Kay Hoffman: Drehschwindel und Ekstase auf dem Jahrmarkt
Sicher,
das kenne ich, wobei die Kombination mehr auf ein Malheur als auch ein Vergnügen
hinzudeuten scheint. Per
definitionem ist der Schwindel eine Krankheit oder zumindest ein
Ausnahmezustand, das Wort in medizinischem Kontext gebraucht bezeichnet einen
Zustand, ausgelöst durch widersprüchliche Informationen verschiedener Sinnesorgane
an das Gehirn.
Sie gehen von den Augen aus, von dem
Gleichgewichtsorgan des Ohres, von den Stellungsfühlern,
genannt Sensoren und Propriozeptoren, die sich in der Muskulatur, in den Sehnen
und Gelenke als eine Art Bewegungsmelder befinden. Wer ist da?, fragen sich die
neugierigen Neuronen, um alles in den Griff und auf die Reihe zu bekommen. Und
wie verhält sich dieses Dasein im Moment zu sich selbst? Beim Gesunden werden
solche Informationen automatisch verarbeitet und bewusst gemacht, und führen zu
der unmittelbaren Einsicht, in welcher Lage sich der Körper gerade befindet,
wobei mit „Lage“ zunächst ein ganz konkreter, körperlicher Zustand gemeint
ist. Das alles ist so selbstverständlich, dass es nicht weiter auffällt. Wenn
aber etwas anderes gemeldet wird als der Normalzustand, schlägt der Organismus
Alarm. Wenn hier, sozusagen an der Basis der körperlichen Existenz, die
Wahrnehmung über etwas stolpert, was anders ist als sonst, ist das schon genügend
Information, um alles gründlich zu destabilisieren. Ich muss mich also erinnern, um den alten Zauber Ich sehe mich von Außen als einen Teil jener an einem
Riesenrad aufgehängten schemenhaften Figuren, die durch die Luft gewirbelt
werden gemäß einer Ordnung, die größer ist als der einzelne Sturz oder Flug.
Es herrscht lustvolle Auflösung, Durcheinander von Geräuschen und Gerüchen.
Ich meine die Orgel aus der Kirche zu hören, dröhnend, ein wenig schräg, außer
Gebrauch. Dort also muss es geschehen sein, dass ich mein Leben dem Außergewöhnlichen
weihte, auch wenn es damit verbunden war, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen.
Es ist eine innere Entscheidung, mit Hingabe verbunden. Der äußere
Zusammenhang dient der inneren Inszenierung: Das Leben als Karussell. Dass es sich bei der Dult hauptsächlich Trödel, liebenswerten Krimskrams, Reste eines vergangenen Lebens mit seinen Vergnügungen, Ablenkungen, Nostalgie, seinen abgestanden und verjährten Angeboten von Lebenslust, verstärkt den Schwindel, der auffliegt, vertieft die Verzauberung der Welt, ein Durcheinanderwirbeln der Partikelchen träger Masse. Die Welt, aufgewirbelt wie Staub. Zu den Fahrgeschäfte gehören ein kleines Riesenrad, ein Kettenkarussell, ein Kinderkarussell, eine Schiffsschaukel hart am Anschlag, und eine Pferdereitbahn in Maßen. Autoscooter gibt es, Schießbuden. In den 1980ern und in die Anfänge der 1990er Jahre hinein waren auch noch größere Fahrgeschäfte vorhanden, wie Walzerbahn, Tagada, Calypso und Wellenflug oder andere Maschinen mit seltsamen Namen, die die Phantasie herausfordern, sich eine entsprechende Geschichte einfallen zu lassen. Es ist eine Nostalgie, ausgeliehen aus einer anderen Zeit, die künstliches Heim- und Fernweh zugleich erzeugt. Ein unzeitgemäßes Staunen über die Wunderwerke der Technik, gerade rechtzeitig erfunden um der Enge zu entkommen, die sich durch solche Erfindungen ergibt. An dieser Nahtstelle zwischen Enge und Weite, Kultur und Natur, werden die Weichen gestellt. Die Menschen