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Meine
Sommerlektüre 2011. Joseph Vogl,
Über das Zaudern. Diaphanes Verlag 2008 Francois
Jullien, Vortrag über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen.
Merve Verlag Berlin 2006. Im Deutschen wurde das französische
>l´efficacité< mit Wirksamkeit übersetzt, der Vortrag beschäftigt
sich also mit dem bekannten Thema, was wohl der Unterschied zwischen
Effektivität und Effizienz sei. Jullien eröffnet hier ganz neue
Sichtweisen, die sich aus seiner Perspektive des Vergleichs zwischen dem
westlichen und dem chinesischen Denken ergeben.
Er begibt sich bewusst außerhalb des indogermanischen
Sprachraums, das auch das indische Denken prägte und somit die indische
Philosophie zu einem Teil abendländischer Kultur werden lässt, auch
wenn diese aus dem Morgenland kommt. China ist anders. Das mussten schon
die Missionare feststellen, die die Frohe Botschaft bringen wollten und
auf keinerlei Interesse stießen. Foucault spricht in seiner „Ordnung
der Dinge“ von der >Heterotopie< Chinas, die sich von unserer
Vorstellung einer Utopie unterscheidet: man
erkennt schlichtweg, dass der Ort anders ist, dass es ein Anderswo des
Denkens gibt; und dass dieses Anderswo des Denkens unser Denken
reagieren lässt. (S.12) Montesquieu
beschrieb diese Konfrontation mit dem Andersdenken so, als
würde es alles zu Boden werfen, was ich errichtet habe…(Vom Geist
der Gesetze). Für Jullien ermöglicht China, das
Denken, von dem wir kommen, wieder in Distanz zu versetzen, mit seinem
Abstammungslinien zu brechen und es von außen zu hinterfragen…es in
seinen Evidenzen hinterfragen, in dem, was sein Ungedachtes ausmacht. Es
gibt das, was
ich denke, aber
auch das, von
dem aus ich
denke und
das ich
gerade deshalb nicht
denken. Dieser Text, der sich auf dem rückwärtigen Einband befindet, wird nun verständlich. Ich begebe mich nicht nach China, schreibt Jullien, weil ich von der Ferne oder Lust an der Exotik angezogen werde, sondern ich beziehe mich auf China wie auf einen theoretischen Operator (und Entwickler im photographischen Sinne), der das Denken in Unruhe versetzt; also um wieder neue Möglichkeiten in unserem Geist zu öffnen und danach die Philosophie wiederanzukurbeln. Im Unterscheiden zwischen Wirksamkeit (Effektivität) und Effizienz lässt sich dies gut veranschaulichen. Der griechischen (klassisch philosophischen) Auffassung nach konstruiere ich eine ideale Modellform, für die ich einen Plan mache und ein Ziel setze. Dann mache ich mich daran, nach diesem Plan und in Abhängigkeit von diesem Ziel zu handeln. Zunächst wird ein Modell erstellt, und dann muss dieses Modell umgesetzt werden. Dazu bedarf des zweier Fähigkeiten, die als Verstand und als Wille konzipiert werden. Erst kommt die Theorie, dann die Praxis. Das theoretische Denken ist ein Denken in geometrischen Formen, denn diese helfen bei der Modellbildung, sich ein Bild zu machen. Das Bild ist eine >Idee< (sich aus dem griechischen >eidos< ableitend). Wie aber kommt man von der Anschauung (genau das bedeutet >Theorie< wörtlich), zur Praxis? Aristoteles führt den Begriff einer vermittelnden Fähigkeit ein, die er >phronesis< nennt, was meist mit >Klugheit< übersetzt wird und in Nähe unserer >Bauchweisheit< rückt. >Metis<, das Maß, war ursprünglich eine Göttin, die Zeus geehelicht und durch eine List besiegt wurde. Sie verwandelte sich in eine Fliege, um ihre Künste der Metamorphose vorzuführen, worauf Zeus sie verschluckte, weshalb sie seitdem aus dessen Bauch heraus weissagt. In >Metis< sieht Jullien einfach die Fähigkeit, einen Nutzen aus den Umständen ziehen zu können: zu sehen wie sich die Situation entwickelt und das in ihr zu nutzen,was eine günstige Tendenz bildet…Metis aufzuweisen bedeutet, die „tragenden“ Faktoren in der Situation aufzuspüren, um sich von ihnen tragen (franz. Porter) zu lassen. Ertragreich ist das was trägt, das bedeutet, dass die gesamte Initiative nicht von mir als Subjekt oder Urheber ausgeht, der ich meinen Plan auf die Welt projiziere und zugleich die Risiken auf mich nehme und mich verausgabe, sondern dass ich mich, indem ich die günstigen Faktoren in der Situation ausmache, von ihnen tragen lassen kann…ein anderes Bild wäre das das Surfens…Odysseus, der Listenreiche, surft: jahrelang wird er von den Launen der Fluten getragen und , festgeklammert an sein Floß, überlebt…Opportunismus ist nicht mehr in einem abschätzig moralischen Sinn zu begreifen, sondern muss strategisch verstanden werden. (S.22) Zeus, der Metis überwindet indem er sie vereinnahmt, verinnerlicht im wahrsten Sinne des Wortes, wird die patriarchale Form der Weltbeherrschung einführen, so dass die Orientierung am Idealbild als Mittel der Modellbildung zur Hauptoption der klassischen Philosophie wird. Die Anwendung der Mathematik hat zur Geburt der mechanischen Physik geführt und infolgedessen jenen rasanten Fortschritt der wissenschaftlichen Entdeckungen bewirkt. Die große europäische Idee wird geleitet von der Vorstellung, dass Mathematik eine Sprache ist. Wer sie beherrscht, kann im Buch der Natur lesen. Für Galilei ist das Unisversum ein riesiges Buch, das ständig vor unseren Augen aufgeschlagen ist, dass man aber nicht verstehen kann, wenn man sich nicht vorher bemüht, die Sprache zu begreifen, und die Buchstaben zu kennen, in denen es geschrieben ist. Denn es ist in mathematischer Sprache geschrieben; und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. (Il Saggiatore, Die Goldwaage, 1623) Das
strategische Denken Chinas, wie es vor allem durch das Buch über die
Kriegskunst von Sun Zi bekannt geworden ist, besitzt seine eigene Kohärenz
und Logik, die uns zum Andersdenken anregen kann, so dass sich die
westliche Unterscheidung zwischen (Theoretischer) Modellbildung und
(praktischer) Umsetzung auflösen lässt. Dazu bedarf es die Begriffe
von >xing< (Situatioen, Konfiguration, Terrain) und >shi<
(Potential der Situation) zu verstehen. Der Stratege wird nämlich nicht
von der Situation ausgehen, die er zuvor modelliert hat, sondern von der
vorliegenden Situation, in der er sich befindet und deren Potential er
auszumachen versucht. Der
große General wird genau der sein, der es versteht, die Neigung zu
finden, die unter ihm liegt; er sieht also, wie seine Truppen wie Wasser
herunter strömen, das allein der Neigung des Terrains folgt, ohne sich
anstrengen zu müssen...Die Chinesen haben die Reflexion über die
tragenden Faktoren oder über das, was sie >Situationspotential<
nennen, so weit voran getrieben, dass sie sagen, Mut und Feigheit sind
keine Eigenschaft oder kein Fehler, welche man in sich haben würde,...sondern
es ist die Situation oder vielmehr das Situationspotential, was uns
feige oder mutig macht. (S.
