Lesetipps Philosophie
 

 

Meine Sommerlektüre 2011. 
Endlich lesen! Nur lesen und nicht schreiben. Der Text liegt offen vor mir da wie das Meer. Ich kann ihn einatmen wie einen Duft. Ich kann ihn wirken lassen, ich muss nichts dazu sagen. Die Zeit vergeht im Nu. Nur in meinen Träumen spielen sich all die Dramen ab, die Stoff genug für unendlich viele Romane und Romanzen, für weitere vergangene Inkarnationen bieten. Je mehr ich lese, desto mehr kann ich Stoff ablegen, desto mehr öffnet sich die Zukunft als ein Raum der Weite, der Möglichkeit, des Vermögens, der Erinnerns und des Vergessens…Dazu ein wunderbarer Einstieg von Vogl über das Zaudern.

Joseph Vogl, Über das Zaudern. Diaphanes Verlag 2008
Unter dem Titel: "Synkrasien" fasst das letzte Kapitel die Betrachtungen über das Zaudern zusammen. Ausgehend von Freuds »Moses des Michelangelo« zeigt Vogl, wie das Zaudern als kontrapunktischer Begleiter einer das Abendland prägenden Geschichte der Tat in Erscheinung gesehen werden kann. Er führt das Beispiel der »Orestie, Schillers »Wallenstein«, Musil "Mann ohne Eigenschaften" und Kafkas "Schloss" an, wobei das Zaudern eben nicht als jenes psychologische Handicap jener Menschen, die aus dem Aktivismus einer Zeit der schnellen Entschlüsse und Taten herausfallen bzw. sich dem Mainstream auf diese Weise verweigern, also nicht als simple Suspension des Handelns zu begreifen ist, sondern, indem es die Schwelle zwischen Handeln und Nichthandeln markiert, einen Zwischenraum reiner schöpferischer Potenz und Kontingenz eröffnet. In Form unrealisierter Varianten, die sich gleich einer »Dunstschicht « um das Ereignis legen, läßt sich das Zaudern systematisch als Methode anwenden. Mit Hilfe dieser Methode der Komplikation wird sowohl historisches als auch diskursives Geschehen auf seinen Nullpunkt zurückgeführt und seiner Setzungsgewalt enthoben. Die Geste der Infragestellung, verwandt mit dem Körperbild des Zögerns, auch des Zagens, erlaubt und ritualisiert die Pause, die, wie alle Musiker wissen, zum Teil der Komposition selbst wird. Im philosophischen Diskurs wird das Zaudern zu einer Position, einem tragenden Grund selbst und nimmt Einfluss auf den Kontext und das Feld selbst, innerhalb dessen der Diskurs verläuft. 
Die Ideosynkrasie - bislang in der Psychologie bekannt als
Überempfindlichkeit, als besonders starke Abneigung und Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Personen, Lebewesen, Gegenständen, Reizen, Anschauungen, - wird hier zu einer Haltung, die erlaubt, das Zaudern als Chance zu nutzen und die automatische Folge in die nächste gewöhnliche Tat zu unterbrechen und die Leere, die Lücke, die sich auftut, zuzulassen. Es gibt eine passive Seite des Zauderns, die sich auf eine Teilnahmslosigkeit zurückführen lässt. Die aktive Seite des Zauderns jedoch, fern von Trägheit, Säumigkeit oder gar Depression, stilisiert eine ideosynkratische Genauigkeit, eine Ideosynkrasie gegen die Festigkeit von Weltlagen, gegen die Unwiderruflichkeit von Urteilen, gegen die Endgültigkeit von Lösungen, gegen die Bestimmtheit von Konsequenzen, gegen die Dauer von Gesetzmäßigkeiten und das Gewicht von von Resultaten; und ein begründetes Misstrauen gegen heilgeschichtliche Aufschwünge aller Art. Das Zaudern ersucht um Revision. In ihm artikuliert sich sich ein komplizierender Sinn, der weniger die Antworten zu den Fragen und die Lösungen zu den Problemen sucht, sondern unterstellt, dass in den gegebenen Antworten und Antworten und Lösungen unerledigte Fragen und Probleme weiterhin insistieren...
Vogls Texte sind ein literarischer Genuss, seine Sprache ist geschliffen und von kristalliner Klarheit, und dennoch poetisch komplex, ein Hin und Her zwischen Positionen, Möglichkeiten, Bildern.  

Francois Jullien, Vortrag über Wirksamkeit und Effizienz in China und im Westen. Merve Verlag Berlin 2006.

Im Deutschen wurde das französische >l´efficacité< mit Wirksamkeit übersetzt, der Vortrag beschäftigt sich also mit dem bekannten Thema, was wohl der Unterschied zwischen Effektivität und Effizienz sei. Jullien eröffnet hier ganz neue Sichtweisen, die sich aus seiner Perspektive des Vergleichs zwischen dem westlichen und dem chinesischen Denken ergeben.  Er begibt sich bewusst außerhalb des indogermanischen Sprachraums, das auch das indische Denken prägte und somit die indische Philosophie zu einem Teil abendländischer Kultur werden lässt, auch wenn diese aus dem Morgenland kommt. China ist anders. Das mussten schon die Missionare feststellen, die die Frohe Botschaft bringen wollten und auf keinerlei Interesse stießen. Foucault spricht in seiner „Ordnung der Dinge“ von der >Heterotopie< Chinas, die sich von unserer Vorstellung einer Utopie unterscheidet: man erkennt schlichtweg, dass der Ort anders ist, dass es ein Anderswo des Denkens gibt; und dass dieses Anderswo des Denkens unser Denken reagieren lässt. (S.12)  Montesquieu beschrieb diese Konfrontation mit dem Andersdenken so, als würde es alles zu Boden werfen, was ich errichtet habe…(Vom Geist der Gesetze). Für Jullien ermöglicht China, das Denken, von dem wir kommen, wieder in Distanz zu versetzen, mit seinem Abstammungslinien zu brechen und es von außen zu hinterfragen…es in seinen Evidenzen hinterfragen, in dem, was sein Ungedachtes ausmacht.

 

Es gibt das,

was ich denke,

aber auch das,

von dem aus

ich        denke

und      das

ich gerade deshalb

nicht    denken.

 

Dieser Text, der sich auf dem rückwärtigen Einband befindet, wird nun verständlich. Ich begebe mich nicht nach China, schreibt Jullien, weil ich von der Ferne oder Lust an der Exotik angezogen werde, sondern ich beziehe mich auf China wie auf einen theoretischen Operator (und Entwickler im photographischen Sinne), der das Denken in Unruhe versetzt; also um wieder neue Möglichkeiten in unserem Geist zu öffnen und danach die Philosophie wiederanzukurbeln. Im Unterscheiden zwischen Wirksamkeit (Effektivität) und Effizienz lässt sich dies gut veranschaulichen. Der griechischen (klassisch philosophischen) Auffassung nach konstruiere ich eine ideale Modellform, für die ich einen Plan mache und ein Ziel setze. Dann mache ich mich daran, nach diesem Plan und in Abhängigkeit von diesem Ziel zu handeln. Zunächst wird ein Modell erstellt, und dann muss dieses Modell umgesetzt werden. Dazu bedarf des zweier Fähigkeiten, die als Verstand und als Wille konzipiert werden. Erst kommt die Theorie, dann die Praxis. Das theoretische Denken ist ein Denken in geometrischen Formen, denn diese helfen bei der Modellbildung, sich ein Bild zu machen. Das Bild ist eine >Idee< (sich aus dem griechischen >eidos< ableitend).

Wie aber kommt man von der Anschauung (genau das bedeutet >Theorie< wörtlich), zur Praxis? Aristoteles führt den Begriff einer vermittelnden Fähigkeit ein, die er >phronesis< nennt, was meist mit >Klugheit< übersetzt wird und in Nähe unserer >Bauchweisheit< rückt. >Metis<, das Maß, war ursprünglich eine Göttin, die Zeus geehelicht und durch eine List besiegt wurde. Sie verwandelte sich in eine Fliege, um ihre Künste der Metamorphose vorzuführen, worauf Zeus sie verschluckte, weshalb sie seitdem aus dessen Bauch heraus weissagt.  In >Metis< sieht Jullien einfach die Fähigkeit, einen Nutzen aus den Umständen ziehen zu können: zu sehen wie sich die Situation entwickelt und das in ihr zu nutzen,was eine günstige Tendenz bildet…Metis aufzuweisen bedeutet, die „tragenden“ Faktoren in der Situation aufzuspüren, um sich von ihnen tragen (franz. Porter) zu lassen. Ertragreich ist das was trägt, das bedeutet, dass die gesamte Initiative nicht von mir als Subjekt oder Urheber ausgeht, der ich meinen Plan auf die Welt projiziere und zugleich die Risiken auf mich nehme und mich verausgabe, sondern dass ich mich, indem ich die günstigen Faktoren in der Situation ausmache, von ihnen tragen lassen kann…ein anderes Bild wäre das das Surfens…Odysseus, der Listenreiche, surft: jahrelang wird er von den Launen der Fluten getragen und , festgeklammert an sein Floß, überlebt…Opportunismus ist nicht mehr in einem abschätzig moralischen Sinn zu begreifen, sondern muss strategisch verstanden werden. (S.22) Zeus, der Metis überwindet indem er sie vereinnahmt, verinnerlicht im wahrsten Sinne des Wortes, wird die patriarchale Form der Weltbeherrschung einführen, so dass die Orientierung am Idealbild als Mittel der Modellbildung zur Hauptoption der klassischen Philosophie wird. Die Anwendung der Mathematik hat zur Geburt der mechanischen Physik geführt und infolgedessen jenen rasanten Fortschritt der wissenschaftlichen Entdeckungen bewirkt. Die große europäische Idee wird geleitet von der Vorstellung, dass Mathematik eine Sprache ist. Wer sie beherrscht, kann im Buch der Natur lesen. Für Galilei ist das Unisversum ein riesiges Buch, das ständig vor unseren Augen aufgeschlagen ist, dass man aber nicht verstehen kann, wenn man sich nicht vorher bemüht, die Sprache zu begreifen, und die Buchstaben zu kennen, in denen es geschrieben ist. Denn es ist in mathematischer Sprache geschrieben; und die Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren. (Il Saggiatore, Die Goldwaage, 1623)