gewöhnen sich daran, auf der Stelle zu treten statt auszureiten, der Rummel ist die willkommene Engführung körperlichen Kontakts, dazu das Hämmern des automatisierten Orchesters, mit Jungfrauen am Bug als Dirigenten, so multipliziert sich die kleine Welt voller elektrischem Blinken und Blinzeln und gleichgeschaltet auf einen gemeinsamen Takt als gelte es durch die schlingernde Hochsee zu stampfen. Es ist die Trauer über die verlorene Kindheit eines längst vergangenen Jahrhunderts, die mir einflüstert, hier sei das eigentliche Zuhause, weil alles noch voller Wunder sei. Jede Dult dauert neun Tage. Früher spielte sich das Ganze
in der Innenstadt ab, es wurde dann ausgelagert, als sei der Rummel dieser Art
nicht mehr aktuell genug. Die Au ist bis heute ein Gebiet außerhalb der Stadt
und ihrem Gedränge. Und so ist es in meiner Erinnerung auch: Ich befinde mich
an den leer geräumten Randgebieten einer Kindheit, die ich chronologisch nicht
orten kann. Zeit spielt keine Rolle. Der Mariahilfplatz ist eine kleine Welt für
sich. Wenn ich diesen Platz betrete, signalisiert mir seine streng geometrische
Anordnung: Hier findet alles seinen Platz. Ordne dich ein, und für dich ist
gesorgt. Ich fühle mich bis heute gemaßregelt und komme meinen Gefühlen nicht
aus. Zwischen dem Mariahilfplatz
und dem Nockherberg fließt der Auer Mühlbach hindurch. Auf der einen Seite
befindet sich die Frauen- und Jugendarrestanstalt Neudeck, einstmals ein
Zuchthaus, noch früher ein Kloster, ein Braumeister erwarb 1813 die ehemalige
Klosterbrauerei und führte die Starkbiertradition der Mönche fort. Der Geruch
hängt manchmal zum Greifen nah in der Luft. Alles ist hier stark und braut sich
zusammen. Ein neobarocker Bau aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts schließt
an und bietet Platz für 124 Personen unter Arrest, er soll einmal als Hotel
dienen, aber das sind ungewisse Pläne. Verwaltung und Vollzug befinden sich
quasi unter einem Dach. Ich weiß es, weil ich für das Amt gearbeitet habe. Ich
wusste es aber immer schon, aufgrund jenes Schwindelerlebnisses, in dem die Welt
in einem Kunterbunt zusammengefasst und ein für alle mal verquirlt wurde. Gut
und Böse wohnen eng beieinander, im Gedächtnis des wissenden Feldes ist alles
gespeichert. Dieses Wissen besteht aufgrund seiner Enge, es achtet auf peinliche
Unterscheidung. Nur an geregelten Ausnahmetagen ist die Welt eine Verkehrte Welt
und darf es sein, sonst würde sie platzen vor Wut. Sagt die äußere Stimme: „Dass du immer so übertreiben musst!“ Assoziationen jagen sich...Übertreibung, Austreibung... Sagt die innere Stimme etwas von „Es wissen wollen“, fragt sich nur was ? Es entsteht ein
Wissen durch Übertreibung, aber welches? Und wozu ist es gut? Übelkeit durch
Überdruss: Alles absuchen, an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gehen, um
sich sagen zu können: Hier oder da ist auch nichts Besonderes, alles gleich,
mir gleich, alles Schwindel, Einerlei, - um sich abwenden, endlich davon
ablassen zu können. Ich könnte genauso gut woanders sein. Die
Auswechselbarkeit von Orten und Zuständen – Gleichschaltung kurz vor der Auslöschung,
Nullerfahrung, Einschmelzen der Formen, um sich sagen zu können: Ich habe
nichts versäumt, um so das sehnsüchtige Suchen abzustellen. Ich lese von der dionysischen Zerstückelung des zweimal geborenen Gottes. Zermahlen, zerstoßen, zerrieben. Überfressen, überdreht.
