|
Lesetipps non-fiction
aktualisiert am 18.11.2011
Nana Nauwald,
Felicitas Goodman, Ekstatische Trance. Rituelle Körperhaltungen. Das
Praxisbuch. AT Verlag 2011, 19,90

Man muss nicht den Anspruch
haben, gleich selbst alle Haltungen zu beherrschen und
"richtig" in ekstatische Trance zu geraten. Dieses Buch, das
eine Hommage an Felicitas Goodman ist und zugleich eine wunderbare
Erweiterung durch die Künstlerin, Autorin und Dozentin, eine
Mitbegründerin des deutschen Felicitas-Goodman-Instituts. Viele
Haltungen waren mir selbst unbekannt und finden sich nicht in den
Büchern Goodmans. Das Institut hat hier eine großartige
Forschungsarbeit geleistet, und die Fülle der Körperhaltungen sind im
überschaubar gestalteten Layout sowohl als ursprünglich Form der
Skulptur oder Felszeichnung, als auch in sehr ansprechenden Photos von
Menschen in Trancehaltung dargestellt. Vor allem die Photos haben mich
berührt - wie wesentlich diese Menschen ausschauen! Dem Verlag sei
gedankt, dieses Projekt zu unterstützen, und so wünsche ich dem Buch
eine weite Verbreitung.
Marco Pogacnik,
Synchrone Welten: Geomantie des zwölfdimensionalen Lebensraums. AT
Verlag 2011
Zauberhafte
Illustrationen erweitern den Text - mein Favorit: "Die
Nanoteilchen, aus denen mein Körper komponiert ist, erscheinen
teilweise wie in das Insektenmandala eingewoben" (auf S. 70)
Der Autor überzeugt als Künstler, der mit leichter Hand seine Visionen
auch einem Publikum zugänglich macht, das sich sonst von den 12
Dimensionen vielleicht keine Vorstellung machen könnte...
Tiqqun,
Kybernetik und Revolte. Aus dem Französischen von Ronald Voullié.
Diaphanes Verlag 2007
Erschienen ist das Werk
des Autors schon 2001, unter dem Titel "L´hypothese
cybernetique", und bezieht sich auf noch ältere Texte, u.a.
auf die Situationistische Internationale 1958, die ihr Programm
folgendermaßen definieren: Man muss einsehen, dass wir jetzt einem
Rennen zwischen freischaffenden Künstlern und der Polizei beiwohnen und
an ihm teilnehmen werden...Von seinem Ausgang hängt die Entstehung
einer leidenschaftlich fesselnden Umwelt ab oder aber die -
wissenschaftlich kontrollierte und lückenlose - Verstärkung der
Umgebung der alten Welt der Unterdrückung und des Gräuels... Ist
die die Kontrolle über diese Mittel nicht total revolutionär, dann
können wir zum gesitteten Ideal einer Gesellschaft von Bienen verleitet
werden. " Dieses Ideal , dieses Bild beschwört eine explizite
aber statische Weltenordnung mit den Mitteln der vollendeten Kybernetik.
Die Revolution hingegen muss sich darum bemühen, sich die modernsten
technologischen Werkzeuge aneignen, um die Polizei auf ihrem eigenen
Gebiet zu bekämpfen, indem man eine Gegenwelt mit den selben
Mitteln erschafft, die sie verwendet.
Bei
jeder tumultösen Geburt der Liebe wird der grundlegende Wunsch
wiedergeboren, sich selbst und die Welt umzuwandeln.
Die
Autonomie....verschafft sich die Mittel, um dauerhaft zu sein und sich
von Ort zu Ort zu bewegen, um sich zurückzuziehen und anzugreifen, um
sich zu öffnen und zu schließen, um die stummen Körper und die
körperlosen Stimmen wieder miteinander zu verbinden.
Unbedingt
lesen!
Auch wird auf das Werk von Elias Canetti aufmerksam gemacht. In
"Masse und Macht" (erschienen 1984, 2011 bei Fischer neu
editiert) wird eine "Politik des Rhythmus"
vorgeschlagen, die Tiqqun wertet als dritten Weg, der nicht zwischen
zwei Arten der Revolte wählt, sondern sich einer Pulsation überlässt
und andere Intensivierungen als die erforscht, die von der Zeitlichkeit
des Notfalls erfordert wird. Die Macht der Kybernetiker bestand
darin, dem Gesellschaftskörper einen Rhythmus zu geben, der tendenziell
jegliches Atemholen verhindert. ..Den richtigen Rhythmus zu suchen
führt somit zu einer Intensivierung der Erfahrung... (S. 109) Zitat
Canetti: "Sie üben eine Anziehungskraft aus, die nicht nachlässt,
solange sie nicht vom Tanz ablassen."

Christoph Fasching channelt
Erzengel Gabriel: Die Gesellschaft 2015. Anleitung zur Bildung einer
neuen Gesellschaft in der 5. Dimension. ch.falk-verlag 2010
Ein Mann der
Fasching heißt und einen Erzengel channelt, das macht mich neugierig.
Wie viel ist Fiction, wie viel "Non-Fiction"? Wie auch immer,
der Text regt zu neuen utopischen Phantasien an und die Autorität des
Erzenengels bewirkt, dass er als Verheißung gelesen werden kann,
sozusagen, als wäre das Verheißene schon manifestiert, aber noch nicht
sichtbar für uns, die wir in der 3. Dimension weilen. Das ist eine
starke Suggestion, die den emotionalen Status quo verändert. Während
ich lese, begebe ich ich mich in einen Art Hyper-Raum der
Möglichkeiten, und ich frage mich, was eigentlich dagegen spricht,
jetzt sofort einzutreten in diesen neuen Zustand, der in der Vision
Gestalt gewinnt. Na ja, da sind so pragmatische Bedenken, wie "In
der Welt/ regiert das Geld", einem mittelalterlichen Vers - bislang
scheint sich da wenig geändert zu haben. Aber angenommen, der Erzengel
hat Recht und es wird in einiger Zeit kein Geld mehr geben, bzw. es wird
nichts mehr wert sein, und all die anderen materiellen Werte auch, die
da sind Gold, Immobilien, Rohstoffe etc., dann fällt auch die
Profitgier weg, und es lohnt sich nicht mehr irgendetwas zu arbeiten und
zu unternehmen, das nicht aus purer Freude am Tun geschieht. Angst, die
die Habsucht und Raffgier gebiert, gibt es dann auch nicht mehr, denn
allen gehört alles und es ist für alle genug vorhanden. Und wenn nicht
mehr Angst sondern Inspiration mein Handeln bestimmt, entsteht ein
völlig neues Daseinsgefühl im Hier und Jetzt. Heißt es also abwarten,
bis aus dem Universum die notwendigen Einstrahlungen kommen, die das
menschliche Bewusstsein von Grund auf umkrempeln? Dass es nicht mehr
allzu lange dauern kann, macht Mut, denn nichts ist schwieriger zu
ertragen als Verheißungen, die auf sich warten lassen. Die Welt
bekommt einen Welt-Rat, der die oberste Entscheidungsgewalt über die
Bodenschätze erhält und darüber entscheidet, ob eine Ressource
angegriffen und auf welche Weise sie gefördert wird....Die Welt bekommt
ein Gewissen, das in den Köpfen jedes Einzelnen verankert ist und
dafür sorgt, dass jedem bewusst wird, wer er ist und warum er hier auf
dieser Welt lebt. Somit wird jeder gerne am Weltgeschehen teilnehmen
und sich für die Gemeinschaft einsetzen... Gewalt kommt nicht
mehr vor...Es werden keinerlei Ängste mehr vorhanden sein, denn ihr
seid euch eurer Unsterblichkeit bewusst und gewiss, dass ihr immer und
immer wieder zurückkehren könnte, um all das noch einmal zu erfahren.