Das strategische Denken Chinas, wie es vor allem durch das Buch über die Kriegskunst von Sun Zi bekannt geworden ist, besitzt seine eigene Kohärenz und Logik, die uns zum Andersdenken anregen kann, so dass sich die westliche Unterscheidung zwischen (Theoretischer) Modellbildung und (praktischer) Umsetzung auflösen lässt. Dazu bedarf es die Begriffe  von >xing< (Situatioen, Konfiguration, Terrain) und >shi< (Potential der Situation) zu verstehen. Der Stratege wird nämlich nicht von der Situation ausgehen, die er zuvor modelliert hat, sondern von der vorliegenden Situation, in der er sich befindet und deren Potential er auszumachen versucht. Der große General wird genau der sein, der es versteht, die Neigung zu finden, die unter ihm liegt; er sieht also, wie seine Truppen wie Wasser herunter strömen, das allein der Neigung des Terrains folgt, ohne sich anstrengen zu müssen...Die Chinesen haben die Reflexion über die tragenden Faktoren oder über das, was sie >Situationspotential< nennen, so weit voran getrieben, dass sie sagen, Mut und Feigheit sind keine Eigenschaft oder kein Fehler, welche man in sich haben würde,...sondern es ist die Situation oder vielmehr das Situationspotential, was uns feige oder mutig macht. (S. 34/35)

Der große General im Sun Zi beginnt nicht mit einem Plan, sondern mit >ji<  (was oft falsch übersetzt wurde, denn es heißt eben nicht planen, sondern einschätzen, bewerten).

Das Situationspotential besteht darin, das Variable im Hinblick auf den Nutzen zu bestimmen. (S. 37)  

Der Sieg ist das Ergebnis des Situationspotentials, wie es sich im Laufe der Operationen  erneuert. Was in jedem Augenblick geschieht, ist zwangsläufig die Konsequenz des implizierten Kräfteverhältnisses....Im Buch des Sunzi  wird ausdrücklich jeder Rückgriff auf Wahrsagerei verboten: es ist keine Intervention anzunehmen oder zu erhoffen, die außerhalb der inneren Logik des Ablaufs liegt. Auf europäischer Seite hat uns die Idee, auf den Zufall oder das Glück zählen zu müssen und sogar die Gunst der Gottheit zu gewinnen, bis heute nicht verlassen: „Gott mit uns“... (S. 39)

 Bei der Begegnung mit dem chinesischen Denken wirkt unter anderem höchst befremdlich, dass es das Denkens aus der Finalität herauszieht und sie auflöst...Die Finalität ist überall im griechischen Denken zu finden. Man sehe nur bei Platon oder Aristoteles die matrizielle Beziehung, die zwischen >eidos< (der Modellform), und >telos< (dem angestrebten Zweck), geknüpft wird. Bei Aristoteles ist es diese Finalursache, >telos<, die das Werden anzieht. Telos bedeutet hier gleichzeitig Ende und Ziel. Hier schlägt Jullien eine Brücke zu  der Eschatologie des hebräischen Denkens, das mit seinem Endzeit-Denken die Idee des Jüngsten Gerichts und einer endgültigen Abrechnung bis heute das Denken und Fühlen bestimmt, wenn auch auf unbewusster Ebene. Platon lebt vom Jüngsten Gericht wie das Evangelium von der Apokalypse... Das chinesische Denken hingegen hat nicht das Ziel und Ergebnis gedacht, sondern das Interesse oder den Nutzen, >li<. Im Buch der Wandlungen werden Bilder angeboten, in denen der Nutzen in weltweitem Maßstab in Form globalisierter Prozesse fokussiert wird. (S.42) 

 Die >Logik der Neigung< tritt an die Stelle der Logik der Finalität: Ich setze mir kein Ziel, denn das wäre ein Hemmnis im Hinblick auf die Entwicklung der Situation; aber ich ich nutze eine Konstellation aus...Der große Strategie entwirft nicht einen Plan, sondern erkundet, erspürt ganz direkt die Situation und die Faktoren, die günstig für ihn sind, so dass er sie wachsen lassen kann...Zitat im Sunzi: „Siegreiche Truppen, die gesiegt haben, bevor sie den Kampf beginnen; besiegte Truppen sind Truppen, die den Sieg erst im Moment des Kampfes gesucht haben.“  Alles geschieht vorher, im Stadium der Bedingungen. (S.45) Bei Laozi heißt es: Der Weise wirkt im Stadium der Leichtigkeit. Dies steht im Gegensatz zur europäischen Meinung, die Wirksamkeit/ Effektivität sei proportional zur Schwierigkeit, mit der sie errungen wird – Jullien sieht hier die Wurzel des heroischen Verhaltens: ein tief verwurzeltes Festhalten an Heldentaten, ein atavistisches Lob der Schwierigkeit. (S.48)

Es tut sich eine Kluft auf zwischen China und dem Westen: Hier das Denken des Prozesses (der Reifung), dort die Theatralisierung der erzwungenen Wirkung – deutlich sichtbar, weil erzwungen, die somit nur eine Pseudo-Wirkung ist. Durch den zielgerichteten Aktionismus, den der Wille hervor bringt,  wird das spontane Treiben des Triebs, der Prozess der Reifung unterbrochen. Stattdessen muss man den Prozess laufen, ohne ich  allerdings los zu lassen. Menzius sagt: Man hackt, man jätet am Fuße des Triebs; indem man den Boden auflockert, indem man ihn belüftet, begünstigt man das Treiben. Man hüte sich vor Ungeduld wie vor Trägheit. (S. 51) Das chinesische Denken hat von der traditionellen Agrarwirtschaft, die mit kleinen Flächen nutzbringend umzugehen verstanden hat, gelernt. Daraus kam es nicht dazu, etwa ein heroisches, rhetorisches Modell zu konstruieren, das sich durch seine Interventionskraft der Welt aufdrängt, sondern auf den  unendlich kleinen, graduellen und stillschweigenden Prozess des Treibens zu zählen, den man begleiten muss…In China gibt es somit diese nicht in Frage gestellte Übereinstimmung in Bezug auf das, was das Treiben stillschweigend lehrt: sich nicht einmischen, sich nicht anstrengen, sondern sich der Neigung anpassen und sie begleiten; nicht (vorwärts) führen, sondern > sekundieren<, das heißt, als Zweiter kommen – bescheiden, ohne Ruhm und selbst – ohne Aufmerksamkeit zu erregen – selbst diese Neigung zur Entfaltung bringen…Laozi nennt es „dem helfen, was von selbst kommt“ (S.52/53) Man handelt also im Sinne dessen, was von allein kommt - >ziran<, wobei mit >yin< und >yang< die Fähigkeiten der Rezeptivität und der Initiative in diesem Kontext verstanden werden. Aus der Vorherrschaft des einen folgt die Rückkehr des anderen, woraus sich eine ununterbrochene Verkettung des Prozesses ergibt. Jeder Faktor ist dem anderen entgegengesetzt und resultiert zugleich aus ihm  Nur in diesem Zusammenhang kann die Lehre vom Nicht-Tun richtig eingeschätzt werden als ein „Nichts tun, so dass nichts ungetan bleibt“. 

Was macht man, wenn man nicht (in unserem Sinn) „handelt“? Das wichtigste Wort des chinesischen Denkens ist „Wandlung“, >hua<. Nicht handeln, sondern umwandeln, das gilt für den Weisen wie für den Strategen. Was ist das Wandeln im Gegensatz zum Handeln?

Die Wandlung ist nicht lokal, sondern umfassend: die betroffene Gesamtheit wird umgewandelt; 2. sie kann nicht momentan sein, sondern erstreckt sich auf die Dauer – sie ist fortschreitend und stetig, beinhaltet immer einen Ablauf oder, anders gesagt, einen Prozess; und 3. ist sie weniger auf ein bestimmtes Subjekt bezogen, sondern, sondern vollzieht sich diskret durch Beeinflussung und in einer umweltbezüglichen, prägenden und durchdringenden Weise. Die Wandlung ist daher unsichtbar. Man sieht nur die Ergebnisse. (S. 63)

Im ältesten literarischen Text Chinas, dem Buch der Lieder, zeitgleich mit unserer Ilias, heißt es: „Wenn die Welt in Ordnung ist, kann man an ihr teilnehmen; wenn die Welt in Unordnung ist, muss man sich gedulden“.

