Lesetipps non-fiction
aktualisiert am 18.11.2011

Nana Nauwald, Felicitas Goodman, Ekstatische Trance. Rituelle Körperhaltungen. Das Praxisbuch. AT Verlag 2011, 19,90

Man muss nicht den Anspruch haben, gleich selbst alle Haltungen zu beherrschen und "richtig" in ekstatische Trance zu geraten. Dieses Buch, das eine Hommage an Felicitas Goodman ist und zugleich eine wunderbare Erweiterung durch die Künstlerin, Autorin und Dozentin, eine Mitbegründerin des deutschen Felicitas-Goodman-Instituts. Viele Haltungen waren mir selbst unbekannt und finden sich nicht in den Büchern Goodmans. Das Institut hat hier eine großartige Forschungsarbeit geleistet, und die Fülle der Körperhaltungen sind im überschaubar gestalteten Layout sowohl als ursprünglich Form der Skulptur oder Felszeichnung, als auch in sehr ansprechenden Photos von Menschen in Trancehaltung dargestellt. Vor allem die Photos haben mich berührt - wie wesentlich diese Menschen ausschauen! Dem Verlag sei gedankt, dieses Projekt zu unterstützen, und so wünsche ich dem Buch eine weite Verbreitung.      

Marco Pogacnik, Synchrone Welten: Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. AT Verlag 2011

                                                  

Zauberhafte Illustrationen erweitern den Text - mein Favorit: "Die Nanoteilchen, aus denen mein Körper komponiert ist, erscheinen teilweise wie in das Insektenmandala eingewoben" (auf S. 70) Der Autor überzeugt als Künstler, der mit leichter Hand seine Visionen auch einem Publikum zugänglich macht, das sich sonst von den 12 Dimensionen vielleicht keine Vorstellung machen könnte...

Tiqqun, Kybernetik und Revolte.  Aus dem Französischen von Ronald Voullié. Diaphanes Verlag 2007
Erschienen ist das Werk des  Autors schon 2001, unter dem Titel "L´hypothese cybernetique", und bezieht sich auf noch ältere Texte, u.a. auf die Situationistische Internationale 1958, die ihr Programm folgendermaßen definieren: Man muss einsehen, dass wir jetzt einem Rennen zwischen freischaffenden Künstlern und der Polizei beiwohnen und an ihm teilnehmen werden...Von seinem Ausgang hängt die Entstehung einer leidenschaftlich fesselnden Umwelt ab oder aber die - wissenschaftlich kontrollierte und lückenlose - Verstärkung der Umgebung der alten Welt der Unterdrückung und des Gräuels...  Ist die die Kontrolle über diese Mittel nicht total revolutionär, dann können wir zum gesitteten Ideal einer Gesellschaft von Bienen verleitet werden. " Dieses Ideal , dieses Bild beschwört eine explizite aber statische Weltenordnung mit den Mitteln der vollendeten Kybernetik. Die Revolution hingegen muss sich darum bemühen, sich die modernsten technologischen Werkzeuge aneignen, um die Polizei auf ihrem eigenen Gebiet zu bekämpfen, indem man eine  Gegenwelt mit den selben Mitteln erschafft, die sie verwendet. 

 Bei jeder tumultösen Geburt der Liebe wird der grundlegende Wunsch wiedergeboren, sich selbst und die Welt umzuwandeln.

Die Autonomie....verschafft sich die Mittel, um dauerhaft zu sein und sich von Ort zu Ort zu bewegen, um sich zurückzuziehen und anzugreifen, um sich zu öffnen und zu schließen, um die stummen Körper und die körperlosen Stimmen wieder miteinander zu verbinden. 

Unbedingt lesen! 
Auch wird auf das Werk von Elias Canetti aufmerksam gemacht. In "Masse und Macht" (erschienen 1984,  2011 bei Fischer neu editiert)  wird eine "Politik des Rhythmus" vorgeschlagen, die Tiqqun wertet als dritten Weg, der nicht zwischen zwei Arten der Revolte wählt, sondern sich einer Pulsation überlässt und andere Intensivierungen als die erforscht, die von der Zeitlichkeit des Notfalls erfordert wird. Die Macht der Kybernetiker bestand darin, dem Gesellschaftskörper einen Rhythmus zu geben, der tendenziell jegliches Atemholen verhindert. ..Den richtigen Rhythmus zu suchen führt somit zu einer Intensivierung der Erfahrung... (S. 109) Zitat Canetti: "Sie üben eine Anziehungskraft aus, die nicht nachlässt, solange sie nicht vom Tanz ablassen."

 

Christoph Fasching channelt Erzengel Gabriel: Die Gesellschaft 2015. Anleitung zur Bildung einer neuen Gesellschaft in der 5. Dimension. ch.falk-verlag 2010

 