Eine Reise beginnt, die man als "kosmische Erfahrungsreise"
bezeichnen könnte. Der Geist des Menschen wird in der Lage sein, die
Erde zu verlassen und in andere Sphären vorzudringen... Die Welt
öffnet all ihre Geheimnisse, und der Mensch findet aus seiner alten
Denkweise als einzelnes Individuum - aus dieser verirrten Überzeugung -
immer mehr heraus und stellt fest, dass er nicht nur mit allen
Mitgliedern der Erdbevölkerung verbunden ist, sondern dass er ebenso
eine Verbindung zu anderen Wesen hat, die in ganz anderen Galaxien
leben, und seine Verbundenheit alle Planeten und Gestirne im gesamten
Kosmos einschließt. Eine Einheit entsteht, die das Bewusstsein der
Menschen heute zu erfassen nicht imstande ist.
Allerdings
haben Meditationen, die den Zustand der Nichtgetrenntheit (Advaita)
ansteuern, dazu beigetragen, dass zumindest der Begriff und die
Vorstellung von dieser Einheit sich schon manifestiert hat. Während des
Lesens beobachte ich, wie mein körperlicher, seelischer Zustand sich
verändert, dieses Lesen geht über die mir vertrauten mentalen
Vorgänge des Sinnverstehens aufgrund von Sprache hinaus. Ich trete in
einen Raum ein, in dem ich BIN, aber anders als gewohnt. Ich
gewöhne mich allmählich daran, dieses Anderssein nicht als Ausnahme,
sondern als Regel zu erkennen, so dass ich mich jedes Mal, wenn es mir
gelingt, mich dort aufzuhalten, durch das Wiedererkennen ein tiefes
Gefühl der Beheimatung zu erleben, mehr noch, diesen Zustand zu
verkörpern, indem ich mich körperlich daran gewöhne...
Ist das eine
"Trance"?
Der Begriff
"Trance" weckt die falschen Vorstellungen. Aber "Neues
Bewusstsein" klingt auch nicht richtig, denn dieses Bewusstsein ist
nicht neu im geschichtlichen Sinne. Immer wieder gab es in der
Geschichte Versuche, die Verheißung von der Nichtgetrenntheit alles
Wesen praktisch umzusetzen.
Ich lasse die
Frage nach der Benennung offen und beschäftige mich mit den Fragen des
Zugangs.
Weiter
am 26.9.
Der Zugang des Autors zu diesen neuen Bewusstseinswelten entwickelte
sich nach und nach. Obwohl (oder vielleicht gerade weil) ihm sein Leben
gelang und er von einem geschäftlichen Erfolg zum anderen eilte,
erschien es ihm wie ein Theater, ein Spiel. Schon als Kind hatte er vor
dem Einschlafen Visionen von Szenarien, als würde das Geschehen von
Außen gesteuert. Seine einzige Chance, daran etwas zu ändern, so
schreibt er, war, wie er auf solche Situationen reagierte und mit
welcher Einstellung er der Sache entgegen trat. In Ruhephasen oder in
Phasen höchster Konzentration wie beim Klavierspiel erlebte er, wie
sich ein unendlich tief scheinender Tunnel bildete, durch den er in
Gedanken hindurch flog und der kein Ende nehmen wollte. Auch die Zeit
schien stehen zubleiben. So lernte er, an verschiedenen Orten
gleichzeitig zu sein. Durch die Begegnung mit einer Energetikerin war
sein Interesse an dieser Arbeit geweckt, im Zuge gemeinsamer
Aufarbeitung alter einschneidender Erlebnisse kam es dann zu einer
ganzheitlichen Reinigung und spirituellen Entsorgung von psychischen
Altlasten. Als Grund für die Abkehr von seiner bisherigen Karriere gibt
er eine Unzufriedenheit an, die vor allem durch Ungerechtigkeiten im
Alltag verursacht wurde. Die Menschheit fürchtet permanent um ihre
Existenz und glaubt, dass das Anhäufen von Geld in den
unterschiedlichsten Formen Sicherheit bietet. Während seiner Arbeit
beschäftigte sich Fasching mit dem Thema der geistigen Führer und
bemühte sich darum, die Welt des Lichts besser zu verstehen. Mit Hilfe
eines Praxisbuches zum Channeling öffnete er sich dieser Welt und bat
um Kontakt zur geistigen Welt. Plötzlich empfand er einen Energiestrom,
und auf seine Frage "Ist da jemand?" antwortete der Erzengel
Gabriel, der ihn willkommen hieß.
Ich will das
Buch weglegen, nehme es mir aber immer wieder vor. Der Eindruck, den es
in mir
hinterlässt, zeigt sich in meinen Träumen. Ich sehe wieder wie früher
Weiten unberührter Natur, wie es wohl zur Zeit der Eiszeit gewesen sein
mochte. Aber vielleicht habe ich in die Zukunft geschaut, denn der Natur
werden wieder große Teile der Erdoberfläche zurückgegeben, so dass
sie verwildern können und den Tieren eine ungestörte Heimat bieten.
Die Zukunft ist vegetarisch, die Tiere gehen ihrer eigenen Wege, junge
Seelen müssen sich erst im Zustand der Materialisation zurecht finden
und Verhaltensformen ausprobieren. Ich erinnere mich meiner
schamanischen Erfahrungen, in denen ich den Spirits begegnete. Es
war wie ein Eintauchen in fremde, nicht-menschliche
Erfahrungswelten.