Rasende Fahrt. Endlich zum Ende der Endlichkeit kommen wollen, sich erschöpfen,
leer laufen wollen. Ich verstehe: Das heißt: sich zu verzehren. Nicht aus
Hunger, sondern aus Sättigung, satt vom Falschen. So ist es, wenn man es satt
hat: Man ist hungriger denn je. Angstlust: Die Welt dreht sich und dreht sich,
die Welt läuft an den Rändern hoch, wirft sich auf um ein Gefäß zu bilden,
eine Schale, eine Mulde, eine Kuhle, in die ich kullere, aufgehoben. So falle
ich nicht heraus, sondern hinein in die Welt, in eine breitere tiefere
Wahrnehmung, die mich von allen Seiten umgibt: mit Ohren schauen und mit den
Augen hören, wie mit 3D Brillen, ein verschwimmendes Bild, das die Welt wie
unter Wasser erscheinen lässt, multidimensional, nicht verflacht und
vertrocknet, sondern weich und mollig wie ein Schwamm der sich voll gesogen hat
mit dem Himmel, der jetzt überall ist, auch auf der Erde und in der Erde, die
mich aufnimmt, wenn mich hinwerfe, falle und falle. Bestimmte Farben, die man
als unwirklich bezeichnet, gehören zu den 3D Binnenkörper Bildern dazu,
Bonbonfarben. Das Drehen der wirbelnden Derwische um aufzugehen in Gott. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn, Die Uhrzeit wird zurückgedreht bis zur Zeitlosigkeit, alles Relative löst sich auf, das Absolute bleibt, die Mitte ist der Nullpunkt, die Erfahrung des unverwüstlich Göttlichen. Sich drehen, um die festgezogene Schraube der materialisierten Wirklichkeit wieder aufzudrehen, sich dem festen Griff zu entwinden, sich zu verflüssigen, so wie die Welt es im Vorbeihuschen auch tut. Zuflucht bei anderen Kulturen suchen, um der Einbindung in die eigene Gesellschaft zu entgehen. Das eigene Nest fliehen, sich in fremde Nester setzen, die andere, die geborgte Geborgenheit simulieren, neue Stimuli probieren, sich lossagen von der Zivilisation, verwildern wollen, Depersonalisation, Derealisation betreiben als selbst verordnete Medizin und Diät. Wahnsinniges Trommeln in der Fremde. Monotones Lärmen als Trance-Induktion: Einlullen des Bewusstseins, um sich in Sicherheit zu wiegen, denn die erste Funktion des Wachbewusstsein ist es, Wache zu halten. Trance um weiter zu gehen, dorthin, wo es unsicher wird, und wirklich aufregend. Innere Reise unternehmen. Man braucht ein Plateau, eine Startbahn, eine Ebene. Das ist Trance: nur eine Vorbereitung. Trance eröffnet eine Ebene, eine Startbahn für den Transit. Die Frage ist, wie ich mich aus der Ebene in der parabolische Kurve des kosmischen Aufschwungs heraushebeln kann. Der Drehtanz wirkt als Mittel, eine galaktische Beschleunigung am eigenen Leibe zu erleben, dann sich fallen lassen, was den Wirbelnden Derwischen nicht erlaubt ist, aus höchsten Höhen abstürzen. Die Außenstehenden nehmen den rastlosen Atem des Drehtänzers wahr, die Augen, die immer noch einem Fokus hinter her jagen, der Tänzer selber wird später von unglaublichen inneren Reisen berichten, von einem Fall auf die Erde wie damals am Anfang der Schöpfung, als das ungebrochene Licht sich verströmte und gebrochen wurde, um all die Formen und Farben zu bilden, die wir heute als feste Tatsachen hinnehmen. Das Drehen versetzt in Trance, die Welt ist im Transit begriffen. Das Durchmischen und Verflüssigen ist nur Vorbereitung, heute ist es für mich überflüssig geworden, ich drehe mich nicht mehr, ich vollziehe mit dem Finger höchstens eine minimale Drehbewegung gegen den Uhrzeigersinn, und schon bin ich in der Mitte der Zeit, am Nullpunkt angelangt, in der zeitlosen Gegenwart angekommen. Vielleicht ist es das, wonach sich alle mundanen Anstrengungen des Vergnügens ausrichten: an der Freude, endlich zu einem Ende zu kommen. Ankommen jenseits einer gefestigten Persönlichkeit. Man könnte ein Leben lang drehen und niemals über das Stadium der Verwirrung und der Übelkeit hinaus kommen. Es braucht eine innere Ausrichtung, um die Trance – ein zweckgebundenes