Ein Mann der Fasching heißt und einen Erzengel channelt, das macht mich neugierig. Wie viel ist Fiction, wie viel "Non-Fiction"? Wie auch immer, der Text regt zu neuen utopischen Phantasien an und die Autorität des Erzenengels bewirkt, dass er als Verheißung gelesen werden kann, sozusagen, als wäre das Verheißene schon manifestiert, aber noch nicht sichtbar für uns, die wir in der 3. Dimension weilen. Das ist eine starke Suggestion, die den emotionalen Status quo verändert. Während ich lese, begebe ich ich mich in einen Art Hyper-Raum der Möglichkeiten, und ich frage mich, was eigentlich dagegen spricht, jetzt sofort einzutreten in diesen neuen Zustand, der in der Vision Gestalt gewinnt. Na ja, da sind so pragmatische Bedenken, wie "In der Welt/ regiert das Geld", einem mittelalterlichen Vers - bislang scheint sich da wenig geändert zu haben. Aber angenommen, der Erzengel hat Recht und es wird in einiger Zeit kein Geld mehr geben, bzw. es wird nichts mehr wert sein, und all die anderen materiellen Werte auch, die da sind Gold, Immobilien, Rohstoffe etc., dann fällt auch die Profitgier weg, und es lohnt sich nicht mehr irgendetwas zu arbeiten und zu unternehmen, das nicht aus purer Freude am Tun geschieht. Angst, die die Habsucht und Raffgier gebiert, gibt es dann auch nicht mehr, denn allen gehört alles und es ist für alle genug vorhanden. Und wenn nicht mehr Angst sondern Inspiration mein Handeln bestimmt, entsteht ein  völlig neues Daseinsgefühl im Hier und Jetzt. Heißt es also abwarten, bis aus dem Universum die notwendigen Einstrahlungen kommen, die das menschliche Bewusstsein von Grund auf umkrempeln? Dass es nicht mehr allzu lange dauern kann, macht Mut, denn nichts ist schwieriger zu ertragen als Verheißungen, die auf sich warten lassen. Die Welt bekommt einen Welt-Rat, der die oberste Entscheidungsgewalt über die Bodenschätze erhält und darüber entscheidet, ob eine Ressource angegriffen und auf welche Weise sie gefördert wird....Die Welt bekommt ein Gewissen, das in den Köpfen jedes Einzelnen verankert ist und dafür sorgt, dass jedem bewusst wird, wer er ist und warum er hier auf dieser Welt lebt. Somit wird jeder gerne am Weltgeschehen teilnehmen und  sich für die Gemeinschaft einsetzen... Gewalt kommt nicht mehr vor...Es werden keinerlei Ängste mehr vorhanden sein, denn ihr seid euch eurer Unsterblichkeit bewusst und gewiss, dass ihr immer und immer wieder zurückkehren könnte, um all das noch einmal zu erfahren. Eine Reise beginnt, die man als "kosmische Erfahrungsreise" bezeichnen könnte. Der Geist des Menschen wird in der Lage sein, die Erde zu verlassen und in andere Sphären vorzudringen... Die Welt öffnet all ihre Geheimnisse, und der Mensch findet aus seiner alten Denkweise als einzelnes Individuum - aus dieser verirrten Überzeugung - immer mehr heraus und stellt fest, dass er nicht nur mit allen Mitgliedern der Erdbevölkerung verbunden ist, sondern dass er ebenso eine Verbindung zu anderen Wesen hat, die in ganz anderen Galaxien leben, und seine Verbundenheit alle Planeten und Gestirne im gesamten Kosmos einschließt. Eine Einheit entsteht, die das Bewusstsein der Menschen heute zu erfassen nicht imstande ist. 

Allerdings haben Meditationen, die den Zustand der Nichtgetrenntheit (Advaita) ansteuern, dazu beigetragen, dass zumindest der Begriff und die Vorstellung von dieser Einheit sich schon manifestiert hat. Während des Lesens beobachte ich, wie mein körperlicher, seelischer Zustand sich verändert, dieses Lesen geht über die mir vertrauten mentalen Vorgänge des Sinnverstehens aufgrund von Sprache hinaus. Ich trete in einen Raum  ein, in dem ich BIN, aber anders als gewohnt. Ich gewöhne mich allmählich daran, dieses Anderssein nicht als Ausnahme, sondern als Regel zu erkennen, so dass ich mich jedes Mal, wenn es mir gelingt, mich dort aufzuhalten, durch das Wiedererkennen ein tiefes Gefühl der Beheimatung zu erleben, mehr noch, diesen Zustand zu verkörpern, indem ich mich körperlich daran gewöhne...

Ist das eine "Trance"?

Der Begriff "Trance" weckt die falschen Vorstellungen. Aber "Neues Bewusstsein" klingt auch nicht richtig, denn dieses Bewusstsein ist nicht neu im geschichtlichen Sinne. Immer wieder gab es in der Geschichte Versuche, die Verheißung von der Nichtgetrenntheit alles Wesen praktisch umzusetzen. 

Ich lasse die Frage nach der Benennung offen und beschäftige mich mit den Fragen des Zugangs.  

 

Weiter am  26.9. 
Der Zugang des Autors zu diesen neuen Bewusstseinswelten entwickelte sich nach und nach. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ihm sein Leben gelang und er von einem geschäftlichen Erfolg zum anderen eilte, erschien es ihm wie ein Theater, ein Spiel. Schon als Kind hatte er vor dem Einschlafen Visionen von Szenarien, als würde das Geschehen von Außen gesteuert. Seine einzige Chance, daran etwas zu ändern, so schreibt er, war, wie er auf solche Situationen reagierte und mit welcher Einstellung er der Sache entgegen trat. In Ruhephasen oder in Phasen höchster Konzentration wie beim Klavierspiel erlebte er, wie sich ein unendlich tief scheinender Tunnel bildete, durch den er in Gedanken hindurch flog und der kein Ende nehmen wollte. Auch die Zeit schien stehen zubleiben. So lernte er, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu sein. Durch die Begegnung mit einer Energetikerin war sein Interesse an dieser Arbeit geweckt, im Zuge gemeinsamer Aufarbeitung alter einschneidender Erlebnisse kam es dann zu einer ganzheitlichen Reinigung und spirituellen Entsorgung von psychischen Altlasten. Als Grund für die Abkehr von seiner bisherigen Karriere gibt er eine Unzufriedenheit an, die vor allem durch Ungerechtigkeiten im Alltag verursacht wurde. Die Menschheit fürchtet permanent um ihre Existenz und glaubt, dass das Anhäufen von Geld in den unterschiedlichsten Formen Sicherheit bietet. Während seiner Arbeit beschäftigte sich Fasching mit dem Thema der geistigen Führer und bemühte sich darum, die Welt des Lichts besser zu verstehen. Mit Hilfe eines Praxisbuches zum Channeling öffnete er sich dieser Welt und bat um Kontakt zur geistigen Welt. Plötzlich empfand er einen Energiestrom, und auf seine Frage "Ist da jemand?" antwortete der Erzengel Gabriel, der ihn willkommen hieß.

 

Ich will das Buch weglegen, nehme es mir aber immer wieder vor. Der Eindruck, den es

in mir hinterlässt, zeigt sich in meinen Träumen. Ich sehe wieder wie früher Weiten unberührter Natur, wie es wohl zur Zeit der Eiszeit gewesen sein mochte. Aber vielleicht habe ich in die Zukunft geschaut, denn der Natur werden wieder große Teile der Erdoberfläche zurückgegeben, so dass sie verwildern können und den Tieren eine ungestörte Heimat bieten. Die Zukunft ist vegetarisch, die Tiere gehen ihrer eigenen Wege, junge Seelen müssen sich erst im Zustand der Materialisation zurecht finden und Verhaltensformen ausprobieren. Ich erinnere mich meiner schamanischen Erfahrungen, in denen ich den Spirits begegnete. Es war wie ein Eintauchen in fremde, nicht-menschliche Erfahrungswelten. 