Ich trete in
Resonanz mit dem Gehalt des Buches - "Inhalt" wäre schon zu
spezifisch, zu rational. Der Gehalt teilt sich wie ein Geruch, ein
Geschmack mit, er verändert meinen Körperzustand. Ich erfahre, wie es
ist, keine Angst haben zu müssen, sich keine Sorgen zu machen. Nicht
dass die rationalen Gründe dafür beseitigt wären. Aber meine Haltung,
meine Einstellung ist anders. Ich lerne, in diese Zustände zu gehen. Es
sind vielleicht "Trips" oder "Trancen", aber
im Gegensatz zu manch anderen Zuständen bereichern sie mich und bauen
in mir Vertrauen auf.
Jetzt steht
der Übergang von der Neuen Lebenskunst zur Neuen Lebenskultur an, denn
die Wirkung dieser Traum-Zustände potenzieren sich, wenn sie geteilt,
mitgeteilt werden.
Jens O. Meissner, Einführung
in das systemische Innovationsmanagement. Carl-Auer-Verlag 2011 EUR
12,95
Wie kommt das Neue in die Organisation? Das klassische, stark
betriebswirtschaftlich ausgerichtete Innovationsmanagement mag bei der
Modernisierung von einzelnen Produkten noch funktionieren. Es versagt
jedoch, wenn ganze Systeme erneuert werden, etwa wenn neue Kombinationen
gefunden und neue Elemente in den Entwicklungsprozess eingebunden werden
müssen. Ein systemischer Ansatz fokussiert die Dynamik und die
Komplexität, die im Management von Innovation auftritt, und nicht das
Ergebnis, wie das in einem systematischen Ansatz der Fall wäre. Werden
Innovationen als Teil der organisationalen Erneuerung reflektiert und
der Charakter von Ideen aus einer systemtheoretischen Perspektive
erfasst, eröffnen sich neue Spielräume, in denen sich aus
„unordentlichen“ Ideen nachhaltige Innovationen entwickeln können.
Die Kunst besteht vor allem darin, sich dem Druck und
„operationalen Sog“ zu entziehen, der sich aus dem Zugzwang
globalen Wettbewerbs, gesättigter Märkte, beschleunigten
technologischer Wandels und immer kürzeren Produktlebenszyklen ergibt.
Vielfältige Einflüsse machen das Terrain unübersichtlich. Die
zunehmende externe Beschleunigung erfordert dabei die Fähigkeit zur
schnellen Anpassung und die stete Erneuerung des Produkt- und
Dienstleistungsangebots. Ein Festzurren des Innovationsverständnisses
scheint unumgänglich, um überhaupt aktiv werden zu können. Aber damit
veraltet das Denken schon im Augenblick seiner Entstehung.
Der
systemtheoretische Ansatz liefert einige Denkpositionen, die das Drama
entschärfen. Management wird hier nach Dirk Baecker als „sozialer
Rechenvorgang“ verstanden. Daraus lassen sich vier Problemkreise
ableiten, die einen theoretisch Zugang ermöglichen: 1. Die Abhängigkeit
vom Kontext, 2. der Begriff der Komplexität, 3.die prinzipielle
Unsteuerbarkeit von Organisationen, und , damit verbunden, 4. das Phänomen
der Selbstreferenzialität. Sofort stellt sich bei mir eine stoische
Haltung ein, die das Leben in und mit Organisationen leichter macht.
Das
Kapitel über die „unordentlichen Ideen“ bestärkt mich darin, erst
meine eigene Befindlichkeit bzw. das Binnenklima im Betrieb zu
betrachten und gegebenenfalls zu verändern. In vielen Darstellungen des
Innovationsmanagements beginnt der Prozess mit seinem „fuzzy front
end“, d.h. mit seinem unscharfen Beginn. Wenn die Alarmglocken läuten,
mag es schon zu spät sein. Entgegen dem Sprichwort „Not macht
erfinderisch“ scheinen
sich Ideen zu verweigern, wenn sie sozusagen als Grundrecht eingeklagt
werden. Das „abduktive Denken“ hingegen , wie es vom Philosophen C.S.
Peirce eingeführt wurde, sorgt für eine entspannte Wahrnehmung, die
sich auf ihren weitschweifigen Spaziergängen nicht scheut Fehler zu
machen. Auch eine verrückte Idee kann eine wertvolle Ressource sein,
wenn sie für die organisationale Wirklichkeit anschlussfähig gemacht
werden kann. Allerdings muss man sich bei aller Anschlussfähigkeit von
der Vorstellung trennen, eine Idee habe einen geistigen Besitzer. Die
Idee, im Kern nichts anderes als ein Kommunikationsmuster, auf welches
die Organisation anschließen muss, damit sie weiter entwickelt werden
kann, sucht sich ihren Träger. Gegenseitige Empathie unter den
potentiellen Mitteilhabern ist Voraussetzung für einen kreativen
Prozess. Ideen sind keine Mangelware. Sie entstehen (und vergehen) im
Rahmen einer verflüssigten Mentalität. Verflüssigung ergibt sich aus
einem entsprechenden Bewusstseinszustand, der kontrolliert induziert
werden kann. Wer den Schlüssel zu diesem ressourcevollen Zustand hat, hält
den Schlüssel zur stetigen Erneuerung in Händen. Aber halt: es ist wie
in den Märchen: diese Schätze des freien Geistes lassen sich nicht in
ein Machtgefüge pressen. Wer es allzu zweckrational auf einen Gewinn
abgesehen hat, verliert in diesem launischen Spiel. Du musst locker
bleiben, und das Muss verdirbt die Laune.
Wenn
man in selbstgesteuerten Systemen schon nicht direkt Einfluss nehmen
kann, so empfiehlt es sich, den Kontext, also die Umgebung oder
Situation, derart zu beeinflussen, dass sich das System in die wünschenswerte
Richtung bewegt. Der Autor stellt zwei Vorgehensweisen vor: „Herr von
Ratio“ setzt auf Planbarkeit, das Einhalten der formalen
Entscheidungswege und Risikominimierung, „Frau Systema“ nutzt die
Selbstorganisationskraft des Unternehmens und kanalisiert sie für das
Innovationsthema, wobei die Einbindung der Beteiligten und das Schaffen
von Freiräumen eine entscheidende Rolle spielt. Das Schaffen von Freiräumen
fällt unter den Aspekt der Kontextgestaltung. Es wird davon
ausgegangen, dass sich unsere Kreativität und Innovationsfähigkeit als
Kommunikationsträger in Organisationen ganz wesentlich prägen.