34/35) Das
Situationspotential besteht darin, das Variable im Hinblick auf den
Nutzen zu bestimmen. (S.
37) Der
Sieg ist das Ergebnis des Situationspotentials, wie es sich im Laufe der
Operationen erneuert. Was in
jedem Augenblick geschieht, ist zwangsläufig die Konsequenz des
implizierten Kräfteverhältnisses....Im Buch des Sunzi
wird ausdrücklich jeder Rückgriff auf Wahrsagerei verboten: es
ist keine Intervention anzunehmen oder zu erhoffen, die außerhalb der
inneren Logik des Ablaufs liegt. Auf europäischer Seite hat uns die
Idee, auf den Zufall oder das Glück zählen zu müssen und sogar die
Gunst der Gottheit zu gewinnen, bis heute nicht verlassen: „Gott mit
uns“... (S. 39) Was macht man, wenn man nicht (in unserem Sinn) „handelt“? Das wichtigste Wort des chinesischen Denkens ist „Wandlung“, >hua<. Nicht handeln, sondern umwandeln, das gilt für den Weisen wie für den Strategen. Was ist das Wandeln im Gegensatz zum Handeln? Die Wandlung ist nicht lokal, sondern umfassend: die betroffene Gesamtheit wird umgewandelt; 2. sie kann nicht momentan sein, sondern erstreckt sich auf die Dauer – sie ist fortschreitend und stetig, beinhaltet immer einen Ablauf oder, anders gesagt, einen Prozess; und 3. ist sie weniger auf ein bestimmtes Subjekt bezogen, sondern, sondern vollzieht sich diskret durch Beeinflussung und in einer umweltbezüglichen, prägenden und durchdringenden Weise. Die Wandlung ist daher unsichtbar. Man sieht nur die Ergebnisse. (S. 63) Im ältesten literarischen Text
Chinas, dem Buch der Lieder, zeitgleich mit unserer Ilias, heißt es:
„Wenn die Welt in Ordnung ist, kann man an ihr teilnehmen; wenn die Welt
in Unordnung ist, muss man sich gedulden“. Hier unterbreche ich meine Wiedergabe eines Buches, das noch weitere Einsichten birgt, aber zu gut passt der letzte Ausspruch zur spätsommerlich mürben Stimmung, die heute herrscht, und ich erinnere mich, dass in der Fünf-Elemente Lehre der Herbst die Rückkehr des Ying einläutet. Ich werde mich also gedulden, und mir erlauben, erst dann teilzunehmen, wenn mein Gespür für die Ordnung in mir gereift ist. (11.9.2011)
Peter Sloterdijk, Streß und Freiheit. Suhrkamp 2011, 8.- € Hier
wird die Entstehung der Freiheit aus dem Geist der Revolte skizziert,
wobei Stress eine wesentliche Bedeutung für die Integration von
Gesellschaften erhält. Um das Konzept von Liberalität zu
veranschaulichen und die mögliche Aufgabe eines sich neu definierenden
Liberalismus aufzuzeigen, geht Sloterdijk von einem Erlebnis aus, das
Jean-Jacques Rousseau, (eben jenem, der den Contrat social formulierte),
Herbst 1765 widerfuhr und das er in seinem Fünften Spaziergang
als Träumerei beschrieb: Er war mit einem Ruderboot von
der Insel aus, auf die er sich zurückgezogen hatte, auf den Bieler See
hinausgefahren und ließ sich, auf dem Boden des Bootes liegend, dahin
treiben. Sloterdijk identifiziert die Schilderung dieser
Freiheitserfahrung als erstmalig in der Ideengeschichte des Westens,
insofern "das Subjekt der Freiheit sich ausschließlich auf
seine gespürte Existenz beruft, jenseits aller Leistungen und
Verpflichtungen, auch jenseits aller möglicher Ansprüche auf
Anerkennung durch andere. " (S. 26) Vorliegende Untersuchung des Freiheitserlebnisses, von Sloterdijk als "Verwunderungsübung" benannt, lenkt den Fokus auf einen Zustand der Nichtsnutzigkeit, der "glücklichen Unbrauchbarkeit", der als Kontrast zu dem üblichen Utilisations-Fieber zweckrationalen Handelns in sozialen Systemen auffällt: in politischen Großkörpern sorgt Stress für den nötigen Zusammenhalt und wird von den Medien aufrecht erhalten ebenso wie weiter verbreitet. So wird "Realität" über Sorge und Angst konstruiert. Dem sich zu widersetzen gelingt aus der Erfahrung heraus, sich absetzen zu können - "Im Individualismus ist jeder einzelne eine Parallel- Gesellschaft. Wir alle haben einen Migrationshintergrund, sofern wir einmal ganz weit weg waren und jetzt wieder auf dem Posten sind." (S. 40) Zunächst erscheint dieses "Weit weg" als Flucht vor der (sozialen) Realität, dann aber als Quelle der engagierten Freiheit, denn es zeigt sich, dass das freigesetzte Subjekt nie dauerhaft auf dem Standpunkt der Unerreichbarkeit durch das Reale verharrt. (S.56) Das Engagement des freien Subjekt entspringt weder einem Ausdrucksbedürfnis noch einem Trieb, weder einer Neurose noch einem Mangel, es ist eine Konsequenz der Freiheitserfahrung...Man hat die Freiheit zumeist an Orten gesucht, wo man sie unmöglich finden kann, im Willen, im Wahlakt oder im Gehirn, und hat ihre Quelle in der noblen Gesinnung, im Auftrieb, in der Großzügigkeit übergangen.... (S. 57) "In diesem Sinne ist Freiheit Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche" (S. 58)
Byung-Chul