 

Ich trete in Resonanz mit dem Gehalt des Buches - "Inhalt" wäre schon zu spezifisch, zu rational. Der Gehalt teilt sich wie ein Geruch, ein Geschmack mit, er verändert meinen Körperzustand. Ich erfahre, wie es ist, keine Angst haben zu müssen, sich keine Sorgen zu machen. Nicht dass die rationalen Gründe dafür beseitigt wären. Aber meine Haltung, meine Einstellung ist anders. Ich lerne, in diese Zustände zu gehen. Es sind vielleicht "Trips"  oder "Trancen", aber im Gegensatz zu manch anderen Zuständen bereichern sie mich und bauen in mir Vertrauen auf.  

 

Jetzt steht der Übergang von der Neuen Lebenskunst zur Neuen Lebenskultur an, denn die Wirkung dieser Traum-Zustände potenzieren sich, wenn sie geteilt, mitgeteilt werden. 


Jens O. Meissner, Einführung in das systemische Innovationsmanagement. Carl-Auer-Verlag 2011 EUR 12,95

Wie kommt das Neue in die Organisation? Das klassische, stark betriebswirtschaftlich ausgerichtete Innovationsmanagement mag bei der Modernisierung von einzelnen Produkten noch funktionieren. Es versagt jedoch, wenn ganze Systeme erneuert werden, etwa wenn neue Kombinationen gefunden und neue Elemente in den Entwicklungsprozess eingebunden werden müssen. Ein systemischer Ansatz fokussiert die Dynamik und die Komplexität, die im Management von Innovation auftritt, und nicht das Ergebnis, wie das in einem systematischen Ansatz der Fall wäre. Werden Innovationen als Teil der organisationalen Erneuerung reflektiert und der Charakter von Ideen aus einer systemtheoretischen Perspektive erfasst, eröffnen sich neue Spielräume, in denen sich aus „unordentlichen“ Ideen nachhaltige Innovationen entwickeln können.

Die Kunst besteht vor allem darin, sich dem Druck und „operationalen Sog“ zu entziehen, der sich aus dem Zugzwang globalen Wettbewerbs, gesättigter Märkte, beschleunigten technologischer Wandels und immer kürzeren Produktlebenszyklen ergibt. Vielfältige Einflüsse machen das Terrain unübersichtlich. Die zunehmende externe Beschleunigung erfordert dabei die Fähigkeit zur schnellen Anpassung und die stete Erneuerung des Produkt- und Dienstleistungsangebots. Ein Festzurren des Innovationsverständnisses scheint unumgänglich, um überhaupt aktiv werden zu können. Aber damit veraltet das Denken schon im Augenblick seiner Entstehung.

Der systemtheoretische Ansatz liefert einige Denkpositionen, die das Drama entschärfen. Management wird hier nach Dirk Baecker als „sozialer Rechenvorgang“ verstanden. Daraus lassen sich vier Problemkreise ableiten, die einen theoretisch Zugang ermöglichen: 1. Die Abhängigkeit vom Kontext, 2. der Begriff der Komplexität, 3.die prinzipielle Unsteuerbarkeit von Organisationen, und , damit verbunden, 4. das Phänomen der Selbstreferenzialität. Sofort stellt sich bei mir eine stoische Haltung ein, die das Leben in und mit Organisationen leichter macht.

Das Kapitel über die „unordentlichen Ideen“ bestärkt mich darin, erst meine eigene Befindlichkeit bzw. das Binnenklima im Betrieb zu betrachten und gegebenenfalls zu verändern. In vielen Darstellungen des Innovationsmanagements beginnt der Prozess mit seinem „fuzzy front end“, d.h. mit seinem unscharfen Beginn. Wenn die Alarmglocken läuten, mag es schon zu spät sein. Entgegen dem Sprichwort „Not macht erfinderisch“  scheinen sich Ideen zu verweigern, wenn sie sozusagen als Grundrecht eingeklagt werden. Das „abduktive Denken“ hingegen , wie es vom Philosophen C.S. Peirce eingeführt wurde, sorgt für eine entspannte Wahrnehmung, die sich auf ihren weitschweifigen Spaziergängen nicht scheut Fehler zu machen. Auch eine verrückte Idee kann eine wertvolle Ressource sein, wenn sie für die organisationale Wirklichkeit anschlussfähig gemacht werden kann. Allerdings muss man sich bei aller Anschlussfähigkeit von der Vorstellung trennen, eine Idee habe einen geistigen Besitzer. Die Idee, im Kern nichts anderes als ein Kommunikationsmuster, auf welches die Organisation anschließen muss, damit sie weiter entwickelt werden kann, sucht sich ihren Träger. Gegenseitige Empathie unter den potentiellen Mitteilhabern ist Voraussetzung für einen kreativen Prozess. Ideen sind keine Mangelware. Sie entstehen (und vergehen) im Rahmen einer verflüssigten Mentalität. Verflüssigung ergibt sich aus einem entsprechenden Bewusstseinszustand, der kontrolliert induziert werden kann. Wer den Schlüssel zu diesem ressourcevollen Zustand hat, hält den Schlüssel zur stetigen Erneuerung in Händen. Aber halt: es ist wie in den Märchen: diese Schätze des freien Geistes lassen sich nicht in ein Machtgefüge pressen. Wer es allzu zweckrational auf einen Gewinn abgesehen hat, verliert in diesem launischen Spiel. Du musst locker bleiben, und das Muss verdirbt die Laune.

Wenn man in selbstgesteuerten Systemen schon nicht direkt Einfluss nehmen kann, so empfiehlt es sich, den Kontext, also die Umgebung oder Situation, derart zu beeinflussen, dass sich das System in die wünschenswerte Richtung bewegt. Der Autor stellt zwei Vorgehensweisen vor: „Herr von Ratio“ setzt auf Planbarkeit, das Einhalten der formalen Entscheidungswege und Risikominimierung, „Frau Systema“ nutzt die Selbstorganisationskraft des Unternehmens und kanalisiert sie für das Innovationsthema, wobei die Einbindung der Beteiligten und das Schaffen von Freiräumen eine entscheidende Rolle spielt. Das Schaffen von Freiräumen fällt unter den Aspekt der Kontextgestaltung. Es wird davon ausgegangen, dass sich unsere Kreativität und Innovationsfähigkeit als Kommunikationsträger in Organisationen ganz wesentlich prägen.