Hier unterbreche ich meine Wiedergabe eines Buches, das noch weitere Einsichten birgt, aber zu gut passt der letzte Ausspruch zur spätsommerlich mürben Stimmung, die heute herrscht, und ich erinnere mich, dass in der Fünf-Elemente Lehre der Herbst die Rückkehr des Ying einläutet. Ich werde mich also gedulden, und mir erlauben, erst dann teilzunehmen, wenn mein Gespür für die Ordnung in mir gereift ist. (11.9.2011)    

 

Peter Sloterdijk, Streß und Freiheit. Suhrkamp 2011, 8.- €

Hier wird die Entstehung der Freiheit aus dem Geist der Revolte skizziert, wobei Stress eine wesentliche Bedeutung für die Integration von Gesellschaften erhält. Um das Konzept von Liberalität zu veranschaulichen und die mögliche Aufgabe eines sich neu definierenden Liberalismus aufzuzeigen, geht Sloterdijk von einem Erlebnis aus, das Jean-Jacques Rousseau, (eben jenem, der den Contrat social formulierte), Herbst 1765 widerfuhr und das er in seinem Fünften Spaziergang als Träumerei beschrieb:  Er war mit einem Ruderboot von der Insel aus, auf die er sich zurückgezogen hatte, auf den Bieler See hinausgefahren und ließ sich, auf dem Boden des Bootes liegend, dahin treiben. Sloterdijk identifiziert die Schilderung dieser Freiheitserfahrung als erstmalig in der Ideengeschichte des Westens, insofern "das Subjekt der Freiheit sich ausschließlich auf seine gespürte Existenz beruft, jenseits aller Leistungen und Verpflichtungen, auch jenseits aller möglicher Ansprüche auf Anerkennung durch andere. " (S. 26) 
Wahrhaftig frei dürfte sich künftig nur nennen, wem die Zuwendung zu sich selbst in der Weise gelingt, dass die Quelle des Gefühls der Existenz in ihm zu strömen beginnt - nicht als im Modus der Langeweile wie bei Heidegger, nicht im Modus des Ekels wie bei Sartre, sondern mit der Klangfarbe einer leisen Euphorie, die eine ungegenständliche Bejahung der Gesamtlage vor jeder artikulierten Zustimmung zu diesem oder jenem manifestiert. " (S. 27)

Vorliegende Untersuchung des Freiheitserlebnisses, von Sloterdijk als "Verwunderungsübung" benannt, lenkt den Fokus auf einen Zustand der Nichtsnutzigkeit, der "glücklichen Unbrauchbarkeit", der als Kontrast zu dem üblichen Utilisations-Fieber zweckrationalen Handelns in sozialen Systemen auffällt: in politischen  Großkörpern sorgt Stress für den nötigen Zusammenhalt und wird von den Medien aufrecht erhalten ebenso wie weiter verbreitet. So wird "Realität" über Sorge und Angst konstruiert. Dem sich zu widersetzen gelingt aus der Erfahrung heraus, sich absetzen zu können - "Im Individualismus ist jeder einzelne eine Parallel- Gesellschaft. Wir alle haben einen Migrationshintergrund, sofern wir einmal ganz weit weg waren und jetzt wieder auf dem Posten sind." (S. 40) Zunächst erscheint dieses "Weit weg" als Flucht vor der (sozialen) Realität, dann aber als Quelle der engagierten Freiheit, denn es zeigt sich, dass das freigesetzte Subjekt nie dauerhaft auf dem Standpunkt der Unerreichbarkeit durch das Reale verharrt. (S.56) 

Das Engagement des freien Subjekt entspringt weder einem Ausdrucksbedürfnis noch einem Trieb, weder einer Neurose noch einem Mangel, es ist eine Konsequenz der Freiheitserfahrung...Man hat die Freiheit zumeist an Orten gesucht, wo man sie unmöglich finden kann, im Willen, im Wahlakt oder im Gehirn, und hat ihre Quelle in der noblen Gesinnung, im Auftrieb, in der Großzügigkeit übergangen.... (S. 57)

"In diesem Sinne ist Freiheit Verfügbarkeit für das Unwahrscheinliche" (S. 58)

 

 

 

 

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz, Berlin 2010; 10,00 €

Dieser Essay ist nur eine konsequente Weiterführung der Gedanken des in Seoul gebürtigen, nun an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe lehrenden Philosophen. Die ersten Veröffentlichungen handelten von Heidegger und Zen-Buddhismus, Han, der damals in Basel lehrte, war ein  Geheimtipp. Jetzt aber hat ein kleiner Essay zeitgenössische Gewissheiten, denen man sich in der bequemen Haltung der political correctness hingab,  unaufwendig und nachhaltig irritiert. Er richtet sich ein Denken, das die Virologie als Erklärungsmuster unserer Gegenwart heranzieht, ein Denken, das aus Zeiten des Kalten Krieges im vorigen Jahrhundert stammt und zwischen Freund und Fein unterscheidet. Doch aus der Bedrohung durch den Infekt ist die schleichende Angst und Gewissheit zugleich geworden, einem Infarkt entgegen zu steuern, der aus einem Zuviel an Gleichem resultiert und von Han als pathologischer Zustand erkannt wird, der auf ein Übermaß an  Positivität zurückzuführen ist. Doch nur wer Hans frühere Schriften kennt, kann verstehen, wie eine Negativität zum Gegengift werden könnte. Gemeint ist jene Leere, die in ihrer vibrierenden Potenz die östlichen Meditationspraktiken als grundlegendes Thema durchzieht. Die Gewalt der Positivität, die von der Überproduktion, Überleistung oder Überkommunikation herrührt, ist nicht mehr „viral“...die Erschöpfung oder Müdigkeitssyndrom stellt keine immunologische Abwehr, sondern eine digestiv-neuronale Abreaktion und Abwehr dar...Die Erschöpfungsmüdigkeit ist eine Müdigkeit der positiven Potenz. Dieser Müdigkeit stellt Han eine andere entgegen, eine Müdigkeit der negativen Potenz, die sich dadurch auszeichnet, dass man bewusst nichts tut, eine Pause macht von all dem zweckrationalen Tun, so ist der Sabbat gedacht, der Sonntag, es ist gesund Zwischenzeiten einzuschieben als Zäsuren der gleitenden Arbeitszeiten. Nach Handke, der mit ähnlicher Thematik befasst ist, wirft die immanente Religion der Müdigkeit Menschen zusammen, statt sie  zu trennen und zu isolieren. Es erwacht eine Zusammenstimmung, die friedlich und freundlich stimmt. Freundlichkeit ist eine buddhistische Tugend, auf die Han immer wieder zu sprechen kommt, und so letztlich auch hier. Das Buch endet mit einer anregenden Vision der kommenden Gesellschaft, die sich bewusst der richtigen Müdigkeit hingibt.

Peter Sloterdijk, Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung. Suhrkamp Verlag Edition Unseld 2010.