Han: Müdigkeitsgesellschaft Dieser Essay ist nur eine konsequente Weiterführung der Gedanken des in Seoul gebürtigen, nun an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrenden Philosophen. Die ersten Veröffentlichungen handelten von Heidegger und Zen-Buddhismus, Han, der damals in Basel lehrte, war ein Geheimtipp. Jetzt aber hat ein kleiner Essay zeitgenössische Gewissheiten, denen man sich in der bequemen Haltung der political correctness hingab, unaufwendig und nachhaltig irritiert. Er richtet sich ein Denken, das die Virologie als Erklärungsmuster unserer Gegenwart heranzieht, ein Denken, das aus Zeiten des Kalten Krieges im vorigen Jahrhundert stammt und zwischen Freund und Fein unterscheidet. Doch aus der Bedrohung durch den Infekt ist die schleichende Angst und Gewissheit zugleich geworden, einem Infarkt entgegen zu steuern, der aus einem Zuviel an Gleichem resultiert und von Han als pathologischer Zustand erkannt wird, der auf ein Übermaß an Positivität zurückzuführen ist. Doch nur wer Hans frühere Schriften kennt, kann verstehen, wie eine Negativität zum Gegengift werden könnte. Gemeint ist jene Leere, die in ihrer vibrierenden Potenz die östlichen Meditationspraktiken als grundlegendes Thema durchzieht. Die Gewalt der Positivität, die von der Überproduktion, Überleistung oder Überkommunikation herrührt, ist nicht mehr „viral“...die Erschöpfung oder Müdigkeitssyndrom stellt keine immunologische Abwehr, sondern eine digestiv-neuronale Abreaktion und Abwehr dar...Die Erschöpfungsmüdigkeit ist eine Müdigkeit der positiven Potenz. Dieser Müdigkeit stellt Han eine andere entgegen, eine Müdigkeit der negativen Potenz, die sich dadurch auszeichnet, dass man bewusst nichts tut, eine Pause macht von all dem zweckrationalen Tun, so ist der Sabbat gedacht, der Sonntag, es ist gesund Zwischenzeiten einzuschieben als Zäsuren der gleitenden Arbeitszeiten. Nach Handke, der mit ähnlicher Thematik befasst ist, wirft die immanente Religion der Müdigkeit Menschen zusammen, statt sie zu trennen und zu isolieren. Es erwacht eine Zusammenstimmung, die friedlich und freundlich stimmt. Freundlichkeit ist eine buddhistische Tugend, auf die Han immer wieder zu sprechen kommt, und so letztlich auch hier. Das Buch endet mit einer anregenden Vision der kommenden Gesellschaft, die sich bewusst der richtigen Müdigkeit hingibt. Peter Sloterdijk, Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung. Suhrkamp Verlag Edition Unseld 2010.Wo ist man, wenn man
„in Gedanken“ ist? Hannah Arendt meint in ihrem Buch „Vom Leben
des Geistes“: Nirgendwo. Alltag und geistiges Leben driften
auseinander. Aufgrund dieses Verlusts aktiver Teilnahme am politischen
Geschehen von Seiten der Philosophen, die sich der passiven
Kontemplation verschrieben hatten, lehnte sie es ab, als Philosophin zu
gelten und zog den Ausdruck „politische Theorie“ als Bezeichnung
für ihr Betätigungsfeld vor. Tatsächlich könnte man Philosophie,
auch politische Philosophie, als eine „Apres-Philosophie“
(S.82) da sie meist erst im Nachhinein als eine Art Zeitdiagnostik
auftritt und tätig wird, wenn überhaupt. Der Philosoph als
Menschentypus ist schizoid, nicht ganz zu Ende geboren, allzeit
bereit zur Distanz zur Dissoziation, geprägt von einer diffusen
Partizipationsschwäche und einer alles durchdringenden leisen
Verstimmung (S. 84), wie Lamartine in seinem Gedicht „Isolement“
schreibt: „Was bleibe ich auf dieser Erde des Exils/ Da zwischen
mir und ihr nichts mehr gemeinsam ist.“ - dem Leben entfremdet,
bevor es zur heimeligen Gewohnheit werden konnte, hineingeworfen in ein
Dasein, das zu meistern nur aus der Haltung der stoischen Gelassenheit
möglich ist. Dem Existentialismus Sartres wird ein ein Überschuss
Negativität bescheinigt, und doch ist dies nur die Konsequenz aus einer
langen Tradition in der Philosophiegeschichte: epochefähig nennt
Sloterdijk den Typus, den diese Entwicklung hervorgebracht hat und
bezeiht sich auf den Kunstbegriff Husserls der Epoché, der meist als
eine Art Enthaltsamkeit im Geiste verstanden wird. Hier erläutert ihn
Sloterdijk auch in Zusammenhang mit seiner üblichen zeitlichen
Bedeutung der Epoche: Die Epoche im historischen Sinn meint also nicht anderes als
einen abstanderzeugenden Einschnitt, der bewirkt, dass Späteres nicht
mehr als die direkte Fortsetzung des Vorhergehenden begriffen werden
kann. Zwischen den Zeitspannen, die „Epochen“ heißen, liegen die
Trenn-Ereignisse, die man je nach dem Kontext Brüche, Sprünge,
Transformationen, Revolutionen oder Katastrophen nennt….Der Denker
unterscheidet Zustände des Bewusstseinslebens, wie sie sich vor und
nach der phänomenologischen Zäsur darstellen…Das Bewusstsein hält
das Sein auf Distanz, indem es dessen ständiges Ansuchen um
Wahrgenommenwerden hin und wieder berücksichtigt, ohne dem
Antragsteller zu weit entgegenzukommen. (S. 41) Der Kunstausdruck
der Epoché bei Husserl …steht für den Schritt zurück von allen
Formen des existentialen Eingemischtseins…(S.37)…er wurde dem
Wortschatz der griechischen Skeptiker entliehen. Bekanntlich
bezeichneten diese die von ihnen empfohlene Haltung der
Urteilsabstinenz, genauer: die Kunst des Schwebens zwischen den
Doktrinen der etablierten Schulen, um von den Fiktionen der Händler auf
dem Markt und den Fabulationen der Seeleute in den Spelunken nicht zu
reden…..die epoché entspricht hier der Einstellung des Kunden, der über
den Markt spaziert, ohne zu kaufen. (S. 38) Peter Sloterdijk, Über die
Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes „Evangelium“.