Systemisches Denken hilft, die Rolle des Einzelnen im Systemzusammenhang besser zu verstehen: Einzelpersonen gehören systemtheoretische gesehen zur Umwelt der Organisation; Eingang ins System finden jedoch nur die durch die Personen ausgelösten Kommunikationen und Entscheidungen. Was jemand also in einer Organisation sagt, wie er agiert und sich am System beteiligt, liegt allerdings nur zum kleineren Teil in der Macht des Einzelnen. Als Mitarbeiter mit all seinen Bedürfnissen und Facetten ist e4r immer zu einem weit größeren Teil „von der Organisation konstruiert“, als Person wird er von der Organisation „gemacht“, und diese „Gemachtheit“ entscheidet darüber, ob jeder ein Innovator sein kann. Einfache Veränderungen an der operativen Basis können große Auswirkungen haben – vorausgesetzt, eine Bottom-up- Entwicklung wird von oben zugelassen. Ähnlich steht es mit den Ideen: Sie müssen nicht in der Organisation selbst entwickelt worden sein, um von großem Nutzen zu sein. Scouts spüren Lösungen auf, die öffentlich zur Verfügung stehen, deren Anschlussfähigkeit jedoch davon abhängt, ob sie zugelassen werden oder von vorne herein als „fremd“ eingestuft und abgelehnt werden. (Not-invented- here-Syndrom). Offene Kontexte leben davon, mit Andersartigkeit (Diversität) in Kontakt zu kommen, das “out-of-the-box-Denken der Mitarbeiter kann durch bereichsübergreifende Zusammenarbeit gefördert werden, da der Einzelne lernt, über seinen eigene Arbeitsumgebung hinaus zu blicken. Die interkulturelle Komponente kann besonders hilfreich sein, den eigenen blinden Fleck zu entdecken und vielleicht erst auf diese Weise neues Ideenpotenzial freizulegen. Das Innovationsmanagement wird keine Einzelkämpfer fördern, sondern auf Teams setzen, so dass Ideen und Erfahrungen, edie aus der Zusammenarbeit stammen, in Communities of Practice praktisch umgesetzt werden können. Wichtig ist auch der Aspekt der Championship. Von Meisterschaft kann man sprechen, wenn kreative Spannung systematisch und regelmäßig erzeugt und reflektiert wird.

Interessant ist der Vergleich von „U-Booten“ und „Leuchttürmen“: Das U-Boot ist ein Entwicklungsprojekt, welches im Verlauf abgebrochen wird und dann auf Tauchstation geht, während informell an der Idee weiter gearbeitet wird. Eine innovationsfreundliche Kultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie das erneut auftauchende Projekt zu einer erneuten Bewertung zu lässt. Ein U-Boot realisiert sich anhand der Selbststeuerungskraft der Organisation und der beteiligten Mitarbeiter. Leuchtturm-Projekte hingegen steht unter hohem Erfolgsdruck, weil sie vom Top-Management mit hoher Priorität gefördert werden, das zum Symbolträger für Innovation wird. 

Wenn Selbstorganisation zugelassen wird, dann steht dahinter auch die Einsicht, dass Innovation alleine durch Anweisung nicht zu schaffen ist. Dieses bedeutet, Organisationen als evolutionäre System zu begreifen.

Von dieser Position ausgehend lässt sich nun weiter denken, wahrnehmen und fühlen, vergegenwärtigen. Hier kommt der gute Rat K.E. Weicks ins Spiel: Complicate yourself!, was beinhaltet, dass chaotisches Handeln einer geordneten Passivität vorzuziehen ist. Dieses Prototyping auf experimenteller Basis ist bei Scharmers Theorie U wiederzufinden.  Ihm geht ein Prozess des (experimentellen) Crystallizing voraus, denn  "Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich hoere, was ich gesagt habe?" (Weick 1995 in „Der Prozess des Organisierens“) Innovation wird hier Teil von Organisation als (offener) Prozess, ein Feeling gleich einem Radar wird zum geeigneten Instrument, aber, wie Meissner betont: ohne Anschlusskommunikation an das System Organisation gibt es keine Innovation. Hier, zurück auf dem Boden der Tatsachen, werden sich „esoterische“ Experimente auf ihre sozialverträgliche Praktizierbarkeit beweisen müssen.

Bernhard Schlink, Heimat als Utopie
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000

Der vorliegende Text ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrags, der unter dem Titel „The Place of Heimat“ Dezember 1999 in der American Academy in Berlin gehalten wurde. Das ist also einige Zeit her. Diese Thematisierung von Heimat mutet nostalgisch an, als wollte ein veraltetes Lebensgefühl beschworen werden. Und tatsächlich beginnt der Text mit dem Satz „Immer wieder treffe ich Deutsche aus den neuen Ländern, die mir sagen, sie fühlten sich im Exil, obwohl sie leben, wo sie immer schon lebten, wohnen, wo sie immer schon wohnten, und vielleicht sogar in derselben Fabrik, Behörde, Schule oder Zeitung arbeiteten, in der sie schon vor der Wende arbeiteten.„ Ein  innerdeutsches Identitätsproblem also, denkt der Leser enttäuscht, wen interessiert das heute noch? So denken und fühlen Leute, deren Land von den Fortschritten der Zeit überwältigt wurde, so dass sie, die in den neuen Ländern leben, bekennen, sich darin wie im Exil zu fühlen. Der Vorwurf einer Annexion liegt nahe: die Heimat wurde ihnen weg genommen, neutralisiert, den neuen Verhältnissen zur Verfügung gestellt, und nun sollten sie auch noch Heimatgefühle entwickeln. Kein Wunder, dass da eine Absage kommt: nein, das ist nicht mehr unsere Heimat, das ist unser Exil, auch wenn es gerne haben wolltet, das wir uns stillschweigend fügen. Wir fügen uns nicht. Wir gehen in ein Exil, zu dem es keine Genehmigungen der Aus- und Einreise, des Aufenthalts. Gefühle werden zu Kampfansagen, zu Aussagen getränkt mit Ressentiment. Im Exil leben heißt in einer Fremde nach Gesetzen leben, die man nicht selbst gemacht hat und deren Auslegung und Anwendung man nicht selbst entscheidet.

Ursprünglich ist der Begriff des Exils der Gegenbegriff zum Begriff der Heimat, die man verlassen musste. Aber hinter welcher Grenze liegt die Heimat der Minderheit, die unter einer Mehrheit lebte und schon immer unter ihr lebte, sich unter ihr aber im Exil fühlt?