Wo ist man, wenn man „in Gedanken“ ist? Hannah Arendt meint in ihrem Buch „Vom Leben des Geistes“: Nirgendwo. Alltag und geistiges Leben driften auseinander. Aufgrund dieses Verlusts aktiver Teilnahme am politischen Geschehen von Seiten der Philosophen, die sich der passiven Kontemplation verschrieben hatten, lehnte sie es ab, als Philosophin zu gelten und zog den Ausdruck „politische Theorie“ als Bezeichnung für ihr Betätigungsfeld vor. Tatsächlich könnte man Philosophie, auch politische Philosophie, als eine „Apres-Philosophie“ (S.82) da sie meist erst im Nachhinein als eine Art Zeitdiagnostik auftritt und tätig wird, wenn überhaupt. Der Philosoph als Menschentypus ist schizoid, nicht ganz zu Ende geboren, allzeit bereit zur Distanz zur Dissoziation, geprägt von einer diffusen Partizipationsschwäche und einer alles durchdringenden leisen Verstimmung (S. 84), wie Lamartine in seinem Gedicht „Isolement“ schreibt: „Was bleibe ich auf dieser Erde des Exils/ Da zwischen mir und ihr nichts mehr gemeinsam ist.“ - dem Leben entfremdet, bevor es zur heimeligen Gewohnheit werden konnte, hineingeworfen in ein Dasein, das zu meistern nur aus der Haltung der stoischen Gelassenheit möglich ist. Dem Existentialismus Sartres wird ein ein Überschuss Negativität bescheinigt, und doch ist dies nur die Konsequenz aus einer langen Tradition in der Philosophiegeschichte: epochefähig nennt Sloterdijk den Typus, den diese Entwicklung hervorgebracht hat und bezeiht sich auf den Kunstbegriff Husserls der Epoché, der meist als eine Art Enthaltsamkeit im Geiste verstanden wird. Hier erläutert ihn Sloterdijk auch in Zusammenhang mit seiner üblichen zeitlichen Bedeutung der Epoche: Die Epoche im historischen Sinn meint also nicht anderes als einen abstanderzeugenden Einschnitt, der bewirkt, dass Späteres nicht mehr als die direkte Fortsetzung des Vorhergehenden begriffen werden kann. Zwischen den Zeitspannen, die „Epochen“ heißen, liegen die Trenn-Ereignisse, die man je nach dem Kontext Brüche, Sprünge, Transformationen, Revolutionen oder Katastrophen nennt….Der Denker unterscheidet Zustände des Bewusstseinslebens, wie sie sich vor und nach der phänomenologischen Zäsur darstellen…Das Bewusstsein hält das Sein auf Distanz, indem es dessen ständiges Ansuchen um Wahrgenommenwerden hin und wieder berücksichtigt, ohne dem Antragsteller zu weit entgegenzukommen. (S. 41) Der Kunstausdruck der Epoché bei Husserl …steht für den Schritt zurück von allen Formen des existentialen Eingemischtseins…(S.37)…er wurde dem Wortschatz der griechischen Skeptiker entliehen. Bekanntlich bezeichneten diese die von ihnen empfohlene Haltung der Urteilsabstinenz, genauer: die Kunst des Schwebens zwischen den Doktrinen der etablierten Schulen, um von den Fiktionen der Händler auf dem Markt und den Fabulationen der Seeleute in den Spelunken nicht zu reden…..die epoché entspricht hier der Einstellung des Kunden, der über den Markt spaziert, ohne zu kaufen. (S. 38)
In einem Brief vom 12. Januar 1907 an den jüngeren, umjubelten Dichter Hofmannsthal wird Husserls tiefstes Anliegen klar: Auch er als Philosoph, will, so wie Hofmannsthal als Dichter, das geistige Selbst als einen universalen Zeugen, ja, als lebendiges Archiv des Seins und als Brennpunkt der Weltkollekte stilisieren.  (S. 27) Er (Husserl) fühlte sich ermutigt, die scheinbar selbstlos sammelnde Passivität des Dichsters mit der überpersönlich schauend-klärenden Aktivität der eigenen Philosophie auf eine gemeinsame Linie zu stellen. (S.28) In seinem Vortrag „Der Dichter und seine Zeit“ hatte Hofmannsthal über den Dichter gesagt: ..und er ist  nichts als Aug und Ohr…Er ist der Zuseher, nein, der versteckte Genosse, der lautlose Bruder aller Dinge…Denn ihm sind Menschen und Dinge und Gedanken und Träume völlig eins…er kann nichts auslassen…Es ist, als hätten seine Augen keine Lider…In ihm muss und will alles zusammenkommen. Er ist es, der in sich die Elemente der Zeit verknüpft. In ihm oder nirgends ist Gegenwart.“ (S.28) Husserls phänomenologische Methode fordert strenge Ausschaltung aller existentialen Stellungnahmen…Damit wird die Wissenschaft und alle Wirklichkeit (auch die des eigenen Ich) zum bloßen Phänomen. Nun bleibt nur noch das Eine übrig: In reinem Schauen (in rein schauender Analyse und Abstraktion)…nie und nirgends die bloßen Phänomene überschreitend…den Sinn, der ihnen immanent ist, klarzustellen…( Husserl meint, das Kunstwerk versetzt uns in den Zustand rein ästhetischer, jene Stellungnahmen ausschließennde Anschauung. (S. 30, Husserl, Arbeit an den Phänomenen) Sloterdijk gelingt es hier in der Gegenüberüberstellung von Husserl, dem Philosophen, und Hofmannsthal, dem Dichter anhand des Briefes Husserls sehr abstrakt gefasste Phänomenologie sinnlich erfahrbar und nachvollziehbar zu machen: Es geht dabei um die Kunst, mitten im Leben die Teilnahme am Leben zu suspendieren. Nur durch dieses enge Tor könnte das Denken in eine Sphäre reiner Betrachtung eintreten, in der die Dinge aufhören, uns direkt zu berühren. Wo stellungsnehmendes ich war, soll schauendes Ich werden. (S.34) Die Phänomenologie ist das philosophische Pendant des „Zeichnens mit Licht“ auf sensiblem Material (der zur selben Zeit aufkommenden Photographie)…indem sie ein Verfahren übt, erlebte Anblicke in der Umwelt und beliebige sichtbare und fühlbare Lebensinhalte in stehende und kontextenthobene innere Bilder umzuwandeln….(S.35)…Die Bilder, von denen hier die Rede ist, werden mit einer noetischen Kamera aufgenommen. Sind die Filme belichtet und aus dem Fixierbad der inneren Anschauung herausgehoben, erhalten die Aufnahmen einen philosophischen Status, der zugleich archivarisch oder museal bedeutsam ist: In der Übung aller Übungen geht es darum, die aus der Existenz gegriffenen Bilder als <Phänomene> zu entwickeln  (S. 36) Das Aufkommen der bewegten Bilder im Film findet seine Entsprechung in den mentalen Bewegungen des Bewusstseins, dem inneren Film oder den Filmen, von Joyce als <stream of consciousness> bezeichnet,. …, denn wer seine Aufmerksamkeit auf die inneren Vorstellungswelten lenkt, nimmt alsbald auch das permanente Filmschaffen des Bewusstseins wahr und wird zum Schluss kommen, dieses verdiene eine spezielle Filmanalyse – sie präsentiert sich als Theorie des inneren Zeitbewusstseins. (.S. 35)
Parmenides schon kam zum Schluss: Denken ist eins mit dem Sein. Die Frage ist jedoch: Wie vereint sich Denken und Sein? Ein Zeitgenosse von Husserl, Paul Valery, erfand die Kunstfigur des Monsieur Teste (wörtlich: Kopf, aber auch: Zeuge) als Sprachrohr nutzte und von ihm aussagt: Er weiß zuviel um zu leben.“ (S. 122 zitiert aus Valery, Cahiers) Monsieur Teste hatte keine Meinungen. Ich glaube, er vermochte sich nach Belieben zu ereifern…Monsieur Teste hat die Fähigkeit zur Epoché verinnerlicht. Valery lässt Madame Teste auftreten und über ihren Mann intime Details über dessen „Absencen“ verbreiten: Man muss ihn  in solchen Exzessen der Abwesenheit gesehen haben!…Noch ein wenig mehr von dieser Selbstversenkung, und ich bin gewiss, dass er unsichtbar würde! „(Valery, Cahiers) Und Sloterdijk zitiert Valery: Noch 1934, vierzig Jahre nach der Erfindung seiner Versuchsfigur, notiert Valery: „Gut (sprach Monsieur Teste). Das Wesentliche ist gegen das Leben. (S. 125)