Rede zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche, gehalten in Weimar am
25. August 2000. Suhrkamp Verlag 2001.
Nietzsche beschreibt sein im Entstehen begriffenes Werk Zarathustra als ein fünftes Evangelium und kündigt es, in Rapallo weilend, bei seinem Verleger in Chemnitz an als eine wunderschöne Geschichte: ich habe alle Religionen herausgefordert und ein neues <heiliges Buch> gemacht!. (zitiert aus „Sämtliche Briefe auf S.25) Und in einem Schreiben an Karl Hillebrand schreibt er über den ersten Teil des „Zarathustra: Alles, was ich gedacht, gelitten und gehofft habe, steht darin und in einer Weise, dass mir das Leben jetzt wie gerechtfertigt erscheinen will. (zitiert aus „Sämtliche Briefe auf S.26) Nietzsches Evangelium steht im Gegensatz zu den voran gegangen vier, die er durch seine Frohe Botschaft zu überwinden sucht, denn Es ist nun zu Ende mit allem <dunklen Drang>, der gute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Weges bewusst. Und alles Ernstes: Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts…(zitiert aus „Ecce homo“ auf S. 32) Innerhalb meiner Schriften, schreibt Nietzsche in seinem „Ecce homo“, steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das größte Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist…Lassen wir die Dichter beiseite: es ist vielleicht überhaupt nie etwas aus einem gleich Überfluss an Kraft heraus getan worden. Mein Begriff <dionysisch> wurde hier höchste Tat; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Tun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheueren Leidenschaft und Höhe zu atmen wissen würde…das ist Alles das Wenigste und gibt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dieses große Werk lebt…Wenn ich mich danach messe, was ich kann…so habe ich mehr als irgend ein Sterblicher Anspruch auf das Wort Größe…Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab. (zitiert auf S.41, 42) Kommentatoren wie Thomas Mann und Karl Jaspers bescheinigten Nietzsche Spuren von Puerilität, der Größenwahn lässt bis heute die Aussagen Nietzsches schwer ertragen, doch Sloterdijk gelingt es, gerade dieses Selbstlob eines Wahnsinnigen umzudeuten als außergewöhnliche Begabung dieses Autors, von sich selbst, seiner Mission und seinen Schriften in den höchsten Tönen zu reden. (Sloterdijk S.41) Er vermutet in dem Phänomen von Nietzsches Größenwahn, dass hier in einem Individuum der Damm bricht, hinter dem sich in der bisherigen Hochkultur die auto-eulogischen Redeenergien gestaut hatten. (Sloterdijk S.43) <Auto-eulogisch> bedeutet: Von sich selbst gut zu reden; es war bis dahin ein Tabu der expliziten Selbstbejahung und Selbstermächtigung, über das sich Nietzsche erhebt und eine historische Tat vollbringt: Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter…Mein Los will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiß…(zitiert aus „Ecce homo“ auf S. 42) Sloterdijk erklärt, wie es kulturgeschichtlich und sprachphilosophisch bei Nietzsche zu diesem Tabubruch kommen kann, in dem der tradierten Entselbstungsmoral auf nahezu rasende Weise widersprochen wird. (S.44) Das späte Selbstlob fasst die Vorahnungen vom eigenen Werden und die Vollendung der Selbstsucht im Selbst-Bild zusammen…Das „volle“ Selbst-Bild „realisiert“ sich, vielleicht, in einem Moment, wenn die anspruchvollsten Vorwegnahmen des eigenen Werden-Könnens durch den Rückblick auf das gelebte Leben bestätigt werden. (Sloterdijk S. 45) Hat sich ein Leben in seine hohen Möglichkeiten gesteigert, kann sich das Eigen-Lob analog entfalten: noch einmal lobt das Werk den Meister, der im Begriff ist im Werk zu verschwinden. (Sloterdijk S.46) Selbstsucht kann als die am längsten geleugnete Größe gesehen werden, in der sich die besten Möglichkeiten incognito aufgehalten haben. (Sloterdijk S.45) Die Frohe Botschaft in Form der guten Nachrede entsteht dann, wenn eine Entsprechung zwischen dem eigenen Leben und den höchsten Ansprüchen hergestellt wird: Das Dasein muss sich so gesteigert haben, dass das Beste von ihm zu sagen ist. (Sloterdijk S.47) Sloterdijks poetische Nacherzählungen der Nietzsche-Texte geben dem Leser die Möglichkeit, ein ganz neues Nietzsche-Bild entstehen zu lassen. Dieses Bild ergibt sich aus dem empathischen Nachvollzug, es lässt Gefühle aufsteigen, es lässt Gestalten sich zeigen. Da ist zunächst und vorherrschend die Gestalt des Größenwahnsinnigen mit seinem Anspruch auf die historische Bedeutung eines Künders, dann aber auch der Hanswurst, als der sich Zarathustra bezeichnet, ...das Angebot unterbreitend, seine dionysischen Übertreibungen unter dem Aspekt der freiwilligen Lächerlichkeit zu betrachten. (Sloterdijk S.43) Und schließlich, sozusagen als leiser Untergrund einer schrillen Emotionalität, besonders berührend, jene Töne des Urvertrauens in den Sinn der eigenen Setzung, in die Ausreifung der schicksalhaften eigenen Bestimmung, die aus sich heraus, nicht abgeleitet von einem äußeren metaphysischen Leitbild, sich erhebt, herausragt aus dem Allerlei der Gewohnheiten: gelebte Ekstase. Einerseits schreibt Nietzsche in Ecce Homo: Ich habe nie einen Schritt öffentlich getan, der nicht kompromittierte: das ist das Kriterium des rechten Handelns“ (zitiert auf S. 47) Andrerseits findet sich eine Notiz am Anfang des Ecce homo, die an den Duktus der elegischen Gedichte anschließt: An diesem vollkommenen Tage, wo Alles reift...fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie viel und so gute Dinge auf einmal...Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein?“ “ (zitiert auf S. 45) Unter dem zunächst verwirrenden Titel „Totales Sponsoring“ kommt Sloterdijk auf Nietzsches „Adel“, auf seine „Vornehmheit“, seine „Generosität“ zu sprechen – der Größenwahn wird begleitet von einer besonderen Art der Großzügigkeit, die in der Philosophiegeschichte tatsächlich einzigartig ist. Es ist Nietzsches entscheidende Setzung, dass es in der Geschichte der Menschheit noch keine wirkliche Vornehmheit gegeben habe – die das milde Idiotentum der Jesus-Figur und die souveräne Hygiene des Buddha vielleicht ausgenommen. Aber beide verkörpern in seinen Augen defiziente Formen von Generosität, weil sie im Rückzug von der Vita activa verankert sind. (Sloterdijk S. 49) Sloterdijk erklärt die Bedeutung des Wortes „vornehm“ auf ungewohnte, neue Weise: Aus dem Herkommen lässt sich das Prädikat vornehm nicht mehr verteidigen, sofern vornehm der Titel sein soll für die Abstammung einer Tat oder eines Gedankens aus einer ungekränkten, weit zielenden Kraft. Vornehmheit ist eine Stellung zur Zukunft. Nietzsches innovatives Geschenk besteht in der Provokation zu einer Seinsweise, in welcher der Nehmer seinerseits in seiner Sponsorkraft, das heißt, in dem Vermögen, reichere Zukünfte zu eröffnen, aktiviert wäre. (Sloterdijk S. 50) Nietzsche schreibt Philosophiegeschichte anders – nicht mehr der Vergangenheit reflektierend nach rückwärts zugewandt, sondern nach vorne schauend, ausgestattet mit jenem risikofreudigem Vertrauensvorschuss, den jeder Investor und Sponsor haben sollte. Nietzsche entdeckt Alternativen zu der Rückwärtsgewandtheit geschichtlicher Betrachtung: Die Geschichte zerfällt in die Zeit der Schuldwirtschaft und die Zeit der Generosität. Wo die erste immer an Zurück- und Heimzahlung denkt, interessiert sich die andere nur für Vorwärts-Schenkung. Jedes Leben datiert sich künftig, wissend oder nicht, diesem Kriterium entsprechend...Es lohnt sich, auf die Urhandlung der von Nietzsche inaugurierten Generositätskette einen näheren Blick zu werfen...Es ist entscheidend, dass die neuen „lose“ Kette mit einer vorbehaltlosen Geste der Verschwendung beginnt, weil der Geber nur durch reine Selbstverausgabung den Zirkel der Sparvernunft durchbrechen kann. (Sloterdijk S. 51) Viele Aussagen und Zitate Nietzsches können aus dieser Haltung abgeleitet und nachvollzogen werden. Lange vor den neuen Therapien der Selbstaffirmation, die sich aufgrund ihrer Ressourcenorientierung sich sowohl als so effektiv als auch so nachhaltig erwiesen, dass sie die Rituale der Selbstanalyse ablösten, kündet Nietzsche vom Lob der Selbstbejahung – zu seiner Zeit ein absolut undenkbares Novum. Der Sprung in die Großzügigkeit geschieht durch die Bejahung des Reichtums bei sich selbst und anderen, weil er die notwendige Prämisse der Großzügigkeit ist...Was Nietzsche die „Unschuld des Werdens“ nennt, ist wesentlich die Unschuld der Verschwendung und eo ipso die Unschuld der Bereicherung, die um der Möglichkeit von Verausgabung willen gesucht wird. (Sloterdijk S. 51) Nietzsche grenzt sich gegen eine Dekadenz ab, die er in einer ganz bestimmten Weise, und nicht genetisch und rassisch bedingt, versteht: Dekadenz meint bei Nietzsche den Inbegriff von Zuständen, die dem Ressentiment garantieren, stets seine ideale ideale Sprechsituation vorzufinden. Von Dekadenz zeugen die Verhältnisse in denen „der Mucker obenauf ist“ – Nietzsches Formulierung...An der Macht hält sich das Dekadenz-Ideal allein, solange und „weil es keinen Konkurrenten hatte“ (Ecco homo), zitiert Sloterdijk auf S. 53. Nietzsche weiß von sich, dass er das jahrhundertlange Monopol gebrochen hat. Der ungeheure Kraftakt im denken Nietzsches wird offenbar. Wer ist dieser Nietzsche wirklich, der von sich notierte: „Im Bauche des Walfischs werde ich zum Verkünder des Lebens“ ? (Zitiert aus den Nachgelassenen Schriften auf S. 66/67) In kongenialer Dichtersprache lobt Sloterdijk Nietzsches affirmative Sprache, die dem Lob des Fremden verpflichtet ist: ...-, ja, sie lobt das Nicht-Selbst, wie es noch nie gefeiert worden ist. Sie widmet sich jedoch einer Fremdheit, die mehr ist als die Andersheit der anderen Person. Sie setzt sich einer Fremdheit aus, die durch den Sprecher hindurchgeht wie durch einen hallenden Korridor, der Fremdheit, die ihn penetriert und ermöglicht – seiner Kultur, seiner Sprache, seinen Erziehern, seinen Krankheiten, seinen Vergiftungen, seinen Versuchungen, seinen Freunden, ja sogar dem Selbst, das seine scheinbar eigene um die Phänomene legt. Er feiert in sich eine Fülle von Fremdheit namens Welt. (Sloterdijk S.67/68) In Nietzsche zeigt sich jene mystische Gestalt in seiner Öffnung auf Innenfremdheit hin (Sloterdijk S.68), eine Gestalt der übermäßigen Medialität, in seiner allneugierigen Nachgiebigkeit, in seiner nie ganz kompensierten Idiotie. Darum ist der Autor keine einfache Sonne, sondern ein Resonanzkörper. (S.68) In Ecce homo schreibt Nietzsche von sich selbst: Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft – eine weite Zukunft – wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. (zitiert auf S.69) Und im Zarathustra-Idyll des Mittags findet sich eine liegende Ovation an die vollendete Erde, mit der Nietzsche sein Glück besingt : „...Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.“ (Zitiert aus Also sprach Zarathustra auf S. 70) Und so endet das Buch mit den Worten des Autors der über den anderen Autoren schreibt: Hier heißt der Autor sich selber aufhören, Autor zu sein. Wo die Welt alles wurde, was man nicht wecken darf, gibt es keinen Verfasser mehr. Verlassen wir ihn in seinem alten Mittag. Wir müssen uns den Autor als glücklichen Menschen vorstellen. (Sloterdijk S.70), Und so wird ein Buch über Nietzsche zu einem Buch des Trostes. Wunderbar! Unbedingt lesen! Kay Hoffman
Peter Sloterdijk, philosophische Temperamente von Platon bis Foucault. Diederichs Verlag 2009 EUR 14, 95 Fichte meinte,
welche Philosophie man wähle, hänge davon ab, was für ein Mensch man
sei. Fichte stellte zwei Philosophierichtungen zur Auswahl: ein
naturalistisches System für die unterwürfigen Seelen, und und eine
Philosophie der Freiheit, für die von stolzer Gesinnung. Aber die Skala
kann erweitert werden, wie Sloterdijk in seinen neunzehn Miniaturen
zeigt. Neben Platon und
Foucault werden die Denkrichtungen von Aristoteles, Augustinus, Bruno,
Descartes, Pascal, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel, Schelling,
Schopenhauer, Kierkegaard, Marx, Nietzsche, Husserl, Wittgenstein und
Sartre vorgestellt. So
betrachtet und gehandhabt erweist sich das Buch als vergnüglicher
Einstieg in die Denktraditionen des Westens, deren Vielfalt sich in den
Philosophierichtungen spiegelt. Einige
Zitate mögen dies belegen: Zu Platon etwa schreibt Sloterdijk:
"Zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut.
Wer in die Tiefenordnungen blickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im
Ganzen" (S. 18). Philosophie hat die Funktion einer
Orientierungsdisziplin. (S.19) Aristoteles wird steht für das
abendländische Denken: „Das Gehirn des Aristoteles war gleichsam der
Senat einer an Fakultäten reichen Universität" (S. 30).
Augustinus wird als Staatsanwalt Gottes gezeichnet, der ähnlich wie
Pascal angesichts der Auserwählungsgewissheit auf
unbedingte Resignation setzt und der mit sich selbst ins Gericht geht,
wobei er vor allem die menschliche Eigenliebe im Visier hat. (S. 40).
"Aus der glanzvollen Reihe der Renaissance-Philosophen ragt die
verkohlte Silhouette Giordano Brunos eindrucksvoll hervor. Es ist an der
Zeit, die Asche über Brunos Manuskripten wegzublasen, um freizusetzen,
was einen Denker alleine ehrt: die leuchtende Buchstäblichkeit seiner
wirklichen Gedanken" (S. 43, 45). "Es war, als habe Descartes
damit neben dem alten Blut- und Schwertadel und der jüngeren noblesse
de robe einen eigenständigen Methoden-Adel geschaffen, der seine
Mitglieder in allen Schichten rekrutierte, sofern seine Angehörigen den
Eid auf Klarheit und Deutlichkeit zu leisten bereit waren" (S. 49).
Pascal schreibt in seinen Pensees vom Menschen als einem denkenden
Schilfrohr und lässt die Zerbrechlichkeit des Menschen sichtbar werden.
(S. 52) * "Wäre die Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte ein
Bericht von den Konjunkturen des Absurden: Pascals Platz in ihr wäre
für immer gesichert. Er ist der Erste unter den philosophischen
Sekretären der modernen Verzweiflung" (S. 56). "Wie ein
Sonnenkönig des Denkens verausgabte sich Leibniz in zahllosen
Vernunft-Ressorts. Seine Heiterkeit vertritt eine Welt, in der die
Kabinettskriege der Vernunft noch von einem unerschütterlichen
Harmonievertrauen eingehegt werden konnten" (S.62). "Die
Kantischen Weltbürger sind Heilige im Gehrock... In seiner
Zivilreligion sollen Heilige zu Juristen und Helden zu Parlamentariern
werden"(S. 67). Bei Fichte heißt es: "Die Wissenschaftslehre
jedoch – samt ihrem moralischen Supplement: der Anweisung zum seligen
Leben -, ist die logische Posaune, die zur Auferstehung aus den Gräbern
des Objektivismus bläst" (S. 73). Sloterdijks Hegel-Rezeption gibt
neuen Stoff: "Seit Hegel kann geleugnet werden, daß die Geschichte
im wesentlichen zu Ende sei. Vieles bleibt in der Welt zu tun - das wird
zum Schlachtruf nachhegelscher Vernunftpolitik; es gibt noch Ungesagtes
im Haus des Selbst - das wird zum Leitwort nachhegelscher
Diskursschöpfungen" (S. 84). "In Schellings Spätstil, mit
seiner wunderlichen Komplexität und seinem melancholischen Helldunkel,
manifestiert sich der schwierige Abschied vom Epochentraum der
Vernunftallmacht" (S. 93). Von Schopenhauer, dem er nur zwei Seiten
widmet, schreibt er, er sei der erste Denker ersten Ranges gewesen, der
aus der abendländischen Vernunftkirche ausgetreten sei“ (S. 94). „Verzicht“,
heißt es da, „ist für die Modernen das schwierigste Wort der Welt.