Sehr schnell wird klar, dass es bei Heimat und Exil um innere Zustände geht, ebenso wie dies der Fall für all die Gefühle, die Ängste und Sehnsüchte, die sich damit verbinden. Exil ist eine Metapher für die Erfahrung der Entfremdung…eine Erfahrung ohne Ortsbezug, der Ortlosigkeit…besonders nach dem Zweiten Weltkrieg die intellektuelle Erfahrung schlechthin... eine existentialistische Erfahrung des Heraustretens aus allen vorgegebenen Zusammenhängen, Ordnungen und Verortungen des Seins…die  Erfahrung der ortlosen Vereinzelung und Einsamkeit vor Gott und dem Nichts.

Es war die Erfahrung meiner Jugend und meines existentialistischen Aufbruchs in eine Welt, in der ich mich positionieren wollte, besser: sollte. Auch für mich war Exil Freiheit, und Heimat der Muff der Vertriebenen und ihrer Verbände. ..Das intellektuelle Lebensgefühl der Ortlosigkeit, der nationalen Unbezogenheit und Ungebundenheit…

Die Rückkehr des Nationalen in den intellektuellen Diskurs war nur möglich unter dem Vorzeichen einer kosmopolitischen Zugehörigkeit, wie sie etwa Martha C. Nussbaum einfordert, um zu einem neuen Rechtsbewusstsein und politischer Verantwortung zu gelangen. Auch damals (2000) war die Gleichschaltung aufgrund einer schleichende Globalisierung aktuell, und umso aktueller ist sie heute: Uniformität und Anonymität werden zur alltäglichen Erfahrung. In der Uniformisierung und Anonymisierung wird Entfremdung konkret vor Ort erfahren…in vereinzelter und vereinsamender Scheinselbstständigkeit…Angesichts solcher Tendenzen erhält Heimweh als vages Gefühl eine neue Bedeutung:  …nicht diese Zugänglichkeit und Alltäglichkeit, sondern etwas Unerfülltes, etwas Unerfüllbares…immer wieder ist Heimat ein Geruch, diese flüchtigste aller Sensationen…Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist, sondern der, der er nicht ist… nicht die gegenwärtige, sondern die vergangene und erinnerte Stadt…

Heimat als Utopie? Das Verständnis der utopischen als der eigentlichen Qualität von Heimat nimmt der Heimat nichts. Es erlaubt die individuelle Mischung aus Nähe und Distanz zum Ort, zur Erinnerung und Sehnsucht, zur Realität und Phantasie, die dem notwendig individuellen Begriff der Heimat entspricht…So ist das Reden vom Exil nicht nur Metapher für Entfremdung, sondern auch Ausdruck utopischer Sehnsucht.

Hannah Arendt hat überzeugend dargelegt, dass das Recht auf Heimat das Menschenrecht schlechthin ist , ein Recht ist auf anerkannte Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft.

Dass Heimat mit der Anerkennung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft beginnt, wird sichtbar, wo die Anerkennung fehlt. Rechtlich gesehen muss die Zugehörigkeit keine staatsbürgerliche sein und nicht die politischen Rechte einschließen, aber einen gesicherten Status gewährleisten. Das Recht auf Heimat ist das Recht darauf, an einem Ort rechtlich anerkannt und rechtlich geschützt zu leben…

The Place of Heimat ist also einerseits ein reales Verhältnis zur gesellschaftlichen Realität, andrerseits eine innere Entscheidung, sich auf dieses Verhältnis einzulassen.

Dieses schmale Büchlein des durch seine Romane bekannten Autors übertrifft seine literarische Produktion. Er ist eben doch mehr Philosoph und Rechtsanwalt als Erzähler, auch wenn seine Erzählungen vollgepackt mit Reflexionen sich angenehm lesen, aber mich nicht so anregen wie dieser Essay. Unbedingt lesen! 

 

Elena Esposito, Die Zukunft der Futures: Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft. Aus dem Italienischen von Alessandra Corti.  Carl-Auer- Verlag 2010 EUR 44,00

Alle schwärmen von der U-Theorie des Carl Sharmer. Aber wer kennt Elena Esposito? Schon der Titel macht neugierig. Was hat es mit diesen Zukünften auf sich? <Futures> sind Termingeschäfte, die in der Gegenwart mit etwas handeln, das erst in einer ungewissen Zukunft stattfinden wird. Die Wirtschaft handelt mit Zeit. Dabei kann, wie die Wirtschaftskrise gezeigt hat, gesellschaftlicher Schaden entstehen. Was tun? Wer sich nicht von den 296 Seiten äußerst anspruchsvollen Textes abschrecken lässt, und auch nicht das Buch von vorne nach hinten auf der Suche nach einer griffigen Antwort in einem Ruck durchlesen will, wird durch kostbare Einsichten belohnt. Sicher: die Sprache ist die der Systemtheorie nach Niklas Luhmann, bei dem die Autorin in Soziologie promovierte, nachdem sie Soziologie und Philosophie - bei Umberto Eco - in Bologna studierte. Nach der Habilitation in Bielefeld seit 2001 ist sie Professorin für Kommunikationssoziologie an der Facoltà di Scienze della Comunicazione e dell'Economia der Universität Modena-Reggio Emilia. Kongresse und Vorträge führen sie regelmäßig nach Deutschland. Ihr neuestes Buch, um das sich der Carl-Auer-Verlag wieder einmal  verdient gemacht hat, ist also nicht nur eine Einführung in die globalisierte Welt der Wirtschaft und der Finanzen, sondern auch in die Sprache der systemischen Beschreibung, wie man sie von Luhmann kennt. Zum besseren Verständnis gibt es übrigens ein Glossar zur Theorie sozialer Systeme, bei dem sie mitarbeitete. An dieser Stelle sei die Leistung der kongenialen Übersetzerin gelobt, denn bei aller Abstraktion ist hier doch ein philosophisch stringenter Text entstanden, der auch einer gewissen Poesie nicht entbehrt. Deshalb seien ein paar Auszüge herausgestellt, die Appetit auf Mehr machen könnten:

  

 