Wie konnte es zu einer solchen fatalen Trennung kommen? Sloterdijk kommt auf Sokrates zu sprechen, von dem überliefert ist, dass er in Gedanken versunken jede äußerliche Bewegung zu einem Stillstand brachte und stundenlang an einer Stelle verharrte, um seiner inneren Stimme zu lauschen. Auch Platon weiß zur Legende von den Absencen seines Lehrers zu berichten – so etwa, wenn er am Beginn des Symposium Sokrates zu spät zum Essen kommen lässt, weil er im Torhof des Nebenhauses stehen geblieben war und sich einer seiner bekannten Denkepisoden widmete. (S.48) Offensichtlich handelte es sich um ein Merkmal, das dem Weisen anhaftete, und das von der Sache des Denkens nicht  Abgetrennt werden kann. Offenkundig bilden die Gedanken untereinander einen so dichten Zusammenhang, dass sie das Bewusstsein des Denken beschlagnahmen und seine Bindung an die Wahrnehmung der Umstände unterbrechen. (S.49) Ferner gibt es von Sokrates den merkwürdigen Ausspruch vom Hahn, der dem Asklepius geopfert werden soll, als dank dafür, dass der Gott der Gesundheit dem zum Tode Verurteilten den bevorstehenden Übergang in das wahre Leben und die entsprechenden Gesundheit gewährt. Platon wird metaphysisch von einer Überwelt sprechen, die er als Heimat des besseren Teils unserer Seele deutet. Er gründet seine Akademie als ein Ort, indem durch Anschauung (wie Theorie  wörtlich übersetzt werden kann) sich diese Welt der ewigen Ideen offenbart. Platon hört von  den Nachfolgern des Pythagoras, die sich bei Kroton in Süditalien in einer Kommune zusammengetan haben, um sich in der Abgeschiedenheit den Zahlenstudien hinzugeben. Dieses Reiseerlebnis geht der Gründung der eigenen Akademie 387 v. Chr voraus. Platons Vision war: Die Absencen seines Lehrers Sokrates sollten nicht länger in Toreinfahrten und auf öffentlichen Plätzen stattfinden, wo sich jeder Passant über den Entrückten belustigen durfte. Es ging ihm darum, den prekären Zustand der völligen Widmung an den Gedanken in eine angemessene Hülle zu fassen. (S.56) Unter der platonischen Annahme, Immerwährendes und Unsterbliches werde nur durch Ebenbürtiges erkannt, erlangt die Suche nach einem hierfür geeigneten Organ in uns höchste Bedeutung…Könnten wir ein solches Organ fürs Unvergängliche nicht schon zu Lebzeiten aktivieren, so wäre die Hoffnung auf gültige und bleibende Erkenntnis vergeblich…Besitzen wir aber ein solches, dann sollten wir uns darum bemühen, von ihm so früh wie möglich Gebrach zu machen. Dies käme dem Versuch gleich, „im voraus“ zu sterben…um unsere latente Unsterblichkeitskompetenz offenzulegem, während wir noch in der sterblichen Hülle stecken. (S.12) Hier geht es um eine Doppelzugehörigkeit, die eine Doppelsubjektivität zur Folge hat. (Dürckheim wird vom „doppelten Ursprung sprechen und das reale, „kleine“ Ich meinen, das in dem „großen Selbst“ enthalten ist.). Wie Paulus sagt: Ich lebe, aber nicht ich selbst, sondern Christus lebt in mir. (Brief an die Galater),so sagt der platonische Logiker: Ich denke, aber sooft ich richtig denke, bin ich es nicht selbst, sondern die Idee in mir. (S.55/56) Und hier lässt sich mit Sloterdijk ein weiter Bogen schlagen, denn das Erlebnis des „Es denkt in mir“, wie es Heidegger erwähnte, wird von demselben als eine Ekstase der besonderen Art beschrieben: Die Ekstase, wie die Philosophie beschreibt, ist kein Benommenheitsphänomen, das die Psychologen oder Chemiker anginge, sondern die Art und Weise, wie sich das Dasein selbst als Gespanntheit in ein Anderswo darstellt – gleich ob man diese Spannung als Tendenz zum „Transzendieren“ oder als Zug zum schöpferischen „Werden“ beschreibt. Nicht ohne Grund hat Heidegger die Sinnverwandtschaft zwischen dem Terminus <ekstasis> und dem lateinischen Ausdruck <existentia> hervorgehoben: In beiden Wörter fällt der Akzent auf eine Bewegtheit, aus der ein „Herausstehen“ resultiert. Existieren heißt demnach: nicht in einer eindeutigen Lokalisation aufgehen, sondern von hier nach dort ausgespannt sein von jetzt nach früher oder später….wer existiert, wird an seinem „Ort“ von wo anderswo beansprucht. Vom frühen Heidegger (in: Was ist Metaphysik? Freiburger Antrittsvorlesung 1929) stammt der dunkle, doch seinem Bauplan nach vollkommen durchsichtige Satz: „Da-Sein heißt: Hineingehaltenheit in das Nichts“, eine Sentenz, die ahnen lässt, dass Existenz nie ohne Beunruhigung durch das „Offene“ zu denken ist. (S. 54) Erst zum Ende des Buches hin wird auf  die Bedeutung des Leibes verwiesen, und zwar in einem theoretischen Zusammenhang. Es ist Judith Butler zu verdanken,  dass die These der Gender-Bestimmtheit die Materialität des Körperlichen in den Fokus der theoretische   Erwägungen gebracht haben, wenn zunächst nur als Hinweis auf implizite und deshalb unbewusste kulturspezifische Machverhältnisse. Ihr 1995 erschienenes Buch „Bodies that matter“ (Körper von Gewicht) fordert dazu auf,  den poetisch vieldeutigen Titel weiter zu zu fassen und über die Körperbestimmtheit der Existenz zu reflektieren. Nun sind wir nämlich an einem neuralgischen Punkt angelangt, an dem uns die neurologischen Erkenntnisse der letzten Jahre ereilen und uns dazu aufrufen, den Traum von einer reinen apathisch-noetischen Theorie ad acta zu legen. (S.143) Damasio war eine Schlüsselfigur, als er in seinem Buch „Ich fühle, also bin ich“ die Schlüsselrolle des Gefühls für sämtliche kognitive herausarbeitete. Das Buch erschien schon 2000. Mittlerweile haben sich die neuralgischen
Punkte als Andock-Stationen gemehrt, und es ist Zeit eine zweite (oder dritte?) Revolution zu fordern, im Sinne der Umkehrung des Satzes: „Fühlst du noch (passiv, leidend, ausgesetzt, subjektiv = unterlegen)“ oder Denkst du schon (selbstbestimmt Verantwortung für dein Leben übernehmend), Heute gilt es die Umkehrung einer neuen Kehre des spiralig sich aufwärts schraubenden Bewusstseins anzugehen und sich leiten zu lassen von der plakativ-rhetorischen Frage: Denkst du noch oder fühlst du schon? Ja, sie ist rhetorisch, diese Frage, denn sie enthält ihre eigene  Antwort, die in einem sprunghaften Übergang besteht, und plakativ ist sie zumal, da sie ihr eigenes Programm vergrößert an die Projektionsleinwand der öffentlichen Aufmerksamkeit wirft. „Experten“ haben sich in Zukunft als Koproduzenten von  Kenntnissen, die in den Wissensgesellschaften elaboriert werden und in diversen Parlamenten zirkulieren. (S.64, hier in Zusammenhang mit der Laudatio auf Bruno Latour 2008). Gefühle werden nun aufgewertet, da sie in ihrer Funktion, eine Schlüsselrolle bei kognitiven Prozessen zu spielen (siehe Damasio: „Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins 2000), und zu der Nachhaltigkeit von Erkenntnissen beitragen, insofern sich nur gefühlte Erkenntnis leibhaftig auf das Bewusstsein auswirken und sich im kollektiven Speicher verankern. Schon lange spielt die Politik auf der Klaviatur der Gefühle. Nun wäre zu wünschen, dass dies bewusst und öffentlich nachvollziehbar geschehe, um maßgeblichen, richtungsweisenden Ideen Gewicht und Körper zu geben. So faszinierend der nostalgische Charme eines Fernando Pessoa (in „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“), erwähnt auf der letzten Seite, sozusagen im Ausklang wirken, so ekstatisch auch der poetische Text anmuten mag: ..schreibe ich…die Worte, die die Rettung meiner Seele sind….dem Ersatz für die Freuden meines Lebens…unerschütterliches Juwel ekstatischer Verachtung (S..147) – Es ist die falsche Ekstase, die ins Abseits führt, hier kontrastierend zitiert, um eine Offenheit zu schaffen, die es dem Leser überlässt, wohin er sich von hier wenden mag. Ich habe dieses schmale Büchlein mit großem Genuss gelesen, da es Sloterdijk wie so oft gelungen ist, durch anekdotenhaften Geschichten philosophiegeschichtliche Wendungen nachzuzeichnen und somit Aufklärung mit Vergnügen zu verbinden. Kay Hoffman

