicht nur etwas für
Weinliebhaber oder Suchttherapeuten. Unbedingt lesen!
Paul Torday
Lachsfischen im Jemen, Aus dem Englischen von Thomas Stegers, Berlin
Verlag 2007
Benedict Wells, Becks letzter
Sommer, Diogenes Verlag, Broschiert
2009, EUR 10,90 Dieser
Roman ist das Debüt eines 1984 geborenen Schriftstellers, der
Schreibstil des jungen Autors ist voller Rhythmus und unterscheidet sich
von der Epik der großen weitausholenden Erzählungen, man hat das Gefühl,
die Zeit wird auf das Jetzt des Erlebens verkürzt (oder erweitert), als
gäbe es zwar etliche mögliche Vergangenheiten, aber keine wirkliche
Zukunft. Das macht den Roman so aktuell für mich. Unbedingt lesen,
leider jedoch nicht geeignet für Menschen mit Flugangst, die sich hier
als durchaus berechtigt erweist! Kay Hoffman Kamila Shamsie, Verglühte
Schatten. Übersetzt von Ulrike Thiesmeyer aus dem Englischen.
Bloomsbury Berlin Verlag 2009 EUR 22,95 Elizabeth
Subercaseaux,
Eine Woche im Oktober. Roman. Aus dem Spanischen von Maria Hoffmann-Dartevelle. Piper Verlag Taschenbuch 2009 EUR 7,95 Dies
ist das erste Buch von Elizabeth Subercaseaux, das auf Deutsch
erscheint. Kurz nachdem sie mit Mitte vierzig mit dem Schreiben von Büchern
begann, wurde sie in ihrer Heimat Chile zur Bestsellerautorin.1945 als
Tochter einer deutschen Mutter und Ururenkelin von Robert und Clara
Schumann in Chile geboren, zog sie mit 22 nach Spanien, wo sie ihre
journalistische Karriere begann. 1975 kehrte sie nach Chile zurück und
arbeitete dort während der Pinochet-Diktatur 17 Jahre lang als
Journalistin im Untergrund, eine Zeit, in der ihre halbe Familie ins
Exil geschickt und sie in ihrem Haus fast zu Tode geprügelt wurde.
Andrea de Carlo, Das
Meer der Wahrheit. Roman. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Diogenes
Verlag 2008 EUR 21,90 Andrea de Carlo, Wenn
der Wind dreht. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Diogenes
Taschenbuch 2007 EUR 11,90 Giro di Vento ist ein Ort, aber auch ein Zustand. Der Ort befindet sich in Umbrien, an dem inmitten einer unzugänglichen Wildnis ein paar verlassene Bauerngehöfte renoviert und dann verkauft werden sollen. Der Zustand ist eine Aufbruchsstimmung, in denen sich die idealistische Aussteiger befinden, die sie, gestärkt durch ihre radikale Weltanschauung, in einem halbkriminellen Status der Hausbesetzer ausharren lässt. Der Zustand ist eine Provokation, aber auch eine Faszination, der wie ein ansteckender Bazillus auch die Städter ergreift. An einem Wochenende wollen sie aufs Land, um sich ihr potentielles Zweithaus in der ländlichen Idylle anzuschauen, doch was wie ein nostalgischer Ausflug beginnt, endet als dramatische Konfrontation. die von ihrem Immobilienmaler zu dem Ort geführt werden, der sich als schon besetzt erweist. dieses Angebot erhalten. De Carlo ist es wieder