Die Ungewissheiten bei der Regulierung der Ungewissheit: Nach Luhmann löst die Heterarchie die hierarchische Ordnung auf, nicht weil es keine Hierarchie mehr, sondern weil es deren zu viele gibt, die einander ersetzen können, ohne auf eine Einheit reduzierbar zu sein. Das Bewusstsein beginnt sich durchzusetzen, schreibt Esposito, dass es angebracht wäre, die Illusion einer Reglementierung aufzugeben, weil die Finanzmärkte nicht länger hierarchisch organisiert sind und über keine Spitze (etwa die Zentralbank) verfügen, die alle Operation bis in die Peripherie hinein kontrollieren könnte....Unter diesen Bedingungen it einzig plausible Form der Reglementierung die Selbstregulation der Märkte auf der Grundlage eigener Mechanismen. Selbst politische oder rechtliche Interventionen führen hier nur zusätzliche Elemente der Komplexität und „Irritation“ ein, die intern in einem Prozess entwickelt werden, der sich von außen stören, aber nicht steuern lässt... Märkte brauchen offenbar extern auferlegte Bindungen, um Erwartungen zu bilden. Sie müssen überwacht werden, um sich kontrolliert entfalten zu können. Diese Kontrolle aber nicht durch äußere Autoritäten ausgeübt. S. 123

 

Die Zeit des Geldes: Für manche liegt die wahre Bedeutung der Globalisierung der Finanzmärkte in zeitlichen <patterns>, die eine <timeworld> konfigurieren, bei der alle Inhalte als Prozesse verstanden werden müssen. Globalisierung ist also weniger ein örtliches, durch aufgehobene nationalstaatliche Grenzen gekennzeichnetes Phänomen, als ein primär zeitliches, das an die virtuelle Simularität eines zusammenhängenden Universums gebunden ist und bei dem ein in erster Linie auf dem Computerbildschirm lokalisiertes < global reflex system> erzeugt wird. 

 

Eine entscheidende Rolle kommt hier sicherlich der Digitalisierung und Computerbenutzung zu, denn bekanntlich sind viele Finanzoperation so komplex, dass sie nicht ohne Zuhilfenahme von Rechenmaschinen

realisierbar sind. Transaktionen können dadurch enorm beschleunigt werden, bis hin zu einer <virtuellen Simultanität>, bei der man auf Operationen zu reagieren versucht, noch während sie ablaufen. Es handelt sich um Operationen auf mehren  Ebenen, die gleichzeitig über die Transaktion selbst und über ihre Auswirkungen auf den Markt spekulieren und eine verschränkte, rekursive Situation schaffen, die sich gängigen, an die zeitliche Ordnung von Ursache und Wirkung (Ursache vor Wirkung!) gebundenen Formen kuasaler Kontrollen entziehen.  

 

Diese am Modell sich gegenseitig reflektierender Spiegel konstruierter Realität impliziert keine fixen, von den laufenden Prozessen unabhängigen Inhalte, sondern konstituiert sich gleich einem Teppich, nur wenn man sie aufrollt. Welche Art von Orientierungen kann eine solche neue, bewegliche und dahinschwindende Realität bieten? S. 124

 

Die Produktion der Zukunft: Derivate bieten die Möglichkeit, Geld anders arbeiten zu lassen, indem man sie den Kauf und Verkauf von Aktien, die man nicht besitzt, gestatten. Man kann deshalb sagen: Sie sind eine neue, von dem Besitz der getauschten Güter unabhängigen Form von Geld...S.171

 

 

Die gegenwärtige Zukunft und die künftige Gegenwart: Bei Derivaten handelt es sich um eine hochgradig selbstreferenzielle Form von Geld, da sie nun keiner externen Verweisung mehr bedürfen, sondern nur mehr auf Geld und seine Zirkulation bezogen sind. Auf Finanzmärkten steht Geld nur für anderes Geld, es schafft seinen eigenen Wert ohne Bezug zur Welt, nur mit Bezug auf die Zukunft. S.177

 

Der Handel mit der Ungewissheit: Auf den Derivatemärkten (und den heutigen Finanzmärkten) wird die Zukunft geschaffen und werden Risiken erzeugt. Was dabei herauskommt, unterscheidet sich jedoch von dem, was die Unternehmer (und größtenteils auch die Theorie) erwarten würden.S.189

 

Das Lächeln der Voltilität: Springender Punkt und Problem des gesamten Ansatzes ist die Frage, ob die Erwartung realistisch ist, dass Risiken sich auf vorhersehbare Weise entfalten und einem geordneten Lauf folgen, der sich aus ihren vergangenen Entwicklungen ableiten lässt. S. 210

 

Die fehlende Kontrolle steuern:

Der Computer (vergleiche N. Wieners Beispiel eines Schachcomputers 1948)verfolgt keine Strategie, aber er schreibt in jeder Gegenwart seine jeweiligen Zukunftsprojektion neu, indem er vergangene Daten mit den sich daraus ergebenden Zukünften abgleicht. In seinem Gedächtnis sind nicht nur Fakten abgespeichert, sondern auch Horizonte (als mögliche Zukünfte), so dass er nicht nur aus eigenen Fehlern zu lernen vermag, sondern auch aus den Fehlern des Gegners....In diesem Falle wird die Kontrolle nicht dadurch erlangt dass man den Input (die Gegenwart)mit einem Ziel (der Zukunft) vergleicht, sondern dadurch, dass man den Input mit dem Gedächtnis (der Vergangenheit) vergleicht, um daraus eine Bandbreite von Möglichkeiten projizieren zu können, die immer wieder auf den neuesten Stand werden kann und stets offen bleibt. S. 273/274

 

 In der gegenwärtigen Zukunft kann man nur auf die heute denkbaren Möglichkeiten Bezug nehmen. Davon gehen aber weitere Möglichkeitsräume (jene der zukünftigen Gegenwarten) aus, die heute noch vollkommen unabsehbar sind. Darin liegt jedoch kein Übel, sondern die große Ressource der Zukunft, die jegliche Programmierung und Kontrolle in Rechnung stellen müsste. (S. 275/276)

 

In diesem Sinne  kann man das Konzept der Kontrolle beibehalten, jedoch in einer veränderten Version: Wer einen Steuerungsversuch unternimmt, übt Kontrolle auf den Lauf der Dinge (auf die Produktion der Zukunft) aus, nicht jedoch deswegen, weil er bestimmen kann, was passiert, sondern weil er zwischen unterschiedlichen Gegenwarten eine Verbindung herstellen kann, indem er das, was passiert, als Konsequenz zuvor getroffener Entscheidungen sieht, indem er daraus lernt und Korrekturen vornimmt. (Auf diese Weise kommt zustande, was Luhmann die „zeitliche Selbstintegration des Systems“ nennt.) S. 276