Schopenhauer hat es gegen die Brandung gerufen" (S. 95). "Für
Kierkegaard steht der einzelne auch heute vor der christlichen Legende
völlig unbeholfen. Sollte er sich zur Nachfolge entscheiden, dann auf
keinen Fall deswegen, weil schon so und so viele Machtmenschen,
Hysteriker und Konformisten ihm auf diesem Weg vorangegangen sind. Der
Glaube gilt nur aufgrund e9iner Entscheidung zum Vertrauen... Von
Kierkegaard schreibt Sloterdijk: „Er betrat als Erster das Zeitalter
des Zweifels, des Verdachts und der schöpferischen Entscheidung"
(S.101). „Als Heros, der ins Totenreich hinabsteigt, um mit
Wertschatten zu ringen, bleibt Marx auch für die Gegenwart auf
unheimliche Weise aktuell" (S. 109). Nietzsche kann
als Geistesgeschichtlicher Wendepunkt zur ästhetischen Weltanschauung
gesehen werden, Sloterdijk spricht von einer „Artisten-
Metaphysik", wie er in seinem vorletzten Buch „Du musst dein
Leben ändern!“ ausführt. „Mit letzter Schärfe hebt Nietzsche den
bis dahin bis dahin kaum je eigens beleuchteten Sachverhalt ans Licht,
dass die Aufgabe, das eigene Leben aus der Rohstoffartigkeit
herauszuführen und es zu einem Werk sui generis zu machen, den
Charakter eines Kampfes auf Leben und Tod annehmen kann" (S.
112,113). Bei Husserl wie bei anderen neuzeitlichen Denkern davor stellt
sich die Frage, wie viel Gewissheit der Mensch brauche, um sich im
Denken zu orientieren. Husserl, der Begründer der Phänomenologie, will
er seine Schüler durch Klärungs-Übungen denkender Selbstwahrnehmung
in ein „theoretisches Sanatorium entrücken. Köstlich die
Formulierungen, die Sloterdijk findet: „Als bevorzugter Schauplatz
für Thematisierungen von allem, was erscheint, wird der Schreibtisch
des Philosophen zum transzendentalen Belvedere. Der Stuhl des
Philosophen, der sich in trockener Ekstase in seien Deskriptionen
versenkt, ist Träger eines schauend Sitzenden; Schauen und Schreiben
erweisen sich als konvergierende Tätigkeiten“ (S.121)
Zu Wittgenstein schreibt Sloterdijk von der "Hochspannung
eines Menschen, der der ständigen Konzentration auf seine
Ordnungsprinzipien bedarf, um nicht den Verstand zu verlieren. Als
Borderliner des Seins hat es der Philosoph nie mit weniger zu tun als
mit dem Block der Welt im Ganzen, auch wenn er nur über die korrekte
Verwendung eines Wortes in einem Satz nachdenkt" (S. 126).
"Was Sartre angeht, so bliebt er zeitlebens seiner Weise,
die bodenlose Freiheit zu leben, treu. Für ihn war das Nichts der
Subjektivität kein herabziehender Abgrund, sondern eine
heraufsprudelnde Quelle, ein Überschuss an Verneinungskraft gegen alles
Umschließende" (S. 133). In Foucault sieht Sloterdijk einen
offenen Beobachter, dem „ Sinn von Sein nicht Bestand und zeitlose
Wesensbewährung, sondern Ereignis, Horizonteröffnung und
Zeitigung von vorübergehenden Ordnungen“ wichtig ist. Einer,
dem „der Durchbruch zu einer ereignisphilosophisch orientierten
Grundlagenforschung gelungen ist“. Er selbst nannte es Archäologie,
Gilles Deleuze sprach von einer „Universalgeschichte des Zufälligen“.
(S. 141). Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: Über Religion,
Artistik und Anthropotechnik, Suhrkamp Verlag 2009 Diese inspirierende Neuerscheinung
begleitet mich nun schon ein halbes Jahr, und immer wieder schlage ich
nach, um auf einzelne Passagen einzugehen. Ich werde sie hier nach und
auflisten, mit Verweis auf die Integration in der von mir entworfenen
NEUEN LEBENSKUNST. ARCHAISCHER TORSO APOLLONS Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt darin
wie Augenäpfel reiften. Aber sein
Torso glüht noch wie ein Kandelaber, in
dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt, sich
hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug der
Brust dich blenden, und im leisen Drehen der
Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen zu
jener Mitte, die die Zeugung trug. Sonst
stünde dieser Stein entstellt und kurz unter
der Schultern durchsichtigem Sturz und
flimmerte nicht wie Raubtierfelle; und
bräche nicht aus allen seinen Rändern aus
wie ein Stern: denn da ist keine Stelle, die
dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.