Systemisches
Denken hilft, die Rolle des Einzelnen im Systemzusammenhang besser zu
verstehen: Einzelpersonen gehören systemtheoretische gesehen zur Umwelt
der Organisation; Eingang ins System finden jedoch nur die durch die
Personen ausgelösten Kommunikationen und Entscheidungen. Was jemand
also in einer Organisation sagt, wie er agiert und sich am System
beteiligt, liegt allerdings nur zum kleineren Teil in der Macht des
Einzelnen. Als Mitarbeiter mit all seinen Bedürfnissen und Facetten ist
e4r immer zu einem weit größeren Teil „von der Organisation
konstruiert“, als Person wird er von der Organisation „gemacht“,
und diese „Gemachtheit“ entscheidet darüber, ob jeder ein Innovator
sein kann. Einfache Veränderungen an der operativen Basis können große
Auswirkungen haben – vorausgesetzt, eine Bottom-up- Entwicklung
wird von oben zugelassen. Ähnlich steht es mit den Ideen: Sie müssen
nicht in der Organisation selbst entwickelt worden sein, um von großem
Nutzen zu sein. Scouts spüren Lösungen auf, die öffentlich zur Verfügung
stehen, deren Anschlussfähigkeit jedoch davon abhängt, ob sie
zugelassen werden oder von vorne herein als „fremd“ eingestuft und
abgelehnt werden. (Not-invented- here-Syndrom). Offene
Kontexte leben davon, mit Andersartigkeit (Diversität) in Kontakt zu
kommen, das “out-of-the-box-Denken der Mitarbeiter kann durch
bereichsübergreifende Zusammenarbeit gefördert werden, da der Einzelne
lernt, über seinen eigene Arbeitsumgebung hinaus zu blicken. Die
interkulturelle Komponente kann besonders hilfreich sein, den eigenen
blinden Fleck zu entdecken und vielleicht erst auf diese Weise neues
Ideenpotenzial freizulegen. Das Innovationsmanagement wird keine Einzelkämpfer
fördern, sondern auf Teams setzen, so dass Ideen und Erfahrungen, edie
aus der Zusammenarbeit stammen, in Communities of Practice
praktisch umgesetzt werden können. Wichtig ist auch der Aspekt der Championship.
Von Meisterschaft kann man sprechen, wenn kreative Spannung systematisch
und regelmäßig erzeugt und reflektiert wird.
Interessant
ist der Vergleich von „U-Booten“ und „Leuchttürmen“: Das U-Boot
ist ein Entwicklungsprojekt, welches im Verlauf abgebrochen wird und
dann auf Tauchstation geht, während informell an der Idee weiter
gearbeitet wird. Eine innovationsfreundliche Kultur zeichnet sich
dadurch aus, dass sie das erneut auftauchende Projekt zu einer erneuten
Bewertung zu lässt. Ein U-Boot realisiert sich anhand der
Selbststeuerungskraft der Organisation und der beteiligten Mitarbeiter.
Leuchtturm-Projekte hingegen steht unter hohem Erfolgsdruck, weil sie
vom Top-Management mit hoher Priorität gefördert werden, das zum
Symbolträger für Innovation wird.
Wenn Selbstorganisation
zugelassen wird, dann steht dahinter auch die Einsicht, dass Innovation
alleine durch Anweisung nicht zu schaffen ist. Dieses bedeutet,
Organisationen als evolutionäre System zu begreifen.
Von
dieser Position ausgehend lässt sich nun weiter denken, wahrnehmen und
fühlen, vergegenwärtigen. Hier kommt der gute Rat K.E. Weicks ins
Spiel: Complicate yourself!, was beinhaltet, dass chaotisches Handeln
einer geordneten Passivität vorzuziehen ist. Dieses Prototyping auf
experimenteller Basis ist bei Scharmers Theorie U wiederzufinden.
Ihm geht ein Prozess des (experimentellen) Crystallizing voraus,
denn "Wie
kann ich wissen, was ich denke, bevor ich hoere, was ich gesagt
habe?" (Weick
1995 in „Der Prozess des Organisierens“)
Innovation wird
hier Teil von Organisation als (offener) Prozess, ein Feeling gleich
einem Radar wird zum geeigneten Instrument, aber, wie Meissner betont:
ohne Anschlusskommunikation an das System Organisation gibt es keine
Innovation. Hier, zurück auf dem Boden der Tatsachen, werden sich
„esoterische“ Experimente auf ihre sozialverträgliche
Praktizierbarkeit beweisen müssen.
Bernhard
Schlink, Heimat als Utopie
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
Der
vorliegende Text ist die überarbeitete und erweiterte Fassung eines
Vortrags, der unter dem Titel „The Place of Heimat“ Dezember 1999 in
der American Academy in Berlin gehalten wurde. Das ist also einige Zeit
her. Diese Thematisierung von Heimat mutet nostalgisch an, als wollte
ein veraltetes Lebensgefühl beschworen werden. Und tatsächlich beginnt
der Text mit dem Satz „Immer
wieder treffe ich Deutsche aus den neuen Ländern, die mir sagen, sie fühlten
sich im Exil, obwohl sie leben, wo sie immer schon lebten, wohnen, wo
sie immer schon wohnten, und vielleicht sogar in derselben Fabrik, Behörde,
Schule oder Zeitung arbeiteten, in der sie schon vor der Wende
arbeiteten.„ Ein innerdeutsches
Identitätsproblem also, denkt der Leser enttäuscht, wen interessiert
das heute noch? So denken und fühlen Leute, deren Land von den
Fortschritten der Zeit überwältigt wurde, so dass sie, die in den
neuen Ländern leben, bekennen, sich darin wie im Exil zu fühlen. Der
Vorwurf einer Annexion liegt nahe: die Heimat wurde ihnen weg genommen,
neutralisiert, den neuen Verhältnissen zur Verfügung gestellt, und nun
sollten sie auch noch Heimatgefühle entwickeln. Kein Wunder, dass da
eine Absage kommt: nein, das ist nicht mehr unsere Heimat, das ist unser
Exil, auch wenn es gerne haben wolltet, das wir uns stillschweigend fügen.
Wir fügen uns nicht. Wir gehen in ein Exil, zu dem es keine
Genehmigungen der Aus- und Einreise, des Aufenthalts. Gefühle werden zu
Kampfansagen, zu Aussagen getränkt mit Ressentiment. Im Exil
leben heißt in einer Fremde nach Gesetzen leben, die man nicht selbst
gemacht hat und deren Auslegung und Anwendung man nicht selbst
entscheidet.
Ursprünglich
ist der Begriff des Exils der Gegenbegriff zum Begriff der Heimat, die
man verlassen musste. Aber hinter welcher Grenze liegt die Heimat der
Minderheit, die unter einer Mehrheit lebte und schon immer unter ihr
lebte, sich unter ihr aber im Exil fühlt?