 

Der Umgang mit der Veränderung: In Anbetracht einer offenen Zukunft stützt Vertrauen sich nicht auf Konstanz, sondern auf die Fähigkeit, eine Steuerung auch bei Überraschungen (infolge der Steuerungsmaßnahmen) aufrechtzuerhalten. Dies vor allem sollten die Märkte verzeichnen: dass Änderungen sich nicht nur als Reaktion auf unvorhergesehene Vorkommnisse einstellen, sondern die Konsequenz der eigenen Politik der Steuerung des Möglichen sind. (S. 284)

 

Ich muss zugeben, dass ich bei der Lektüre mehrmals das Gefühl hatte, mein Hirn würde von nichtlinearen Schleifen durchsetzt und völlig in seiner konventionellen Struktur aufgelöst. Aber nach einiger Zeit gewöhnte es sich offensichtlich daran und war auf den Geschmack gekommen, stellte selbst neuartige Verbindungen her, dem mein Bewusstsein noch nicht ganz folgen konnte, aber immer mehr ...und ich nehme das konventionelle Zeitmanagement, das dem Profi abverlangt wird, nicht mehr so ernst. Es kommt doch oft anders. Meine Erwartung, Sicherheit herstellen zu können, ist gründlich enttäuscht worden, aber das hat auch Vorteile. Jede Enttäuschung ist auch Erleichterung und somit Entspannung. O.K. Man kann es einfach nicht genau vorhersagen und wissen – am besten ist es, offen zu bleiben und ein gutes Leben zu führen. Auch und gerade zu Zeiten der Globalisierung...Ich wünsche diesem großartigen Buch eine weite Verbreitung und allen Lesern die damit verbundene Möglichkeit, auf höchstem Niveau tief entspannen zu können. Kay Hoffman

 

Philipp Fersch, Wie August Petermann den Nordpol erfand. Mit zehn Schwarz-Weiß-Abbildungen. Sammlung Luchterhand 2010

Nach seinem 2007 erschienen Buch „Laborlandschaften - Physiologische Alpenreisen im 19. Jahrhundert“ legt jetzt der Wissenschaftsgeschichtler Philipp Felsch (Jahrgang 1972, seit 2006 am Zentrum Geschichte des Wissens an der ETH Zürich tätig) ein neues Buch vor, das den literarischen Vergleich mit Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt) nicht scheuen muss. 

Wer war August Petermann? 1822 im thüringischen Bleicherode geboren, beschäftigt er sich schon früh mit Geografie und dem Zeichnen von Karten. 1839 tritt  er in eine Kunstschule in Potsdam ein,  um sich wissenschaftlich und technisch als Kartograph ausbilden zu lassen. Der Begriff „Kartograph“ entstand erst kurz vor 1830, und London war das Zentrum  der Kartographie, also zog der junge Petermann 1847 dorthin, nach einem frustrierenden Zwischenspiel in Edinburgh. Doch auch in London wird er nicht so aufgenommen wie er es sich wünscht. Einen solchen Bücherwurm wie ihn nennt einen  armchair explorer; die pragmatischen Seeoffiziere lächeln über Petermanns Mutmaßungen wo der 1845 verschollene Seefahrer John Franklin auf der Suche  nach dem Nordpol abgeblieben  sein könnte.  Schon während einer verheerend verlaufenden Expedition 1819-1822 in die Nordwest-Territorien Kanadas waren Franklin und seine Mannschaft gezwungen, Flechten und Ähnliches zu essen, um zu überleben. Sie versuchten sogar, ihre Lederstiefel zu verzehren, was Franklin den Spitznamen „der Mann, der seine Schuhe aß“ eintrug. Auch zwanzig Jahren danach war  Franklin war immer noch von dem Gedanken besessen, die Nordwestpassage zu finden. Diese ist der zirka 5.780 Kilometer lange Seeweg, der nördlich des amerikanischen Kontinents den atlantischen mit dem pazifischen Ozean verbindet. Er führt über das Nordpolarmeer und seine Randmeere sowie die dazugehörenden Meeresstraßen durch den kanadisch-arktischen Archipel. Die meisten Expeditionen waren am Packeis gescheitert, in denen die Schiffe hilflos stecken blieben, bis sie barsten. Nachdem Franklin die nötigen Gelder aufgetrieben hatte, brach er am 19. Mai 1845 mit zwei Schiffen, der HMS Terror und der HMS Erebus, und 129 Mann Besatzung zu einer Expedition auf, von der er nicht zurückkehren sollte. In den folgenden elf Jahren wurden zahlreiche Anstrengungen unternommen, die Teilnehmer der Expedition zu finden. 1854 fand ein anderer Entdecker, John Rae, Hinweise auf Franklins Schicksal, und dessen zweite Frau finanzierte weitere Expeditionen, die nach den verschwundenen Männern suchen sollten. 1859 entdeckte eine dieser Gruppen einige Leichen und eine Notiz von Franklins Stellvertreter. Sie gab Auskunft über das Schicksal der Expedition und den Tod Franklins. 