Peter Sloterdijk, Über die Verbesserung der guten Nachricht. Nietzsches fünftes „Evangelium“. Rede zum 100. Todestag von Friedrich Nietzsche, gehalten in Weimar am 25. August 2000. Suhrkamp Verlag 2001. 

Nietzsche beschreibt sein im Entstehen begriffenes Werk Zarathustra als ein fünftes Evangelium und kündigt es, in Rapallo weilend, bei seinem Verleger in Chemnitz an als eine wunderschöne Geschichte: ich habe alle Religionen herausgefordert und ein neues <heiliges Buch> gemacht!. (zitiert aus „Sämtliche Briefe auf S.25) Und in einem Schreiben an Karl Hillebrand schreibt er über den ersten Teil des „Zarathustra: Alles, was ich gedacht, gelitten und gehofft habe, steht darin und in einer Weise, dass mir das Leben jetzt wie gerechtfertigt erscheinen will. (zitiert aus „Sämtliche Briefe auf S.26) Nietzsches Evangelium steht im Gegensatz zu den voran gegangen vier, die er durch seine Frohe Botschaft zu überwinden sucht, denn Es ist nun zu Ende mit allem <dunklen Drang>, der gute Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Weges bewusst. Und alles Ernstes: Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg aufwärts…(zitiert aus „Ecce homo“ auf S. 32)  Innerhalb meiner Schriften, schreibt Nietzsche in seinem „Ecce homo“, steht für sich mein Zarathustra. Ich habe mit ihm der Menschheit das größte Geschenk gemacht, das ihr bisher gemacht worden ist…Lassen wir die Dichter beiseite: es ist vielleicht überhaupt nie etwas aus einem gleich Überfluss an Kraft heraus getan worden. Mein Begriff <dionysisch> wurde hier höchste Tat; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Tun als arm und bedingt. Dass ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheueren Leidenschaft und Höhe zu atmen wissen würde…das ist Alles das Wenigste und gibt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dieses große Werk lebt…Wenn ich mich danach messe, was ich kann…so habe ich mehr als irgend ein Sterblicher Anspruch auf das Wort Größe…Ich bin ein froher Botschafter, wie es keinen gab. (zitiert auf S.41, 42) Kommentatoren wie Thomas Mann und Karl Jaspers bescheinigten Nietzsche  Spuren von Puerilität, der Größenwahn lässt bis heute die Aussagen Nietzsches schwer ertragen, doch Sloterdijk gelingt es, gerade dieses Selbstlob eines Wahnsinnigen umzudeuten als außergewöhnliche Begabung dieses Autors, von sich selbst, seiner Mission und seinen Schriften in den höchsten Tönen zu reden. (Sloterdijk S.41) Er vermutet in dem Phänomen von Nietzsches Größenwahn, dass hier in einem Individuum der Damm bricht, hinter dem sich in der bisherigen Hochkultur die auto-eulogischen Redeenergien gestaut hatten. (Sloterdijk S.43) <Auto-eulogisch> bedeutet: Von sich selbst gut zu reden; es war bis dahin ein Tabu der expliziten Selbstbejahung und Selbstermächtigung, über das sich Nietzsche erhebt  und eine historische Tat vollbringt: Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der Schulter…Mein Los will, dass ich der erste anständige Mensch sein muss, dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz weiß…(zitiert aus „Ecce homo“ auf S. 42) Sloterdijk erklärt, wie es kulturgeschichtlich und sprachphilosophisch bei Nietzsche zu diesem Tabubruch kommen kann, in dem der tradierten Entselbstungsmoral auf nahezu rasende Weise widersprochen wird. (S.44)  Das späte Selbstlob fasst die Vorahnungen vom eigenen Werden und die Vollendung der Selbstsucht im Selbst-Bild zusammen…Das „volle“ Selbst-Bild „realisiert“ sich, vielleicht, in einem Moment, wenn die anspruchvollsten Vorwegnahmen des eigenen Werden-Könnens durch den Rückblick auf das gelebte Leben bestätigt werden. (Sloterdijk S. 45)  Hat sich ein Leben in seine hohen Möglichkeiten gesteigert, kann sich das Eigen-Lob analog entfalten: noch einmal lobt das Werk den Meister, der im Begriff ist im Werk zu verschwinden. (Sloterdijk S.46) Selbstsucht kann als die am längsten geleugnete Größe gesehen werden, in der sich die besten Möglichkeiten incognito aufgehalten haben. (Sloterdijk S.45) Die Frohe Botschaft in Form der guten Nachrede entsteht dann, wenn eine Entsprechung zwischen dem eigenen Leben und den höchsten Ansprüchen hergestellt wird: Das Dasein muss sich so gesteigert haben, dass das Beste von ihm zu sagen ist. (Sloterdijk S.47)   Sloterdijks poetische Nacherzählungen der Nietzsche-Texte geben dem Leser die Möglichkeit, ein ganz neues Nietzsche-Bild entstehen zu lassen. Dieses Bild ergibt sich aus dem empathischen Nachvollzug, es lässt Gefühle aufsteigen, es lässt Gestalten sich zeigen. Da ist zunächst und vorherrschend die Gestalt des Größenwahnsinnigen mit seinem Anspruch auf die historische Bedeutung eines Künders, dann aber auch der Hanswurst, als der sich Zarathustra bezeichnet, ...das Angebot unterbreitend, seine dionysischen Übertreibungen unter dem Aspekt der freiwilligen Lächerlichkeit zu betrachten. (Sloterdijk S.43) Und schließlich, sozusagen als leiser Untergrund einer schrillen Emotionalität, besonders berührend, jene Töne des Urvertrauens in den Sinn der eigenen Setzung, in die Ausreifung der schicksalhaften eigenen Bestimmung, die aus sich heraus, nicht abgeleitet von einem äußeren metaphysischen Leitbild, sich erhebt, herausragt aus dem Allerlei der Gewohnheiten: gelebte Ekstase. Einerseits schreibt Nietzsche in Ecce Homo: Ich habe  nie einen Schritt öffentlich getan, der nicht kompromittierte: das ist das Kriterium des rechten Handelns“ (zitiert auf S. 47) Andrerseits findet sich eine Notiz am Anfang des Ecce homo, die an den Duktus der elegischen Gedichte anschließt: An diesem vollkommenen Tage, wo Alles reift...fiel mir eben ein Sonnenblick auf mein Leben: ich sah rückwärts, ich sah hinaus, ich sah nie viel und so gute Dinge auf einmal...Wie sollte ich nicht meinem ganzen Leben dankbar sein?“ “ (zitiert auf S. 45) Unter dem zunächst verwirrenden Titel „Totales Sponsoring“ kommt Sloterdijk auf Nietzsches „Adel“, auf seine „Vornehmheit“, seine „Generosität“ zu sprechen – der Größenwahn wird begleitet von einer besonderen Art der Großzügigkeit, die in der Philosophiegeschichte tatsächlich einzigartig ist. Es ist Nietzsches entscheidende Setzung, dass es in der Geschichte der Menschheit noch keine wirkliche Vornehmheit gegeben habe – die das milde Idiotentum der Jesus-Figur und die souveräne Hygiene des Buddha vielleicht ausgenommen. Aber beide verkörpern in seinen Augen defiziente Formen von Generosität, weil sie im Rückzug von der Vita activa verankert sind. (Sloterdijk S. 49) Sloterdijk erklärt die Bedeutung des Wortes „vornehm“ auf ungewohnte, neue Weise: Aus dem Herkommen lässt sich das Prädikat  vornehm nicht mehr verteidigen, sofern vornehm der Titel sein soll für die Abstammung einer Tat oder eines Gedankens aus einer ungekränkten, weit zielenden Kraft. Vornehmheit ist eine Stellung zur Zukunft. Nietzsches innovatives Geschenk besteht in der Provokation zu einer Seinsweise, in welcher der Nehmer seinerseits in seiner Sponsorkraft, das heißt, in dem Vermögen, reichere Zukünfte zu eröffnen, aktiviert wäre. (Sloterdijk S. 50) Nietzsche schreibt Philosophiegeschichte anders – nicht mehr der Vergangenheit reflektierend nach rückwärts zugewandt, sondern nach vorne schauend, ausgestattet mit jenem risikofreudigem Vertrauensvorschuss, den jeder Investor und Sponsor haben sollte. Nietzsche entdeckt Alternativen zu der Rückwärtsgewandtheit geschichtlicher Betrachtung: Die Geschichte zerfällt in die Zeit der Schuldwirtschaft und die Zeit der Generosität. Wo die erste immer an Zurück- und Heimzahlung denkt, interessiert sich  die andere nur für Vorwärts-Schenkung. Jedes Leben datiert sich künftig, wissend oder nicht, diesem Kriterium entsprechend...Es lohnt sich, auf die Urhandlung der von Nietzsche inaugurierten Generositätskette einen näheren Blick zu werfen...Es ist entscheidend, dass die neuen „lose“ Kette mit einer vorbehaltlosen Geste der Verschwendung beginnt, weil der Geber nur durch reine Selbstverausgabung den Zirkel der Sparvernunft durchbrechen kann. (Sloterdijk S. 51) Viele Aussagen und Zitate Nietzsches können aus dieser Haltung abgeleitet und nachvollzogen werden. Lange vor den neuen Therapien der Selbstaffirmation, die sich aufgrund ihrer Ressourcenorientierung sich sowohl als so effektiv als auch so nachhaltig erwiesen, dass sie die Rituale der Selbstanalyse ablösten, kündet Nietzsche vom Lob der Selbstbejahung – zu seiner Zeit ein absolut undenkbares Novum. Der Sprung in die Großzügigkeit geschieht durch die Bejahung des Reichtums bei sich selbst und anderen, weil er die notwendige Prämisse der Großzügigkeit ist...Was Nietzsche die „Unschuld des Werdens“ nennt, ist wesentlich die Unschuld der Verschwendung und eo ipso die Unschuld der Bereicherung, die um der Möglichkeit von Verausgabung willen gesucht wird. (Sloterdijk S. 51) Nietzsche grenzt sich gegen eine Dekadenz ab, die er in einer ganz bestimmten Weise, und nicht genetisch und rassisch bedingt, versteht: Dekadenz meint bei Nietzsche den Inbegriff von Zuständen, die dem Ressentiment garantieren, stets seine ideale ideale Sprechsituation vorzufinden. Von Dekadenz zeugen die Verhältnisse in denen „der Mucker obenauf ist“ – Nietzsches Formulierung...An der Macht hält sich das Dekadenz-Ideal allein, solange und „weil es keinen Konkurrenten hatte“ (Ecco homo),  zitiert Sloterdijk auf S. 53. Nietzsche weiß von sich, dass er das jahrhundertlange Monopol gebrochen hat. Der ungeheure Kraftakt im denken Nietzsches wird offenbar. Wer ist dieser Nietzsche wirklich, der von sich notierte: „Im Bauche des Walfischs werde ich zum Verkünder des Lebens“ ? (Zitiert aus den Nachgelassenen Schriften auf S. 66/67) In kongenialer Dichtersprache lobt Sloterdijk Nietzsches affirmative Sprache, die dem Lob des Fremden verpflichtet ist: ...-, ja, sie lobt das Nicht-Selbst, wie es noch nie gefeiert worden ist. Sie widmet sich jedoch einer Fremdheit, die mehr ist als die Andersheit der anderen Person. Sie setzt sich einer Fremdheit aus, die durch den Sprecher hindurchgeht wie durch einen hallenden Korridor, der Fremdheit, die ihn penetriert und ermöglicht – seiner Kultur, seiner Sprache, seinen Erziehern, seinen Krankheiten, seinen Vergiftungen, seinen Versuchungen, seinen Freunden, ja sogar dem Selbst, das seine scheinbar eigene um die Phänomene legt. Er feiert in sich eine Fülle von Fremdheit namens Welt. (Sloterdijk  S.67/68) In Nietzsche zeigt sich jene mystische Gestalt in seiner Öffnung auf Innenfremdheit hin (Sloterdijk  S.68), eine Gestalt der übermäßigen Medialität, in seiner allneugierigen Nachgiebigkeit, in seiner nie ganz kompensierten Idiotie. Darum ist der Autor keine einfache Sonne, sondern ein Resonanzkörper. (S.68) In Ecce homo schreibt Nietzsche von sich selbst: Noch in diesem Augenblick sehe ich auf meine Zukunft – eine weite Zukunft – wie auf ein glattes Meer hinaus: kein Verlangen kräuselt sich auf ihm. (zitiert auf S.69)  Und im Zarathustra-Idyll des Mittags findet sich eine liegende Ovation an die vollendete Erde, mit der Nietzsche sein Glück besingt : „...Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.“  (Zitiert aus Also sprach Zarathustra auf S. 70) Und so endet das Buch mit den Worten des Autors der über den anderen Autoren schreibt: Hier heißt der Autor sich selber aufhören, Autor zu sein. Wo die Welt alles wurde, was man nicht wecken darf, gibt es keinen Verfasser mehr. Verlassen wir ihn in seinem alten Mittag. Wir müssen uns den Autor als glücklichen Menschen vorstellen. (Sloterdijk  S.70), Und so wird ein Buch über Nietzsche zu einem Buch des Trostes. Wunderbar! Unbedingt lesen! Kay Hoffman

 

Peter Sloterdijk, philosophische Temperamente von Platon bis Foucault. Diederichs Verlag 2009 EUR 14, 95