Sehr
schnell wird klar, dass es bei Heimat und Exil um innere Zustände geht,
ebenso wie dies der Fall für all die Gefühle, die Ängste und Sehnsüchte,
die sich damit verbinden. Exil
ist eine Metapher für die Erfahrung der Entfremdung…eine Erfahrung
ohne Ortsbezug, der Ortlosigkeit…besonders nach dem Zweiten Weltkrieg
die intellektuelle Erfahrung schlechthin... eine existentialistische
Erfahrung des Heraustretens aus allen vorgegebenen Zusammenhängen,
Ordnungen und Verortungen des Seins…die Erfahrung
der ortlosen Vereinzelung und Einsamkeit vor Gott und dem Nichts.
Es
war die Erfahrung meiner Jugend und meines existentialistischen
Aufbruchs in eine Welt, in der ich mich positionieren wollte, besser:
sollte. Auch für mich war Exil
Freiheit, und Heimat der Muff der Vertriebenen und ihrer Verbände.
..Das intellektuelle Lebensgefühl der Ortlosigkeit, der nationalen
Unbezogenheit und Ungebundenheit…
Die
Rückkehr des Nationalen in den intellektuellen Diskurs war nur möglich
unter dem Vorzeichen einer kosmopolitischen Zugehörigkeit, wie sie etwa
Martha C. Nussbaum einfordert, um zu einem neuen Rechtsbewusstsein und
politischer Verantwortung zu gelangen. Auch damals (2000) war die
Gleichschaltung aufgrund einer schleichende Globalisierung aktuell, und
umso aktueller ist sie heute: Uniformität
und Anonymität werden zur alltäglichen Erfahrung. In der
Uniformisierung und Anonymisierung wird Entfremdung konkret vor Ort
erfahren…in vereinzelter und vereinsamender Scheinselbstständigkeit…Angesichts
solcher Tendenzen erhält Heimweh als vages Gefühl eine neue Bedeutung: …nicht
diese Zugänglichkeit und Alltäglichkeit, sondern etwas Unerfülltes,
etwas Unerfüllbares…immer wieder ist Heimat ein Geruch, diese flüchtigste
aller Sensationen…Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist,
sondern der, der er nicht ist… nicht die gegenwärtige, sondern die
vergangene und erinnerte Stadt…
Heimat
als Utopie? Das Verständnis
der utopischen als der eigentlichen Qualität von Heimat nimmt der
Heimat nichts. Es erlaubt die individuelle Mischung aus Nähe und
Distanz zum Ort, zur Erinnerung und Sehnsucht, zur Realität und
Phantasie, die dem notwendig individuellen Begriff der Heimat
entspricht…So ist das Reden vom Exil nicht nur Metapher für
Entfremdung, sondern auch Ausdruck utopischer Sehnsucht.
Hannah
Arendt hat überzeugend dargelegt, dass das Recht auf Heimat das
Menschenrecht schlechthin ist , ein Recht ist auf anerkannte Zugehörigkeit
zu einer politischen Gemeinschaft.
Dass
Heimat mit der Anerkennung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft
beginnt, wird sichtbar, wo die Anerkennung fehlt. Rechtlich
gesehen muss die Zugehörigkeit keine staatsbürgerliche sein und nicht
die politischen Rechte einschließen, aber einen gesicherten Status gewährleisten.
Das Recht auf Heimat ist das Recht darauf, an einem Ort rechtlich
anerkannt und rechtlich geschützt zu leben…
The
Place of Heimat ist also einerseits ein reales Verhältnis zur
gesellschaftlichen Realität, andrerseits eine innere Entscheidung, sich
auf dieses Verhältnis einzulassen.
Dieses
schmale Büchlein des durch seine Romane bekannten Autors übertrifft
seine literarische Produktion. Er ist eben doch mehr Philosoph und
Rechtsanwalt als Erzähler, auch wenn seine Erzählungen vollgepackt mit
Reflexionen sich angenehm lesen, aber mich nicht so anregen wie dieser
Essay. Unbedingt lesen!
Elena
Esposito, Die
Zukunft der Futures: Die Zeit des Geldes in Finanzwelt und Gesellschaft.
Aus dem Italienischen von Alessandra Corti. Carl-Auer- Verlag 2010 EUR
44,00
Alle schwärmen von der U-Theorie des Carl Sharmer. Aber wer kennt Elena
Esposito? Schon der Titel macht neugierig. Was hat es mit diesen Zukünften auf
sich? <Futures> sind Termingeschäfte, die in der Gegenwart mit
etwas handeln, das erst in einer ungewissen Zukunft stattfinden wird.
Die Wirtschaft handelt mit Zeit. Dabei kann, wie die Wirtschaftskrise
gezeigt hat, gesellschaftlicher Schaden entstehen. Was tun? Wer sich
nicht von den 296 Seiten äußerst anspruchsvollen Textes abschrecken lässt,
und auch nicht das Buch von vorne nach hinten auf der Suche nach einer
griffigen Antwort in einem Ruck durchlesen will, wird durch kostbare
Einsichten belohnt. Sicher: die Sprache ist die der Systemtheorie nach
Niklas Luhmann, bei dem die Autorin in Soziologie promovierte, nachdem
sie Soziologie und
Philosophie - bei Umberto Eco - in Bologna studierte. Nach der
Habilitation in Bielefeld seit 2001 ist sie Professorin für
Kommunikationssoziologie an der Facoltà di Scienze della Comunicazione
e dell'Economia der Universität Modena-Reggio Emilia. Kongresse und
Vorträge führen sie regelmäßig nach Deutschland. Ihr neuestes Buch,
um das sich der Carl-Auer-Verlag wieder einmal
verdient gemacht hat, ist also nicht nur eine Einführung in die
globalisierte Welt der Wirtschaft und der Finanzen, sondern auch in die
Sprache der systemischen Beschreibung, wie man sie von Luhmann kennt.