Auch wenn die von der britischen Regierung, Franklins Witwe und dem amerikanischen Reeder Grinell finanzierten Expeditionen, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Franklin suchten, ihr eigentliches Ziel nicht erreichten, trugen sie doch wesentlich zur Erforschung und Kartographierung des kanadischen Nordens und des kanadischen Archipels bei bei. Petermann vertrat die Theorie vom eisfreien Nordpolarmeer, nach ihm und seinen Vorgängern existierte rund um den Nordpol eine eisfreie, schiffbare Zone. Ebenso wie der Wissenschaftler Matthew Fontaine Maury, ein amerikanischer Marineoffizier und Hydrograf - die Hydrographie befasst sich mit der Vermessung der Form von Fluss-, See- und Meeresboden und ist ein Teil der Geomatik, Geodäsie, zu der die  Erfassung, Auswertung, Modellierung und die Präsentation der Morphologie, d.h. die Beschaffenheit und Gestalt des Bodens gehört, - befasste sich Petermann mit den Meeresströmungen, sein Argument war, dass warme Strömungen (der Golfstrom und der Kuroshio) Richtung Norden unter der Oberfläche ansteigen würden und das Poleis zum Schmelzen bringen würden. Auch Temperaturmessungen zeigten, dass um den 80. Breitengrad die tiefsten Temperaturen gemessen wurden, was man auch durch die Beobachtungen von Tierwanderungen zu stützen suchte, da diese gen Norden wanderten, was die Wissenschaftler einen weniger lebensfeindlichen Raum jenseits des 80. Breitengrades erwarten ließ. Hinzu kam die Mitternachtssonne, die während des arktischen Sommers das Polareis zum Schmelzen bringen könnte. Für Petermann waren die Berechnungen, die sich auf die Vermessungsdaten stützten, das Material, das er in seinen Karten verwendete. Von seinen ersten Karten, so etwa die, die er als Fünfzehnjähriger nach einer Wanderung durch den Harz erstellt und die noch auf eigenen Beobachtungen beruhte, bis zu der aus dem Jahr  1845, die die Verkehrswege des deutschen Raumes abbildet, führt eine klare Linie zu seinen späteren Theorien; der Vater, ein Regierungsbeamter, hatte ursprünglich für seinen Sohn die Laufbahn eines preußischen Pfarrers vorgesehen, aber der Sohn setzte sich mit seinen eigenen Träumen durch. Inspiration erhielt er durch den neuen Handatlas, der in keinem bürgerlichen Hause, das etwas auf sich hielt, fehlen durfte, und die Bücher, die ihm von phantastischen Abenteuern erzählten, so Robinson Crusoe und andere Reiseliteratur, die im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur hatte. Humboldts lesefreundlichstes Buch, die 1832 abgeschlossene Reise in die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents , breitete das Panorama einer dunkel lockenden Tropenwelt aus, deren wilde Indianer und kreischende Papageien den preußischen Vormärz noch trostloser erschienen ließen, als er es ohnehin schon war. Das drängende Fernweh löst den Geschmack an der häuslichen Idylle des Biedermeier ab. Dies mag dazu beigetragen haben, dass Petermann nach seiner verbitterten Rückkehr aus dem pragmatischen England im thüringischen Gotha, im Land der Dichter und Denker, seine Theorien weiter spinnen konnte.  Am 23. und 24. Juli 1865 tagte die erste „Versammlung Deutscher Meister und Freunde der Erdkunde“ in Frankfurt am Main, dies war der erste deutsche Geographentag und ging auf die Initiative von Volger und Petermann zurück Petermann war aufgrund seiner Verdienste schon seit 1860 Meister des Freien Deutschen Hochstifts .Dieses wurde 1859, am 100. Geburtstag Schillers, von 50 Personen gegründet, die mehrheitlich Frankfurter Bürger waren. Initiator war der Geologe Volger, der sich in der Revolution von 1848 engagiert hatte. Die politischen ideale der Revolution sollten in der Institution eine geistig-kulturelle Heimstatt finden, doch stand der Verein jedem offen. Nun wurden Regierungsstellen angeschrieben, Zeitungen eingeladen und alle geographischen Gesellschaften verständigt. Es kamen 72 Geographen aus den deutschsprachigen Ländern. Das Tagungsthema hieß „Die Veranstaltung einer Deutschen Nordfahrt“. Petermann hält bei dieser Versammlung einen Vortrag über „Die Erforschung der arktischen Central-Region durch eine deutsche Nordfahrt“. Er beklagt sich über mangelnde Unterstützung durch „unsere ersten seefahrenden Mächte, der Preußischen und Österreichischen Regierungen“, und bittet um Spenden für eine „Rekognoszierungsfahrt“  im Meer zwischen Spitzbergen und Nowaja. Seiner Meinung nach würde das Meer dort dank des Golfstroms nicht völlig zufrieren, auch nicht im Winter, so dass man nach Durchdringen des Treibeises ein freies schiffbares Meer bis zum Nordpol hin vorfinden würde. Die Pläne Petermanns wurden in Deutschland und Österreich mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen Mit den Ausführungen Petermanns in Frankfurt begann die deutsche Nordpolarforschung, die jedoch ohne Ergebnis blieben, was die reale Nordpolentdeckung betraf, doch passten die durch sie hervorgerufenen Aktivitäten gut in die optimistische Aufbruchsstimmung. Sogar Bismarck, der Realpolitiker, konnte sich für sie erwärmen, wenn auch unter dem Vorzeichen einer Art Beschäftigungstherapie bzw. militärischer Übung. So soll er gesagt haben, dass bei der Nordfahrt es zunächst nur darauf ankäme, dass ein kleiner Teil unserer in den Häfen verstreuten Marinen und in Untätigkeit versumpfenden Seeleute in Tätigkeit gebracht würden. Doch Petermanns Auftritt 1866 vor einer Kommission von preußischen Seeoffizieren scheint ein Fiasko gewesen zu sein. Auf die Frage nach dem Zweck des Unternehmens wusste er keine Antwort. 1878 war es dann wieder soweit, eine Expedition wurde geplant, am 8. Juli stach die Jeanette von San Francisco aus in See, trieb dann zwei Jahre lang ziellos nach Nordwesten. Ihr Kapitän, De Long, vertraute bis zuletzt einer kleinen Karte Petermanns, doch die Eintragungen stimmten nicht. Orientierungslos irrten die Seeleute durch das tote Land, nachdem das Schiff im Packeis auseinander gebrochen war, und alle kamen um. Doch diese Kunde sollte Petermann nicht mehr erleben. Am 25. September  1878 schoss er sich eine Kugel durch den Kopf, die Pistole hatte er schon länger bei sich getragen. Anlässlich der Einweihung eines Gedenksteins für Petermann im September 1909 kommt es zu einem „freundlichen Zufall“, wie ein Reporter des Gothaischen Tageblatts formuliert: „Die Aufrichtung des Denkmals wurde möglich in einer Zeit, in der uns die Nachrichten erreichten, dass Petermanns Lieblingsideen, die Auffindung des geographischen Nordpols, Tatsache geworden ist.“

Felsch hat eine Vielzahl von Fakten zusammengetragen und in seiner ironischen Art, ähnlich der Kehlmanns, zu einer unterhaltenden Lektüre verarbeitet. Allerdings braucht es schon ein gewisses Interesse sowohl an zeitgeschichtlichen Ausführungen als auch an den Irrungen und Wirrungen, denen die Wissenschaft auf dem Wege zur praktischen Umsetzung unterworfen ist. Für mich ist es ein äußerst empfehlenswertes Buch, das mich auch mit der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts ein wenig vertraut werden ließ.