Fichte meinte, welche Philosophie man wähle, hänge davon ab, was für ein Mensch man sei. Fichte stellte zwei Philosophierichtungen zur Auswahl: ein naturalistisches System für die unterwürfigen Seelen, und und eine Philosophie der Freiheit, für die von stolzer Gesinnung. Aber die Skala kann erweitert werden, wie Sloterdijk in seinen neunzehn Miniaturen zeigt.  Neben Platon und Foucault werden die Denkrichtungen von Aristoteles, Augustinus, Bruno, Descartes, Pascal, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Schopenhauer, Kierkegaard, Marx, Nietzsche, Husserl, Wittgenstein und Sartre vorgestellt.  So betrachtet und gehandhabt erweist sich das Buch als vergnüglicher Einstieg in die Denktraditionen des Westens, deren Vielfalt sich in den Philosophierichtungen spiegelt.  Einige Zitate mögen dies belegen: Zu Platon etwa schreibt Sloterdijk: "Zum Weisen wird, wer das Chaos als Maske des Kosmos durchschaut. Wer in die Tiefenordnungen blickt, gewinnt Verkehrsfähigkeit im Ganzen" (S. 18). Philosophie hat die Funktion einer Orientierungsdisziplin. (S.19) Aristoteles wird steht für das abendländische Denken: „Das Gehirn des Aristoteles war gleichsam der Senat einer an Fakultäten reichen Universität" (S. 30). Augustinus wird als Staatsanwalt Gottes gezeichnet, der ähnlich wie Pascal angesichts der Auserwählungsgewissheit  auf unbedingte Resignation setzt und der mit sich selbst ins Gericht geht, wobei er vor allem die menschliche Eigenliebe im Visier hat. (S. 40). "Aus der glanzvollen Reihe der Renaissance-Philosophen ragt die verkohlte Silhouette Giordano Brunos eindrucksvoll hervor. Es ist an der Zeit, die Asche über Brunos Manuskripten wegzublasen, um freizusetzen, was einen Denker alleine ehrt: die leuchtende Buchstäblichkeit seiner wirklichen Gedanken" (S. 43, 45). "Es war, als habe Descartes damit neben dem alten Blut- und Schwertadel und der jüngeren noblesse de robe einen eigenständigen Methoden-Adel geschaffen, der seine Mitglieder in allen Schichten rekrutierte, sofern seine Angehörigen den Eid auf Klarheit und Deutlichkeit zu leisten bereit waren" (S. 49). Pascal schreibt in seinen Pensees vom Menschen als einem denkenden Schilfrohr und lässt die Zerbrechlichkeit des Menschen sichtbar werden. (S. 52) * "Wäre die Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte ein Bericht von den Konjunkturen des Absurden: Pascals Platz in ihr wäre für immer gesichert. Er ist der Erste unter den philosophischen Sekretären der modernen Verzweiflung" (S. 56). "Wie ein Sonnenkönig des Denkens verausgabte sich Leibniz in zahllosen Vernunft-Ressorts. Seine Heiterkeit vertritt eine Welt, in der die Kabinettskriege der Vernunft noch von einem unerschütterlichen Harmonievertrauen eingehegt werden konnten" (S.62). "Die Kantischen Weltbürger sind Heilige im Gehrock... In seiner Zivilreligion sollen Heilige zu Juristen und Helden zu Parlamentariern werden"(S. 67). Bei Fichte heißt es: "Die Wissenschaftslehre jedoch – samt ihrem moralischen Supplement: der Anweisung zum seligen Leben -, ist die logische Posaune, die zur Auferstehung aus den Gräbern des Objektivismus bläst" (S. 73). Sloterdijks Hegel-Rezeption gibt neuen Stoff: "Seit Hegel kann geleugnet werden, daß die Geschichte im wesentlichen zu Ende sei. Vieles bleibt in der Welt zu tun - das wird zum Schlachtruf nachhegelscher Vernunftpolitik; es gibt noch Ungesagtes im Haus des Selbst - das wird zum Leitwort nachhegelscher Diskursschöpfungen" (S. 84). "In Schellings Spätstil, mit seiner wunderlichen Komplexität und seinem melancholischen Helldunkel, manifestiert sich der schwierige Abschied vom Epochentraum der Vernunftallmacht" (S. 93). Von Schopenhauer, dem er nur zwei Seiten widmet, schreibt er, er sei der erste Denker ersten Ranges gewesen, der aus der abendländischen Vernunftkirche ausgetreten sei“ (S. 94). „Verzicht“, heißt es da, „ist für die Modernen das schwierigste Wort der Welt. Schopenhauer hat es gegen die Brandung gerufen" (S. 95). "Für Kierkegaard steht der einzelne auch heute vor der christlichen Legende völlig unbeholfen. Sollte er sich zur Nachfolge entscheiden, dann auf keinen Fall deswegen, weil schon so und so viele Machtmenschen, Hysteriker und Konformisten ihm auf diesem Weg vorangegangen sind. Der Glaube gilt nur aufgrund e9iner Entscheidung zum Vertrauen... Von Kierkegaard schreibt Sloterdijk: „Er betrat als Erster das Zeitalter des Zweifels, des Verdachts und der schöpferischen Entscheidung" (S.101). „Als Heros, der ins Totenreich hinabsteigt, um mit Wertschatten zu ringen, bleibt Marx auch für die Gegenwart auf unheimliche Weise aktuell" (S. 109). Nietzsche  kann als Geistesgeschichtlicher Wendepunkt zur ästhetischen Weltanschauung gesehen werden, Sloterdijk spricht von einer „Artisten- Metaphysik", wie er in seinem vorletzten Buch „Du musst dein Leben ändern!“ ausführt. „Mit letzter Schärfe hebt Nietzsche den bis dahin bis dahin kaum je eigens beleuchteten Sachverhalt ans Licht, dass die Aufgabe, das eigene Leben aus der Rohstoffartigkeit herauszuführen und es zu einem Werk sui generis zu machen, den Charakter eines Kampfes auf Leben und Tod annehmen kann" (S. 112,113). Bei Husserl wie bei anderen neuzeitlichen Denkern davor stellt sich die Frage, wie viel Gewissheit der Mensch brauche, um sich im Denken zu orientieren. Husserl, der Begründer der Phänomenologie, will er seine Schüler durch Klärungs-Übungen denkender Selbstwahrnehmung in ein „theoretisches Sanatorium entrücken. Köstlich die Formulierungen, die Sloterdijk findet: „Als bevorzugter Schauplatz für Thematisierungen von allem, was erscheint, wird der Schreibtisch des Philosophen zum transzendentalen Belvedere. Der Stuhl des Philosophen, der sich in trockener Ekstase in seien Deskriptionen versenkt, ist Träger eines schauend Sitzenden; Schauen und Schreiben erweisen sich als konvergierende Tätigkeiten“ (S.121)  Zu Wittgenstein schreibt Sloterdijk von der "Hochspannung eines Menschen, der der ständigen Konzentration auf seine Ordnungsprinzipien bedarf, um nicht den Verstand zu verlieren. Als Borderliner des Seins hat es der Philosoph nie mit weniger zu tun als mit dem Block der Welt im Ganzen, auch wenn er nur über die korrekte Verwendung eines Wortes in einem Satz nachdenkt" (S. 126).  "Was Sartre angeht, so bliebt er zeitlebens seiner Weise, die bodenlose Freiheit zu leben, treu. Für ihn war das Nichts der Subjektivität kein herabziehender Abgrund, sondern eine heraufsprudelnde Quelle, ein Überschuss an Verneinungskraft gegen alles Umschließende" (S. 133). In Foucault sieht Sloterdijk einen offenen Beobachter, dem „ Sinn von Sein nicht Bestand und zeitlose Wesensbewährung, sondern Ereignis, Horizonteröffnung und  Zeitigung von vorübergehenden Ordnungen“ wichtig ist. Einer, dem „der Durchbruch zu einer ereignisphilosophisch orientierten Grundlagenforschung gelungen ist“. Er selbst nannte es Archäologie, Gilles Deleuze sprach von einer „Universalgeschichte des Zufälligen“. (S. 141). 
Bei all diesen Schilderungen tritt der Philosoph als Urheber  seiner Philosophie hervor,  endlich einmal unterbleibt das gewohnte Zitieren von Sekundärliteratur und gibt dem Text eine kühne Frische. Philosophische Vorkenntnis hilft, aber ist nicht unbedingt Voraussetzung, um die eleganten Essays zu genießen. 

Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik, Suhrkamp Verlag 2009  

Diese inspirierende Neuerscheinung begleitet mich nun schon ein halbes Jahr, und immer wieder schlage ich nach, um auf einzelne Passagen einzugehen. Ich werde sie hier nach und auflisten, mit Verweis auf die Integration in der von mir entworfenen NEUEN LEBENSKUNST.  Der Titel bezieht sich auf ein Rilke Gedicht. Für den, der den Zusammenhang nicht kennt, mag der Imperativ autoritär wirken, aber es ist eine besondere Autorität, die hier den Leser anspricht...

ARCHAISCHER TORSO APOLLONS

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt

darin wie Augenäpfel reiften. Aber

sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

 

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug

der Brust dich blenden, und im leisen Drehen

der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen

zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

 

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz

unter der Schultern durchsichtigem Sturz

und flimmerte nicht wie Raubtierfelle;

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern

aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,

die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.