Zum besseren Verständnis gibt es übrigens ein Glossar zur Theorie sozialer Systeme, bei dem sie
mitarbeitete. An dieser Stelle sei die Leistung der kongenialen Übersetzerin
gelobt, denn bei aller Abstraktion ist hier doch ein philosophisch
stringenter Text entstanden, der auch einer gewissen Poesie nicht
entbehrt. Deshalb seien ein paar Auszüge herausgestellt, die Appetit
auf Mehr machen könnten:
Die
Ungewissheiten bei der Regulierung der Ungewissheit: Nach Luhmann löst die Heterarchie die hierarchische
Ordnung auf, nicht weil es keine Hierarchie mehr, sondern weil es deren
zu viele gibt, die einander ersetzen können, ohne auf eine Einheit
reduzierbar zu sein. Das Bewusstsein beginnt sich durchzusetzen,
schreibt Esposito, dass es angebracht wäre, die Illusion einer
Reglementierung aufzugeben, weil die Finanzmärkte nicht länger
hierarchisch organisiert sind und über keine Spitze (etwa die
Zentralbank) verfügen, die alle Operation bis in die Peripherie hinein
kontrollieren könnte....Unter diesen Bedingungen it einzig plausible
Form der Reglementierung die Selbstregulation der Märkte auf der
Grundlage eigener Mechanismen. Selbst politische oder rechtliche
Interventionen führen hier nur zusätzliche Elemente der Komplexität
und „Irritation“ ein, die intern in einem Prozess entwickelt werden,
der sich von außen stören, aber nicht steuern lässt... Märkte
brauchen offenbar extern auferlegte Bindungen, um Erwartungen zu bilden.
Sie müssen überwacht werden, um sich kontrolliert entfalten zu können.
Diese Kontrolle aber nicht durch äußere Autoritäten ausgeübt. S. 123
Die
Zeit des Geldes: Für manche liegt die
wahre Bedeutung der Globalisierung der Finanzmärkte in zeitlichen <patterns>,
die eine <timeworld> konfigurieren, bei der alle Inhalte als
Prozesse verstanden werden müssen. Globalisierung ist also weniger ein
örtliches, durch aufgehobene nationalstaatliche Grenzen
gekennzeichnetes Phänomen, als ein primär zeitliches, das an die
virtuelle Simularität eines zusammenhängenden Universums gebunden ist
und bei dem ein in erster Linie auf dem Computerbildschirm lokalisiertes
< global reflex system> erzeugt wird.
Eine
entscheidende Rolle kommt hier sicherlich der Digitalisierung und
Computerbenutzung zu, denn bekanntlich sind viele Finanzoperation so
komplex, dass sie nicht ohne Zuhilfenahme von Rechenmaschinen
realisierbar
sind. Transaktionen können dadurch enorm beschleunigt werden, bis hin
zu einer <virtuellen Simultanität>, bei der man auf Operationen
zu reagieren versucht, noch während sie ablaufen. Es handelt sich um
Operationen auf mehren Ebenen,
die gleichzeitig über die Transaktion selbst und über ihre
Auswirkungen auf den Markt spekulieren und eine verschränkte, rekursive
Situation schaffen, die sich gängigen, an die zeitliche Ordnung von
Ursache und Wirkung (Ursache vor Wirkung!) gebundenen Formen kuasaler
Kontrollen entziehen.
Diese
am Modell sich gegenseitig reflektierender Spiegel konstruierter Realität
impliziert keine fixen, von den laufenden Prozessen unabhängigen
Inhalte, sondern konstituiert sich gleich einem Teppich, nur wenn man
sie aufrollt. Welche Art von Orientierungen kann eine solche neue,
bewegliche und dahinschwindende Realität bieten? S. 124
Die
Produktion der Zukunft:
Derivate bieten die Möglichkeit, Geld anders arbeiten zu lassen, indem
man sie den Kauf und Verkauf von Aktien, die man nicht besitzt,
gestatten. Man kann deshalb sagen: Sie sind eine neue, von dem Besitz
der getauschten Güter unabhängigen Form von Geld...S.171
Die
gegenwärtige Zukunft und die künftige Gegenwart: Bei Derivaten handelt es sich um eine hochgradig
selbstreferenzielle Form von Geld, da sie nun keiner externen Verweisung
mehr bedürfen, sondern nur mehr auf Geld und seine Zirkulation bezogen
sind. Auf Finanzmärkten steht Geld nur für anderes Geld, es schafft
seinen eigenen Wert ohne Bezug zur Welt, nur mit Bezug auf die Zukunft.
S.177
Der
Handel mit der Ungewissheit:
Auf den Derivatemärkten (und den heutigen Finanzmärkten) wird die
Zukunft geschaffen und werden Risiken erzeugt. Was dabei herauskommt,
unterscheidet sich jedoch von dem, was die Unternehmer (und größtenteils
auch die Theorie) erwarten würden.S.189
Das
Lächeln der Voltilität:
Springender Punkt und Problem des gesamten Ansatzes ist die Frage, ob
die Erwartung realistisch ist, dass Risiken sich auf vorhersehbare Weise
entfalten und einem geordneten Lauf folgen, der sich aus ihren
vergangenen Entwicklungen ableiten lässt. S. 210
Die
fehlende Kontrolle steuern:
Der
Computer (vergleiche N. Wieners Beispiel eines Schachcomputers
1948)verfolgt keine Strategie, aber er schreibt in jeder Gegenwart seine
jeweiligen Zukunftsprojektion neu, indem er vergangene Daten mit den
sich daraus ergebenden Zukünften abgleicht. In seinem Gedächtnis sind
nicht nur Fakten abgespeichert, sondern auch Horizonte (als mögliche
Zukünfte), so dass er nicht nur aus eigenen Fehlern zu lernen vermag,
sondern auch aus den Fehlern des Gegners....In diesem Falle wird die
Kontrolle nicht dadurch erlangt dass man den Input (die Gegenwart)mit
einem Ziel (der Zukunft) vergleicht, sondern dadurch, dass man den Input
mit dem Gedächtnis (der Vergangenheit) vergleicht, um daraus eine
Bandbreite von Möglichkeiten projizieren zu können, die immer wieder
auf den neuesten Stand werden kann und stets offen bleibt. S. 273/274
In
der gegenwärtigen Zukunft kann man nur auf die heute denkbaren Möglichkeiten
Bezug nehmen. Davon gehen aber weitere Möglichkeitsräume (jene der zukünftigen
Gegenwarten) aus, die heute noch vollkommen unabsehbar sind. Darin liegt
jedoch kein Übel, sondern die große Ressource der Zukunft, die
jegliche Programmierung und Kontrolle in Rechnung stellen müsste. (S.
275/276)
In
diesem Sinne kann man das
Konzept der Kontrolle beibehalten, jedoch in einer veränderten Version:
Wer einen Steuerungsversuch unternimmt, übt Kontrolle auf den Lauf der
Dinge (auf die Produktion der Zukunft) aus, nicht jedoch deswegen, weil
er bestimmen kann, was passiert, sondern weil er zwischen
unterschiedlichen Gegenwarten eine Verbindung herstellen kann, indem er
das, was passiert, als Konsequenz zuvor getroffener Entscheidungen
sieht, indem er daraus lernt und Korrekturen vornimmt. (Auf diese Weise
kommt zustande, was Luhmann die „zeitliche Selbstintegration des
Systems“ nennt.) S. 276
Der
Umgang mit der Veränderung: In
Anbetracht einer offenen Zukunft stützt Vertrauen sich nicht auf
Konstanz, sondern auf die Fähigkeit, eine Steuerung auch bei Überraschungen
(infolge der Steuerungsmaßnahmen) aufrechtzuerhalten. Dies vor allem
sollten die Märkte verzeichnen: dass Änderungen sich nicht nur als
Reaktion auf unvorhergesehene Vorkommnisse einstellen, sondern die
Konsequenz der eigenen Politik der Steuerung des Möglichen sind. (S.
