Lesetipps Psychologie
Aktualisiert am 18.12. 2011
Wiltrud Brächter, Geschichten im Sand: Grundlagen und Praxis einer narrativen systemischen Spieltherapie. Carl Auer Verlag 2010 EUR 27,95
"Oft wissen die Hände ein Geheimnis zu enträtseln, an dem
der Verstand sich vergebens mühte"(C. G. Jung). Diese
Verbindung zwischen Unterbewusstem und Gestaltungswillen macht sich die
Sandspieltherapie, die ursprünglich von der Schweizer
Therapeutin Dora Kalff entwickelt wurde, zunutze. Sie wurde nun
von Wiltrud Brächter mit narrativen, systemischen Konzepten überzeugend
verbunden. In ihrem Buch stellt die Autorin neben den Grundlagen und
Hintergründen verschiedene Methoden des Ansatzes vor und gibt eine
wunderbar klare leicht lesbare Einführung in das jeweils Typische, was
die narrative und die systemische Therapie ausmacht und wie sich diese
besonders für den therapeutischen Umgang mit Kindern eignet, denn
die Anliegen der Kinder sind oftmals sehr viel komplexer und „hintergründiger“
als die der Eltern, die meist lediglich auf eine Symptomreduzierung
fokussieren. Reine Symptombehandlung geht deshalb in der Kindertherapie
oft am „eigentlichen“ Ziel der Verbesserung der Lebens- und
Entwicklungsbedingungen vorbei…“ Das Besondere an der
Spieltherapie sieht sie darin, dass sie einen Zugang zu den inneren
psychischen Repräsentationen der Erfahrungen des Kindes und damit –
über die reale Änderung der Beziehungen – eine Veränderung dieser
inneren Repräsentationen von Beziehungen und internalisierten Bildern
der Realität ermöglichen. Dabei wird die narrative Kindertherapie
in einen spieltherapeutischen Kontext eingebettet. Narrative Therapie
greift die Geschichten der Kinder auf, die sie im Spiel repräsentieren.
Sie unterstützt sie dabei, „eingefrorene“ Geschichten wieder in
Gang zu bringen und Lösungen zu erspielen. Was kann das Spiel
leisten, wozu die Sprache in der Therapie nicht imstande ist? Konzeptionell
wird Spiel als Sprache verstanden, in der sich Kinder mitteilen und über
die sich ein Zugang zu ihrem Erleben gewinnen lässt. Die Einbettung in
eine therapeutische Beziehung gilt als Wirkfaktor, durch den sich Spiel
im Kontext der Spieltherapie von sonstigem Kinderspiel abhebt. Wie
unterscheidet sich nun die systemische Spieltherapie von anderen
spieltherapeutischen Ansätzen? Es gibt bestimmte Prämissen, die der
systemische Grundbezug mit sich bringt: Sie verwendet keine
Deutungen, sondern orientiert sich an den theoretischen
Konzepten des Konstruktivismus und der therapeutischen
Position des „Nichtwissens“; sie verzichtet auf Konzepte der
Verhaltenssteuerung, da sie von der Nicht-Instruierbarkeit menschlicher
Systeme ausgeht und anderen ethischen Werten folgt; sie beschränkt sich nicht auf ein Zurückspiegeln
der Aktivitäten des Kindes, sondern gestaltet den Kontakt aktiv als
dialogischen Prozess; sie
setzt nicht auf ein gefühlsintensivierendes „Durcharbeiten“ von
Problemen, sondern legt den Fokus auf eine Anregung neuer Sichtweisen
und auf Perspektivenerweiterung; sie verortet Spieltherapie nicht in
einem nach außen abgeschlossenen Einzelsetting, sondern versteht sie
als Teil der Arbeit mit der Familie. Das Anliegen der narrativen
Therapie wird verständlich gemacht: diese bezieht sich darauf, dass
Menschen ihr Erleben in Form von Geschichten organisieren. Im
episodischen Gedächtnis setzen sich Erinnerungsmomente zu Erzählbögen
zusammen, die Ereignissen Sinn verleihen. Aus der Fülle möglicher
Wahrnehmungen erfolgt dabei ein Auswahlprozess, der Komplexität
reduziert. Welche Elemente in eine Erzählung eingehen, wird aus
narrativer Perspektive von Geschichten dominiert, die bereits zuvor
gebildet wurden. Erzählungen entfalten eine strukturierende Kraft; sie
lenken den Fokus der Wahrnehmung und weisen Erfahrungen Bedeutung zu.
Dabei formen und bestätigen sie auch Vorstellungen über die eigenen
Identität. Besser hätte es Michael White, der Begründer der
narrativen Therapie, nicht ausdrücken können. Er fasst in einer Frage
zusammen, worum es geht: Welchen
Geschichten erlaubst du, dein Leben zu regieren? Bekannt
wurde die narrative Therapie vor allem durch die Technik der
Externalisierung, die auf eine Ablösung des Problems von der Person
abzielt. Dem Problem wird dabei eine eigene Gestalt gegeben, die mit
einem Namen bezeichnet wird. Dies steht im Gegensatz zur systemischen
Therapie, die üblicherweise versucht, Symptome zu verflüssigen. Dort
werden Internalisierungsprozesse, in denen defizitäre Zuschreibungen
der eigenen Person zugerechnet wurden, rückgängig gemacht, wobei dies
umso besser über den Umweg der Externalisierung, gelingt, in dem
Probleme verdinglicht werden, um sie aus dem Klientensystem herauszulösen
und dem Klienten ermöglichen, unterscheiden zu können. So erhält das
Symptom bzw. Zuschreibung eine Kontur,
so dass sie sich von dem System abgrenzen lässt.