 

Sloterdijk nennt diesen Imperativ den „Befehl aus dem Stein“. Später wird er einen absoluten Imperativ daraus entwickeln...  
Die Erde – der Planet der Übenden. Der Mensch – das Wesen, das potenziell sich selbst überlegen ist. Nicht die Religion als Aufblicken zu jenseitigen Autoritäten kehrt zurück, sondern die Sehnsucht nach Selbsterzeugung, nach Selbstermächtigung, nach Eigenautorisation. Techniken dazu wurde immer schon erfunden und verbessert. Nun aber scheint diese Tendenz flächendeckend weite Bereiche des Lebens  zu erfassen. Sloterdijk spricht von einer neuen Wissenschaft der Anthropotechnik. Den Kern dieser Wissenschaft vom Menschen bildet die Einsicht von der Selbstbildung alles Humanen. Die Aktivitäten des Menschen wirken unablässig auf ihn zurück: die Arbeit auf den Arbeiter, die Kommunikation auf den Kommunizierenden, die Gefühle auf den Fühlenden ... Es sind die ausdrücklich übenden Menschen, die diese Existenzweise am deutlichsten verkörpern, die Akrobaten allen anderen voran...

Peter Sloterdijk, Derrida, ein Ägypter. Über das Problem der jüdischen Pyramide. Suhrkamp Verlag 2007 EUR  7.-
Kurz bevor er im Oktober 2004 starb, gab Jacques Derrida zwei paradoxe Überzeugungen zu Protokoll: Zwar sei er sicher, noch am Tag seines Todes vergessen zu werden, gleichzeitig würde jedoch das kulturelle Gedächtnis etwas von seinem Werk bewahren. Beide Überzeugungen, erklärte er, bestanden gleichsam unverbunden, nebeneinander. Eine jede sei auf ihre Weise in sich schlüssig, ohne auf die entgegengesetzte These Rücksicht nehmen zu müssen. Diese Aussage ist typisch - Jeder, der einmal einen Vortrag von Jacques Derrida gehört hat, der sich Im Kino oder auf www.youtube.com und  www.video.google.com Filme über und mit ihm angeschaut hat, wird sich an die Geduld erinnern, mit der seine Stimme allen Verwerfungen und Falten seines Gegenstandes folgte, wie er immer frohgemut aus diesen Höhlen zurückkehrte und beherzt die Arbeit der Dekonstruktion wiederaufnahm. Vor allem wird er sich der Anmut erinnern, mit der Jacques Derrida diese ermüdende Arbeit des Aufschubs von beruhigenden Sinnerwartungen verrichtete. Nicht nur seine Erscheinung, sondern auch sein Denken zeichnete sich durch Eleganz aus. Aber seine Kardinaltugend war die Höflichkeit, bei ihm die Tugend der Philosophie. Die vielleicht erstaunlichste Leistung Derridas ist, dass er das Kap der Ungesichertheit des Denkens, an dem Nietzsche zerschellte, souverän umschifft hat. (Henning Ritter in der FAZ) 

Peter Sloterdijk hält am ersten Todestag des französischen Philosophen eine Rede. Er will sich dem Phänomen Derrida nähern und geht dessen typischen Oszillationen des Denkens aus. Es gibt, so scheint Derrida sagen zu wollen, im Realen so etwas wie  nicht synthesefähige Gegensätze, die koexistieren, obwohl sie sich gegenseitig ausschließen. Weil Gegensätze ins eigene Denken und Erleben fallen und ihn bestimmen, folgt aus dieser Konzession zugleich eine Feststellung über den Philosophen, nämlich dass er sich selber als einen Ort erfuhr, an dem das nicht zur Einheit führende Zusammentreffen von einander unverträglichen Evidenzen stattfand. Man könnte sich, von dieser Beobachtung ausgehend, die Frage stellen, ob das unermüdliche Beharren auf der Mehrdeutigkeit von Zeichen und der Mehrwertigkeit von Aussagen, die von der Physiognomie dieses Autors nicht wegzudenken ist, nicht auch ein Hinweis darauf war, dass er sich selbst als Behälter oder Sammelstellen von Oppositionen erlebte, die sich zu keiner höheren Einheit zusammenfügen wollten.(Sloterdijk S. 10,11)

Derrida gibt Rätsel auf. Und Sloterdijk schafft es, das Rätsel zu lösen, in dem er Zusammenhänge herstellt. "Derrida ein Ägypter" liest sich so spannend wie ein Krimi, mit jedem weiteren Kapitel lässt sich eine Lösung des Falls erkennen, wobei die Lösung, entsprechend dem Anspruch beider philosophischer Autoren immer eine vorläufige bleiben muss. Dies verleiht dem Text eine narrative Qualität. In sieben Kapiteln setzt Sloterdijk Derrida in Beziehung zu Luhmann (dem er die Fähigkeiten eines Hegelschen Denkens zuschreibt, das allerdings den rationalen Diskurs der aufklärenden Philosophie des Abendlands abschließt und keine weitere Öffnung zulässt), Freud (dem es in seiner letzten Schrift „Der Mann Moses“ geglückt ist, die mosaische Tradition des Monotheismus auf den ägyptischen Auferstehungsglauben Echnatons zurückzuführen, der in seinem eigenen Lande nicht akzeptiert wurde und das Exil brauchte, wie so manches Glaubenssystem, um sich auf breiter Ebene gesellschaftlich durchsetzen zu können), Thomas Mann (der in seinem Roman „Joseph und seine Brüder“ dieses Geschehen literarisch aufbereitet und psychologisch feinsinnig anhand der Geschichte des Verstoßenen, der zum Führer wird, nachzeichnet), Franz Borkenau (einem in Vergessenheit geratenen Kulturhistoriker, dessen Hauptwerk „Ende und Anfang. Von den Generationen der Hochkulturen und der Entstehung des Abendlandes“ zwei Typen von Kultur identifiziert, wobei die eine, in Ägypten wurzelnde, von einer Unsterblichkeitslehre ausgeht und diese Spur sich durch den Bau der Pyramiden dem Kollektiven Gedächtnis einprägt, während die andere, die in unser abendländisches aufgeklärtes Denken hinein wirkt, sich mit dem Tod abfindet und aufgrund dessen zu einer engagierten Diesseitigkeit und damit wiederum  zu einer Erfindung des Politischen - die Leistung sowohl der Bürgerschaften der antiken Polis als auch der jüdischen Volksgemeinschaft - gelangt), Règis Debray (der Begründer der „Mediologie“, der mit dem Aspekt der „transmission“ eine weitere Perspektive im „Problem der jüdischen Pyramide“ eröffnet: Die totale Mobilisierung eines Volkes, das mit seinem Aufbruch aus Ägypten beginnt, bei welcher ein ganzes Volk sich in eine fremde, bewegliche Sache verwandelt, die sich selbst entführt. In diesem Moment werden alle Dinge unter dem Gesichtspunkt ihrer Transportabilität reevaluiert... (S.51) und der nach Debray in erster Linie die schweren Götter Ägyptens zum Opfer fallen. Es gelingt dem Volk Israel durch seine Entscheidung für die tragbare Bundeslade eine Umcodierung Gottes vom Medium Stein auf das Medium der Schriftrolle, S.52, was in einem wunderbaren Zitat Debrays aus seinem Werk „Dieu, un itenéraire“ veranschaulicht wird auf S.52 ), Hegel (der von Derrida in seinen „Randgängen der Philosophie“ bedacht wird mit dem Untertitel „Der Schacht und die Pyramide. Einführung in die Helgelsche Semiologie“, und dem Derrida nachweisen kann, letztlich in seinem Denken platonisch inspiriert zu sein, insofern er in der Figur des Schachts eine vertikale Unterscheidung zwischen Himmel und Erde, Oben und Unten, Materie und Geist macht und diese Vertikale zugleich als Verbindung nutzt), und zuletzt Boris Groys, dem es in einer „Politik der Unsterblichkeit“ um die Archivierung, um „Museologie“ geht. Das Groysche Archiv ist ein Bestattungsinstitut der Weltkunst und der Weltkultur – es ist der Ort, an dem, wie angedeutet, nach einem nie ganz durchschauten Gesetz der Auswahl eine Mehrzahl von Personen mit ihren Werken die Unsterblichkeit erlangen können. (S.71). Für Derrida ist das Archiv der Statthalter des Unendlichen im Endlichen; (S.70) Und damit kommen die Ausführungen zu einem Ende, das durch die Differenz  zwischen dem, was in der generalisierten Grabkammer der Pyramide, d.h. im Archiv oder Museum, gesammelt werden kann, und dem, was für immer außerhalb dieser Kammer bleibt – die endlose und beliebige Fülle der Phänomene, die unter Titeln wie Lebenswelt, Wirklichkeit, Existenz, Werden, Geschichte und dergleichen beschrieben werden. Es geht nunmehr um die Verwandlung des bloßen Lebens durch seine Verschiebung ins Archiv. (S.72)

Sloterdijk reagiert auf die Nachricht von Derridas Tode: Mir war zumute, als ob ein Vorhang gefallen wäre....ich war allein mit dem Namen des Verstorbenen, ....allein mit der Empfindung, die Welt sei plötzlich schwerer und ungerechter geworden....(S. 73) Die Beziehung Sloterdijks zu Derrida ist in diesen Zeilen zu spüren, es sind persönliche Worte, die der Autor findet, und die die Faszination, die Derrida für mich selbst hatte, nochmals wach rufen.

Dieses schmale Büchlein gehört zu den schönsten Texten, die Sloterdijk geschrieben hat – vielleicht eben deshalb, weil nicht er und seine geistigen Höhenflüge, sondern die Gestalt eines anderen Denkers im Mittelpunkt stehen.