284)
Ich
muss zugeben, dass ich bei der Lektüre mehrmals das Gefühl hatte, mein
Hirn würde von nichtlinearen Schleifen durchsetzt und völlig in seiner
konventionellen Struktur aufgelöst. Aber nach einiger Zeit gewöhnte es
sich offensichtlich daran und war auf den Geschmack gekommen, stellte
selbst neuartige Verbindungen her, dem mein Bewusstsein noch nicht ganz
folgen konnte, aber immer mehr ...und ich nehme das konventionelle
Zeitmanagement, das dem Profi abverlangt wird, nicht mehr so ernst. Es
kommt doch oft anders. Meine Erwartung, Sicherheit herstellen zu können,
ist gründlich enttäuscht worden, aber das hat auch Vorteile. Jede Enttäuschung
ist auch Erleichterung und somit Entspannung. O.K. Man kann es einfach
nicht genau vorhersagen und wissen – am besten ist es, offen zu
bleiben und ein gutes Leben zu führen. Auch und gerade zu Zeiten der
Globalisierung...Ich wünsche diesem großartigen Buch eine weite
Verbreitung und allen Lesern die damit verbundene Möglichkeit, auf höchstem
Niveau tief entspannen zu können. Kay Hoffman
Philipp Fersch,
Wie August Petermann den Nordpol erfand. Mit
zehn Schwarz-Weiß-Abbildungen. Sammlung Luchterhand 2010
Nach seinem 2007
erschienen Buch „Laborlandschaften - Physiologische Alpenreisen im 19.
Jahrhundert“ legt jetzt der Wissenschaftsgeschichtler Philipp
Felsch (Jahrgang 1972, seit 2006 am Zentrum Geschichte des Wissens an
der ETH Zürich tätig) ein neues Buch vor, das den literarischen
Vergleich mit Daniel Kehlmann (Die Vermessung der Welt) nicht scheuen
muss.
Wer
war August Petermann? 1822 im thüringischen Bleicherode geboren, beschäftigt
er sich schon früh mit Geografie und dem Zeichnen von Karten. 1839
tritt er in eine
Kunstschule in Potsdam ein, um
sich wissenschaftlich und technisch als Kartograph ausbilden
zu lassen. Der
Begriff „Kartograph“ entstand erst kurz vor 1830, und London war das
Zentrum der Kartographie,
also zog der junge Petermann 1847 dorthin, nach einem frustrierenden
Zwischenspiel in Edinburgh. Doch auch in London wird er nicht so
aufgenommen wie er es sich wünscht. Einen
solchen Bücherwurm wie ihn nennt einen
armchair explorer; die pragmatischen Seeoffiziere lächeln
über Petermanns Mutmaßungen wo der 1845 verschollene Seefahrer John
Franklin auf der Suche nach
dem Nordpol abgeblieben sein
könnte. Schon
während einer verheerend verlaufenden
Expedition 1819-1822 in die Nordwest-Territorien Kanadas waren
Franklin und seine Mannschaft gezwungen, Flechten und
Ähnliches zu essen, um zu überleben. Sie versuchten sogar, ihre
Lederstiefel zu verzehren, was Franklin den Spitznamen „der Mann, der
seine Schuhe aß“ eintrug. Auch zwanzig Jahren danach war
Franklin war immer noch von dem Gedanken besessen, die
Nordwestpassage zu
finden. Diese
ist der zirka 5.780 Kilometer lange Seeweg, der nördlich des
amerikanischen Kontinents den atlantischen mit
dem pazifischen
Ozean verbindet.
Er führt über das Nordpolarmeer und
seine Randmeere sowie
die dazugehörenden Meeresstraßen durch
den kanadisch-arktischen Archipel.
Die meisten Expeditionen waren am Packeis gescheitert, in denen die
Schiffe hilflos stecken blieben, bis sie barsten. Nachdem
Franklin die nötigen Gelder aufgetrieben hatte, brach er am 19. Mai
1845 mit zwei Schiffen, der HMS Terror und
der HMS
Erebus, und 129 Mann Besatzung zu
einer Expedition auf,
von der er nicht zurückkehren sollte. In den folgenden elf Jahren
wurden zahlreiche Anstrengungen unternommen, die Teilnehmer der
Expedition zu finden. 1854 fand ein anderer Entdecker, John
Rae, Hinweise auf Franklins Schicksal,
und dessen zweite Frau finanzierte weitere Expeditionen, die nach den
verschwundenen Männern suchen sollten. 1859 entdeckte eine dieser
Gruppen einige Leichen und eine Notiz von Franklins Stellvertreter. Sie
gab Auskunft über das Schicksal der Expedition und den Tod
Franklins.
Auch
wenn die von der britischen Regierung, Franklins Witwe und dem amerikanischen Reeder Grinell finanzierten
Expeditionen, die Mitte des 19. Jahrhunderts nach Franklin suchten, ihr
eigentliches Ziel nicht erreichten, trugen sie doch wesentlich zur
Erforschung und Kartographierung des kanadischen Nordens und des
kanadischen Archipels bei bei.
Petermann vertrat die Theorie vom eisfreien Nordpolarmeer,
nach ihm und seinen Vorgängern existierte rund
um den Nordpol eine
eisfreie, schiffbare Zone. Ebenso wie der Wissenschaftler Matthew
Fontaine Maury,
ein amerikanischer
Marineoffizier und Hydrograf
- die Hydrographie befasst
sich mit der Vermessung der Form von Fluss-, See- und Meeresboden und
ist ein Teil der Geomatik, Geodäsie, zu der die
Erfassung, Auswertung, Modellierung und die Präsentation der
Morphologie, d.h. die Beschaffenheit und Gestalt des Bodens gehört, -
befasste sich Petermann mit den Meeresströmungen, sein Argument war, dass
warme Strömungen (der Golfstrom und der Kuroshio) Richtung Norden unter
der Oberfläche ansteigen würden und das Poleis zum Schmelzen bringen würden.