Die narrative Therapie ist körperbezogen – sie kann gar nicht anders, denn Geschichten sind an das Erleben ihres Erzählers gebunden. Verändern sich die Geschichten, verändert sich das Erleben. In das Spiel fließt emotionales, nichtverbalisierbares Erleben ein. Ein direkter Bezug auf die Gefühle des Kindes erfolgt in modulierender Weise. Starke Emotionen wie Wut und Verzweiflung werden aufgefangen und auf ein Niveau herunter reguliert, auf dem ein Kind wieder Orientierungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, schreibt die erfahrene Therapeutin: Ein vorsichtiges Explorieren neuer Handlungsschritte wird wertschätzend bestätigt und durch unterstützende Spielbeiträge sicher gerahmt. Interesse und Neugier versteht die Autorin mit Tom Levold als wichtigsten „Basisaffekt“, der von Therapeutenseite in Veränderungsprozesse eingebracht werden kann. Wird das Spiel nur reflektierend nachvollzogen, ohne Ideen zu einer Perspektivenerweiterung einzustreuen, kann Kinder in alten „Denkbahnen“ festhalten. Dies erfordert eine ordentliche Portion eigener Phantasie von der Therapeutin. Hilfreich sind da die Hintergrundkonzepte zur Orientierung in der Sandspieltherapie, die ursprünglich von der Symboldeutung der analytischen Tiefenpsychologie geprägt ist. Hier jedoch entsprechen sie Sandbildgeschichten eher dem therapeutischen Konzept des „inneren Teams“, bei dem es darum geht, Persönlichkeitsanteile in ein neues Gleichgewicht zu bringen. Versteht man Bildelemente als Ausdruck von Persönlichkeitsanteilen eines Kindes, erscheint es bedenklich, wenn Lösungsversuche gegen Teile von Sandbildern unternommen werden. Solche Ideen werden von der Autorin nicht unterstützt. Es folgen ausführliche Fallbeispiele, in denen auch Rollenspiele, Handpuppen und kreative Methoden zum Einsatz kommen. Der ausführliche dritte Teil zeigt für unterschiedliche Praxisfelder auf, wie Kinder die Möglichkeiten narrativer Therapie nutzen. Besonders gut gefallen an dem Buch hat mir der souveräne Umgang mit der die Methodenvielfalt, die die Autorin sich durch eigene Erfahrung erarbeitet hat. Ihre Therapieausbildungen umfassen u. a. die Gestalttherapeutische Arbeit mit Kindern (Analytisches Gestalt Institut, Bonn); die Psychoanalytisch-systemische Therapie (APF, Köln); Hypnotherapeutische und Systemische Konzepte für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (MEG), wobei die Schwerpunkte auf konzeptionelle Fragen zur Entwicklung einer systemischen Spieltherapie gelegt wurden, so dass das eigene Konzept der narrativen Spieltherapie sich schlüssig und überzeugend daraus ergibt. Ich werde dieses Buch in meinen Fortbildungen aufs Wärmste empfehlen. Ein Dankeschön an Autorin und Verlag!
Michael
White, Landkarten der narrativen Therapie. Aus dem Englischen von Astrid
Hildenbrand. Mit einem Vorwort von Wolfgang Loth. Carl Auer Verlag 2010
EUR 29,95
Michael
White (1948–2008) gilt
als Mitbegründer der Narrativen Therapie und hat mit diesem Ansatz
weltweit zahlreiche Therapeuten beeinflusst. Zusammen mit seiner Frau
Cheryl White leitete er das Dulwich Centre in Adelaide, Australien, in
dem er über 25 Jahre lang Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen
weiterbildete. Dies ist sein letztes Buch, das als Zusammenfassung und Rückschau
auf sein Werk gelten darf. Mehr als 20 Jahre praktischer Erfahrung und
theoretischer Reflektion der Narrativen Therapie werden in
Fallbeispielen verdichtet, mögliche Vorgehensweisen im Therapiegespräch
werden illustriert, zum Teil in Diagrammen dargestellt, die selbst wie rätselhafte
Landkarten, oder besser, wie Musikstücke und choreographische Skizzen
wirken, wenngleich sie der theoretischen Unterfütterung dienen sollen.
Der Leser ist aufgefordert, eigene Landkarten zu präsentierten
Transkripten anzufertigen, und lernt auf diese Weise, das Gelesene für
die eigene Praxis umzusetzen. Das eigentliche Kernstück des Buches aber
ist ein Vermächtnis, das sich über persönliche Erfahrungen und
Erinnerungen vermittelt. White schreibt über seine frühe Liebe zu
Landkarten, seine Frau über die Entstehung der narrativen
Therapie aus einer gemeinsam geteilten politischen
Philosophie. Ein wunderbares Buch, das in keiner Bibliothek
fehlen sollte. Es erschließt ein politisches Denken, das in unserem
Land erst gelernt werden muss.
|