Sloterdijk nennt diesen Imperativ den
„Befehl aus dem Stein“. Später wird er einen absoluten Imperativ
daraus entwickeln... Peter Sloterdijk,
Derrida, ein Ägypter. Über das Problem der jüdischen Pyramide. Suhrkamp
Verlag 2007 EUR 7.- Peter
Sloterdijk hält am ersten Todestag des französischen Philosophen eine Rede. Er
will sich dem Phänomen Derrida nähern und geht dessen typischen Oszillationen
des Denkens aus. Es gibt, so scheint Derrida sagen zu wollen, im Realen so
etwas wie nicht synthesefähige
Gegensätze, die koexistieren, obwohl sie sich gegenseitig ausschließen. Weil
Gegensätze ins eigene Denken und Erleben fallen und ihn bestimmen, folgt aus
dieser Konzession zugleich eine Feststellung über den Philosophen, nämlich
dass er sich selber als einen Ort erfuhr, an dem das nicht zur Einheit führende
Zusammentreffen von einander unverträglichen Evidenzen stattfand.
Man könnte sich, von dieser Beobachtung ausgehend, die Frage stellen, ob das
unermüdliche Beharren auf der Mehrdeutigkeit von Zeichen und der Mehrwertigkeit
von Aussagen, die von der Physiognomie dieses Autors nicht wegzudenken ist,
nicht auch ein Hinweis darauf war, dass er sich selbst als Behälter oder
Sammelstellen von Oppositionen erlebte, die sich zu keiner höheren Einheit
zusammenfügen wollten.(Sloterdijk S. 10,11) Derrida gibt Rätsel
auf. Und Sloterdijk schafft es, das Rätsel zu lösen, in dem er Zusammenhänge
herstellt. "Derrida ein Ägypter" liest sich so spannend wie ein
Krimi, mit jedem weiteren Kapitel lässt sich eine Lösung des Falls erkennen,
wobei die Lösung, entsprechend dem Anspruch beider philosophischer Autoren
immer eine vorläufige bleiben muss. Dies verleiht dem Text eine narrative
Qualität. In sieben Kapiteln setzt Sloterdijk Derrida in Beziehung zu Luhmann
(dem er die Fähigkeiten eines Hegelschen Denkens zuschreibt, das allerdings den
rationalen Diskurs der aufklärenden Philosophie des Abendlands abschließt und
keine weitere Öffnung zulässt), Freud (dem es in seiner letzten Schrift „Der
Mann Moses“ geglückt ist, die mosaische Tradition des Monotheismus auf den ägyptischen
Auferstehungsglauben Echnatons zurückzuführen, der in seinem eigenen Lande
nicht akzeptiert wurde und das Exil brauchte, wie so manches Glaubenssystem, um
sich auf breiter Ebene gesellschaftlich durchsetzen zu können), Thomas Mann
(der in seinem Roman „Joseph und seine Brüder“ dieses Geschehen literarisch
aufbereitet und psychologisch feinsinnig anhand der Geschichte des Verstoßenen,
der zum Führer wird, nachzeichnet), Franz Borkenau (einem in Vergessenheit
geratenen Kulturhistoriker, dessen Hauptwerk „Ende und Anfang. Von den
Generationen der Hochkulturen und der Entstehung des Abendlandes“ zwei Typen
von Kultur identifiziert, wobei die eine, in Ägypten wurzelnde, von einer
Unsterblichkeitslehre ausgeht und diese Spur sich durch den Bau der Pyramiden
dem Kollektiven Gedächtnis einprägt, während die andere, die in unser abendländisches
aufgeklärtes Denken hinein wirkt, sich mit dem Tod abfindet und aufgrund dessen
zu einer engagierten Diesseitigkeit und damit wiederum
zu einer Erfindung des Politischen - die Leistung sowohl der Bürgerschaften
der antiken Polis als auch der jüdischen Volksgemeinschaft - gelangt), Règis
Debray (der Begründer der „Mediologie“, der mit dem Aspekt der „transmission“
eine weitere Perspektive im „Problem der jüdischen Pyramide“ eröffnet: Die
totale Mobilisierung eines Volkes, das mit seinem Aufbruch aus Ägypten beginnt,
bei welcher ein ganzes Volk sich in eine fremde, bewegliche Sache verwandelt,
die sich selbst entführt. In diesem Moment werden alle Dinge unter dem
Gesichtspunkt ihrer Transportabilität reevaluiert... (S.51) und der nach
Debray in erster Linie die schweren Götter Ägyptens zum Opfer fallen. Es
gelingt dem Volk Israel durch seine Entscheidung für die tragbare Bundeslade eine
Umcodierung Gottes vom Medium Stein auf das Medium der Schriftrolle,
S.52, was in einem wunderbaren Zitat Debrays aus seinem Werk „Dieu, un
itenéraire“ veranschaulicht wird auf S.52 ), Hegel (der von Derrida in
seinen „Randgängen der Philosophie“ bedacht wird mit dem Untertitel „Der
Schacht und die Pyramide. Einführung in die Helgelsche Semiologie“, und dem
Derrida nachweisen kann, letztlich in seinem Denken platonisch inspiriert zu
sein, insofern er in der Figur des Schachts eine vertikale Unterscheidung
zwischen Himmel und Erde, Oben und Unten, Materie und Geist macht und diese
Vertikale zugleich als Verbindung nutzt), und zuletzt Boris Groys, dem es in einer „Politik der
Unsterblichkeit“ um die Archivierung, um „Museologie“ geht. Das
Groysche Archiv ist ein Bestattungsinstitut der Weltkunst und der Weltkultur –
es ist der Ort, an dem, wie angedeutet, nach einem nie ganz durchschauten Gesetz
der Auswahl eine Mehrzahl von Personen mit ihren Werken die Unsterblichkeit
erlangen können. (S.71). Für Derrida ist das Archiv der Statthalter des
Unendlichen im Endlichen; (S.70) Und damit kommen die Ausführungen zu einem
Ende, das durch die Differenz zwischen dem, was in der generalisierten Grabkammer der
Pyramide, d.h. im Archiv oder Museum, gesammelt werden kann, und dem, was für
immer außerhalb dieser Kammer bleibt – die endlose und beliebige Fülle der
Phänomene, die unter Titeln wie Lebenswelt, Wirklichkeit, Existenz, Werden,
Geschichte und dergleichen beschrieben werden. Es geht nunmehr um die
Verwandlung des bloßen Lebens durch seine Verschiebung ins Archiv. (S.72) |