20.4.2010 FRÜHLINGSERWACHEN (IM KOPF) Notizen zu einem Rundfunkbeitrag, mit Musik zum Tanztheater "ALSO SPRACH ARETHUSA" (Musik in Zusammenarbeit mit Guido Hieronymus, Vocals: Jaqueline Darby) 

Frühlingserwachen: kommt nicht mit einem Tusch oder einem Paukenschlag, mit bombastischer Musik wie die Tagesnachrichten, sondern kündigt sich an wie eine Ahnung, bleibt im Ungewissen, obwohl es doch gewiss sein sollte, dass im Frühling das Wachstum zurück kehrt.

Durch den Park gehen und plötzlich wird der Blick angezogen und gefangen genommen: Da blüht ja schon etwas! Ist es schon soweit? Im Kopf passiert blitzschnell eine Umstellung. Nicht von Winter- auf Sommerzeit. Sondern auf einen bestimmten emotional bedingten Zustand, Frühlingsgefühle genannt. Da kommt ein ganzer Wust an Emotionen im Pack angetrieben, vage Ahnungen, was jetzt wieder möglich sein könnte, - Frühling verbindet sich mit dem Gefühl von Neubeginn, Überraschungen,  unerwartete Wendungen, Wandlungen…alles neu macht der Mai, Lieder erzählen von der Freude der Verliebten aber auch von Enttäuschungen…und genau dieser Unterton der herben Enttäuschung, wenn die Erwartungen nicht in Erfüllung gehen mag dazu beitragen, dass der Kopf sich lieber erst gar nicht erregen lassen mag sondern Kühle bewahre will, dieser Unterton hält alles in der Schwebe...eine bange Frage drängt sich auf: Werde ich dabei sein bei dem Neubeginn?   

Wie kommt es nur, dass ich mich nicht den erfolgreichen Ergebnissen des Frühlingserwachen abspeisen lassen will sondern in jenen Winkel schaue, wo das Pflänzchen steht, das mir Sorgen bereitet, der rote Ahorn auf meinem Balkon. Das Sorgenkind, der Nachzügler  bekommt meine ganze Aufmerksamkeit. Das ist nicht gerecht!. Die Zweige in der Vase hingegen führen die erwartet perfekte Form einer siegreichen  Knospe vor die sich durchzusetzen weiß und die Erwartungen erfüllt.  Aber das ist doch selbstverständlich, schließlich habe ich dafür gezahlt. Für das Gedeihen des Sorgenkindes kann ich nicht zahlen. Ich kann den Topf einfach wegwerfen, aber die zaghaften Versuche rote Blätter aus den zarten Zweigen zu treiben, diese zaghaften Ansätze rühren mich. Wieder ein Umdenken im strammen Marschprogramm des Kopfes ist angesagt. 

Marschieren, wie herrlich! Endlich weiß man wo es lang geht, auch wenn es nur ein Gesundheitsprogramm ist, in der frischen Luft, mit Stöcken bewaffnet, im straffen Rhythmus fettverbrennender Bewegung…Da ist der Tusch angesagt, der siegesgewisse Ausruf, der bestätigt und verstärkt, anfeuert: Geht doch! Bingo! Ja!!! Die Geste dazu, von siegreichen Fußballern die ein Tor geschossen haben…So sollte man immer drauf sein. Stattdessen changiert der Frühling, wie dann der Sommer und der Herbst und natürlich der Winter auch, wechselt seine Farben innerhalb der Jahreszeit, da helfen alle Wetterprognosen nichts, es passt nicht ins Bild, - in das Bild, das der Kopf sich macht.

Nein, ein Schock ist es nicht. Die Wirkung kommt verspätet. Zuerst ist es nur eine Verunsicherung. Alles im Kopf natürlich. Der Kopf registriert, da kommt ein unbekanntes Gefühl wie ein Geschoss auf die Ordnung zugeflogen, gleich wird es eintreffen, aber nichts da, alles ist wie immer. Und doch, etwas geht hier vor, ein  Grummeln im Magen, in den Innereien, als hätte man etwas gegessen, was einem nicht bekommen ist. Angst? Nicht ganz. Nicht wirklich.  Etwas fährt ein, putzt durch, Rumms, kein Gesundheitsprogramm, - der Kopf fragt sich, welches Symptom sich hier ankündigt….Grippe, Fieber etwa…andrerseits tut es ganz gut, mal eine Ausnahme zu machen, raus aus dem Gesundheitstrott, mal was Aufregendes zur Abwechslung…der Kopf macht seine Rechnung, ohne den Wirt, den Körper, schaltet um auf Störung, Krise, findet Erklärungen, Begriffe, die passen…Midlifecrisis zum Beispiel, passt fast immer…

Es gibt da einen Kunstgriff: die Krise zu spielen, zu tanzen, sich auszutoben. Wie viel Energie da plötzlich mobilisiert wird, mehr als in jedem ausgeklügelten Motivationstraining…

Das Fazit, zu dem der Kopf kommt: aus anderen Quellen schöpfen als den gewohnten. Ist weniger mühsam. Kommt alles von selbst, wenn man weiß, wie und wo anzusetzen ist.  Den Anschluss finden, das wäre es…da fängt der Kopf wieder an, hin und her zu denken, er will es einfach haben, und er weiß, dass es einfach geht, wenn es geht, aber wie nur, wie?

Die Komposition der Musik zur Verwandlung der Nymphe Arethusa in eine Quelle hat mir besonderen Spaß gemacht, denn während ich zusammen mit Guido Hieronymus die Sounds aussuchte und Guido die Töne einspielte, konnte ich zum ersten Mal wirklich nachvollziehen, wie sich Metamorphosen in der Natur abspielen. Es sind sehr zarte Töne, mit denen sich die Verwandlung ankündigt, als ob sich ein Wesen in der Verpuppung heraus schält, wobei es nicht wirklich Schalen sind, sondern Schleier aus feinstem Gespinst, und nichts geht verloren, sondern wird aufgelöst und neu zusammengesetzt, ein neuer Stoff entsteht aus dem alten, aber nicht das die Elemente ausgetauscht würden wie die Ersatzteile eines Autos…die neue Stoff ist im alten enthalten, er wird neu gewirkt, gewebt, die Wirklichkeit ist ein Gewebe, der Stoff aus dem nicht nur die Träume sondern auch die Wirklichkeit gemacht ist, besteht aus Wirkungen…schwer das in Musik umzusetzen…genau,. Der Kopf hat sich wieder eingeschaltet und will dem Prozess zuvor kommen und es richtig einordnen, was hier los ist…wie immer, der Kopf…