Auch Temperaturmessungen zeigten,
dass um den 80. Breitengrad die tiefsten Temperaturen gemessen wurden,
was man auch durch die Beobachtungen von Tierwanderungen zu
stützen suchte, da diese gen Norden wanderten, was die Wissenschaftler
einen weniger lebensfeindlichen Raum jenseits des 80. Breitengrades
erwarten ließ. Hinzu kam die Mitternachtssonne, die während des
arktischen Sommers das Polareis zum Schmelzen bringen könnte. Für
Petermann waren die Berechnungen, die sich auf die Vermessungsdaten stützten,
das Material, das er in seinen Karten verwendete. Von seinen ersten
Karten, so etwa die, die er als Fünfzehnjähriger nach einer Wanderung
durch den Harz erstellt und die noch auf eigenen Beobachtungen beruhte,
bis zu der aus dem Jahr 1845,
die die Verkehrswege des deutschen Raumes abbildet, führt eine klare
Linie zu seinen späteren Theorien; der Vater, ein Regierungsbeamter,
hatte ursprünglich für seinen Sohn die Laufbahn eines preußischen
Pfarrers vorgesehen, aber der Sohn setzte sich mit seinen eigenen Träumen
durch. Inspiration erhielt er durch den neuen Handatlas, der in keinem bürgerlichen
Hause, das etwas auf sich hielt, fehlen durfte, und die Bücher, die ihm
von phantastischen Abenteuern erzählten, so Robinson Crusoe und
andere Reiseliteratur, die im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur hatte.
Humboldts lesefreundlichstes Buch, die 1832 abgeschlossene Reise in
die Äquinoktialgegenden des neuen Kontinents , breitete das
Panorama einer dunkel lockenden Tropenwelt aus, deren wilde Indianer und
kreischende Papageien den preußischen Vormärz noch trostloser
erschienen ließen, als er es ohnehin schon war. Das drängende Fernweh
löst den Geschmack an der häuslichen Idylle des Biedermeier ab. Dies
mag dazu beigetragen haben, dass Petermann nach seiner verbitterten Rückkehr
aus dem pragmatischen England im thüringischen Gotha, im Land der
Dichter und Denker, seine Theorien weiter spinnen konnte.
Am 23. und 24. Juli 1865 tagte die erste „Versammlung Deutscher
Meister und Freunde der Erdkunde“ in Frankfurt am Main, dies war der
erste deutsche Geographentag und ging auf die Initiative von Volger und
Petermann zurück Petermann war aufgrund seiner Verdienste schon seit
1860 Meister des Freien Deutschen Hochstifts .Dieses wurde 1859,
am 100. Geburtstag Schillers, von 50 Personen gegründet, die
mehrheitlich Frankfurter Bürger waren.
Initiator war der
Geologe Volger, der sich in der
Revolution von 1848 engagiert
hatte. Die politischen ideale der Revolution sollten in der Institution
eine geistig-kulturelle Heimstatt finden, doch stand der Verein jedem
offen. Nun wurden Regierungsstellen angeschrieben, Zeitungen
eingeladen und alle geographischen Gesellschaften verständigt. Es kamen
72 Geographen aus den deutschsprachigen Ländern. Das Tagungsthema hieß
„Die Veranstaltung einer Deutschen Nordfahrt“. Petermann hält bei
dieser Versammlung einen Vortrag über „Die Erforschung der arktischen Central-Region
durch eine deutsche Nordfahrt“. Er beklagt sich über mangelnde
Unterstützung durch „unsere ersten seefahrenden Mächte, der Preußischen
und Österreichischen Regierungen“, und bittet um Spenden für eine
„Rekognoszierungsfahrt“ im
Meer zwischen Spitzbergen und
Nowaja. Seiner Meinung nach würde das Meer dort dank des Golfstroms nicht
völlig zufrieren, auch nicht im Winter, so dass man nach Durchdringen
des Treibeises ein
freies schiffbares Meer bis zum Nordpol
hin vorfinden würde. Die Pläne Petermanns wurden in Deutschland und Österreich
mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen Mit den Ausführungen
Petermanns in Frankfurt begann die deutsche Nordpolarforschung, die
jedoch ohne Ergebnis blieben, was die reale Nordpolentdeckung betraf,
doch passten die durch sie hervorgerufenen Aktivitäten gut in die
optimistische Aufbruchsstimmung. Sogar Bismarck, der Realpolitiker,
konnte sich für sie erwärmen, wenn auch unter dem Vorzeichen einer Art
Beschäftigungstherapie bzw. militärischer Übung. So soll er gesagt
haben, dass bei der Nordfahrt es zunächst nur darauf ankäme, dass ein
kleiner Teil unserer in den Häfen verstreuten Marinen und in Untätigkeit
versumpfenden Seeleute in Tätigkeit gebracht würden. Doch Petermanns
Auftritt 1866 vor einer Kommission von preußischen Seeoffizieren
scheint ein Fiasko gewesen zu sein. Auf die Frage nach dem Zweck des
Unternehmens wusste er keine Antwort. 1878 war es dann wieder soweit,
eine Expedition wurde geplant, am 8. Juli stach die Jeanette von
San Francisco aus in See, trieb dann zwei Jahre lang ziellos nach
Nordwesten. Ihr Kapitän, De Long, vertraute bis zuletzt einer kleinen
Karte Petermanns, doch die Eintragungen stimmten nicht. Orientierungslos
irrten die Seeleute durch das tote Land, nachdem das Schiff im Packeis
auseinander gebrochen war, und alle kamen um. Doch diese Kunde sollte
Petermann nicht mehr erleben. Am 25. September
1878 schoss er sich eine Kugel durch den Kopf, die Pistole hatte
er schon länger bei sich getragen. Anlässlich der Einweihung eines
Gedenksteins für Petermann im September 1909 kommt es zu einem „freundlichen
Zufall“, wie ein Reporter des Gothaischen Tageblatts
formuliert: „Die Aufrichtung des Denkmals wurde möglich in einer
Zeit, in der uns die Nachrichten erreichten, dass Petermanns
Lieblingsideen, die Auffindung des geographischen Nordpols, Tatsache
geworden ist.“
Felsch
hat eine Vielzahl von Fakten zusammengetragen und in seiner ironischen
Art, ähnlich der Kehlmanns, zu einer unterhaltenden Lektüre
verarbeitet. Allerdings braucht es schon ein gewisses Interesse sowohl
an zeitgeschichtlichen Ausführungen als auch an den Irrungen und
Wirrungen, denen die Wissenschaft auf dem Wege zur praktischen Umsetzung
unterworfen ist. Für mich ist es ein äußerst empfehlenswertes Buch,
das mich auch mit der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts ein
wenig vertraut werden ließ.
|