einmal gelungen, nicht nur Hochspannung zu erzeugen und außergewöhnliche Gefühlseskalationen zu beschreiben, sondern mit seinem Sinn für knisternde Erotik eine Perspektive aufregender neuer Konstellationen zu eröffnen. Wunderbare Lektüre, allen Italienreisenden und potentiellen Aussteigern empfohlen, aber auch solchen, die ihre urbane Komfortzone genießen und gerne inneren und äußere Abenteuern aus der Distanz folgen. Maureen Lindley, Juwel des Ostens. Roman. Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer. Bloomsbury Verlag 2008 EUR 19,90 Peking 1914. Die achtjährige »Juwel des Ostens«, Tochter von Prinz Su und seiner jüngsten Konkubine, beobachtet heimlich ihren Vater beim Liebesakt mit einer Dienerin. Diese frühe sexuelle Neugier, ebenso wie ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein, das jegliche weibliche Unterwürfigkeit ablehnt, wird ihr zum Verhängnis. Ihr Vater verbannt sie nach Tokio zu entfernten Verwandten, die sie im Alter von 18 Jahren mit einem mongolischen Prinzen verheiraten. Es gelingt ihr eine abenteuerliche Flucht über Tokio nach Schanghai, voller Liebesabenteuer und politischer Intrigen, bei denen die Japaner sie als Spionin anwerben. Der Roman basiert auf der wahren Lebensgeschichte der Yoshiko Kawashima, die ihren Lebensweg zwischen Tradition, sexueller Freiheit und politischen Interessen selbst bestimmte. Die Autorin, die unter anderem als Fotografin, Antiquitätenhändlerin und Modedesignerin gearbeitet hat, bevor sie Psychotherapeutin wurde, versteht es mit Liebe zum Detail und Einfühlung in eine vergangene Epoche zu fesseln, nicht zuletzt durch ihre hoch erotischen Beschreibungen eines von Sinnlichkeit diktierten Lebensstils. Dieser ist ihr erster Roman, der sich durch wunderbar elegante Erzählweise verbunden mit historischer Recherche auszeichnet. Großartig! |
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Haruki Murakami, Afterdark. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe im BtB Verlag 2008 EUR 9,00 Nach“Kafka am Strand“ eine kurze Geschichte, in der eine Nacht lang verschiedene Schicksalsfäden miteinander verwoben werden. Genannt nach einem Jazzstück wird sie wie durch das Auge einer Kamera aufgezeichnet, wobei diese wahrnehmende Funktion als Ausgangsort einer der Individualität übergeordneten Perspektive mit einem mystischen Wir bezeichnet wird. Zunächst scheint es nur ein erstaunlicher Kunstgriff, der an Drehbücher und Regieanweisungen erinnert. Dann aber zeigt es eine überraschende Wirkung: der Leser beginnt ebenfalls in diesem Modus zu denken und mitzuerleben, so dass er seine Instanz des Inneren Zeugen aktiviert. Traum und Wirklichkeit mischen sich und finden zu einer Hyperrealität, die ein wunderschönes Mädchen seit Monaten ununterbrochen durchschläft. Für mich bislang Murakamis bestes Werk.
Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk, 1952 in Istanbul geboren, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York, jetzt in Istanbul. Schon sein Roman „Rot ist sein Name“ faszinierte mich, ich tauchte ein in eine fremde, ferne Welt, nämlich die eines Istanbul im Jahre 1591 vom ärmlichen Teehaus bis zum Palast des Padischah, einer Zeit am Ende der osmanischen Buchmalerei, die durch nicht weniger als einundzwanzig Erzähler, Mörder und Opfer, Tote und Lebende, Maler und gemalte Figuren, Liebende, Tod und Teufel zum Leben erweckt wird. Pamuk ist ein Meister des polyperspektivischen Erzählens, sein Stil zeichnet sich durch verschlungenen Wege und Sätze aus, der einen orientalischen Klang anschlägt. Ähnlich wie bei Joyce fließen kleine Details in den großen Strom des erzählenden bzw. lesenden Bewusstseins ein und verleihen zeitgeschichtlich informative Fülle. Auch „Das Schwarze Buch“ spielt in Istanbul, einer zeitgenössischen Variante, die jedoch ebenso zum Labyrinth gerät und Menschen auftauchen ebenso wie verschwinden lässt. Die Stadt Istanbul hat in Pamuk ihren Biografen gefunden, wie einst Dublin in James Joyce, Prag in Franz Kafka. Pamuk erinnert mich auch an Haruki Murakami, seinen Roman „Schnee“ lese ich als lyrischen Text, in dem die osttürkische Provinz-und Garnisonsstadt an der Grenze zu einem kafkaesken „Schloss“ wird. Kedrim Alakrusoglu, im Buch „Ka"genannt, (auch das erinnert mich an Kafkas Herrn K.), kommt als Journalist aus Istanbul dorthin, um eine merkwürdige Serie von Selbstmorden zu untersuchen: Junge Mädchen haben sich umgebracht, weil man sie zwang, das Kopftuch abzulegen. Der Journalist befragt Betroffene, wird unfreiwilliger Zeuge eines politischen Mordes, und plötzlich kommt es zu einem Putsch, inszeniert von einem Schauspieler. Doch was als Theatercoup erscheint, ist Wirklichkeit: es fließt echtes Blut, es intervenieren echte Soldaten, es kommt zu Razzien, Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen im Morgengrauen wie nach einem Terrorakt oder einem Militärputsch. Zugleich wird Ka von mystischen Gefühlen heimgesucht, die ähnlich wie der endlos fallende Schnee über ihn kommen, und die er zu Gedichten, Lebensphilosophien formt, sie im Muster einer Schneeflocke anordnet. Auch in den Momenten größter Grausamkeit, oder vielleicht gerade da spürt er einen göttlichen Willen, dem er sich öffnen und hingeben kann. Mit der gleichen romantischen Bedingungslosigkeit verliebt sich in eine Frau, mit der er nach Deutschland zurückkehren will, wo er ein verlorenes Dasein im Exil fristet. Vier Jahre danach wird er in Frankfurt auf offener Straße erschossen. Nun erhält der Romancier und Erzähler in Ich-Form die Aufgabe, die Rätsel nach und nach zu lösen, so dass am Ende der Schatten des Poeten sich zeigt als Denunziant seines Vorgängers, den er aus Eifersucht aus dem Weg schaffen will. Die Teilung des Roman in eine poetische, geradezu mystische Version und eine Version der Ernüchterung, die dem mit Ka befreundeten Erzähler bleibt, schafft dem Leser des Vergnügen eines Wechselbades der Gefühle, aus dem er schließlich geläutert – und ein wenig enttäuscht – heraustritt. Nach dem ersten Schock jedoch breitet sich die Wirkung der Integration wohltuend aus: der Autor, der alle diese Stimmen in seiner Seele wohnen lässt und ihnen eine Stimme gibt, hat ein zeitloses Meisterwerk geschaffen, das sich über die aktuellen Probleme von Kurdenverfolgung, Sowjetatheismus, Aufklärung als Bedingung für europäische Moderne und Verwestlichung, glühender, international solidarischer Islamismus erhebt. Ich habe einen ganz persönlichen Gewinn aus dieser Lektüre bezogen, denn ich sehe mich darin bestätigt, die Herausforderung unserer Zeit so zu formulieren, nämlich als Aufgabe, den mystischen Fluss in den vielen Traditionen spiritueller Erfahrungen nicht zu leugnen, ja, aus ihm zu schöpfen, ohne die ethischen Maßstäbe des aufgeklärten Bewusstseins zu verraten. Es bedarf einer dritten Position, die beides zulassen kann: Vernunft und Gefühl, Tiefe und Struktur. Lehrreich für mich ist es auch, dass der Journalist, der sich neutral und objektiv um nichtparteiische Information bemüht, dieser Aufgabe weniger gerecht werden kann als der Autor , der in der übergeordneten Position des Erzählers durch seine narrative Konstruktion zu der notwendigen Distanz findet. Martin Suter, Der letzte Weynfeld
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