Reisen in den Geistigen Welten – in einem Erlebnis der Ekstase kulminieren zu lassen. Der Körper ist befähigt zu solchen Höhepunkten, und der Geist bedarf ihrer, um sich an sich selbst zu erinnern. Von der Trance zur Ekstase: Ein Projekt der Hirnwellenforschung trommelt die Trancereisenden zusammen, es findet sich ein Häufchen von Aussteigern ein, viele Ethnologen, die sich mit wissend verschmitztem Block aus roten Augen begrüßen, die Techniker, die bessere Kleidung tragen und abgegrenzt wirken. Sie werden die wissenschaftliche Seite des Experiments abdecken. Die Köpfe der Probanden, alle bekennende Grenzgänger der Bewusstseinsdimensionen, sind verkabelt und an Messgeräte angeschlossen, die Kurven aufzeichnen und später auf dem Monitor ab spielen wie eine Filmsequenz. Nur wenn die Wellen springen, sprunghaft ansteigen zur Spitzenleistung des Gehirns, kann „es“ geschehen. Bei einem ist es so. Sein Wellendiagramm ist geradezu idealtypisch für die Ekstase. Die mystischen, ekstatischen Praktiker meinen dazu, manchmal sei es ein einziges Bild, ein eindeutiges Bild, das in der Ekstase sich zeige. Keine Bilderfolge, wie in der Trance, keinen Film. Ob er ein solches Bild gehabt habe, wird der junge Mann gefragt. Ja, sagt der, und lächelt verklärt. In diesem Lächeln, in dieser Verklärung liegt so viel Eindeutigkeit, so viel Gewissheit, dass ich mich später immer wieder daran erinnern werde, wenn ich die Orientierung verloren habe. Meine Wellen verharrten damals träge in ihrem Bett, das ihnen die Reisetrance bereitet hatte, in einem gleichmäßig erhöhten Energieplateau, das sich selbst ohne einen merklichen Unterschied zu machen gleich blieb. Als ich nach Hause fahre, war ich enttäuscht von mir selbst. Nein, ich kann dazu keine Quellen angeben, ich weiß die Namen nicht mehr, habe keinen Kontakt mehr zu der Szene. Ich erinnere nur den Ort: ein kleinen Theater mit verstaubtem Vorhang und einem Dunkel, das die Show unterstützt – ein Theaterdunkel von dramatischer Schwärze. Ich erinnere mich daran, wie ich danach ans Tageslicht getreten bin, denn das Experiment hatte ja tagsüber statt gefunden, und wie ich ziemlich desorientiert auf der Straße stand, mir selbst überlassen, und mich dann, nach einigem Zögern, „unter die Menschen mischte“, ja, die Erfahrung bzw. ihre Beschreibung muss mit Anführungszeichen markiert werden. Einfach nur Körper sein, vor allem: SEIN. Ohne Bedingungen. Ohne Konditionen. Ohne Maßstäbe, Ansprüche, Vergleiche. Die Sehnsucht ist es die mich in die Enge treibt, denn je mehr ich mich diesem Sein anzunähern glaube, desto mehr entferne ich mich davon. Das erkenne ich erst aus der Perspektive des Rückblicks. Ich erkenne in all meinen verzweifelten Versuchen, eine Bewusstseinsveränderung zu erreichen, das wiederholte Ergebnis des Leerlaufs. Ich laufe leer aus. Zeitweilig falle ich in den Nihilismus meiner Jugend zurück, dann wieder lese ich mystische Texte und versetze mich in die Person, die sich angesichts eines Gottes taumelnd auflöst. Alles Schwindel? Die Ekstase geht weiter, im doppelten Sinne. Sie wirkt nach, schafft Dauer und Kontinuität im Verborgenen. Sie setzt einen Punkt, worauf sich das Körpergedächtnis beziehen kann. Eine Spur ist gelegt. Die Ekstase geht auch weiter im Sinne einer grenzüberschreitenden Entfaltung. Sie schafft neue Räume, Perspektiven und Dimensionen. Die Grenzen werden aufgelöst, aber nur für den jeweiligen Moment, in dem die Ekstase statt findet. Sogleich bilden sie sich zurück und lassen den Bewusstseinshorizont auf das gewöhnliche Maß zusammenschrumpfen, auf ein Rest-Bewusstsein, einen Rest-Horizont, und das wiederum nährt die Sehnsucht, die mehr weiß als die Erfahrung des Gewöhnlichen, weil sie sich des Ungewöhnlichen zu erinnern weiß: Die Ekstase geht weiter. Als Selbstdarstellung das Fazit vieler langer Lehrjahre: Worüber man nicht sprechen kann, davon sollte man erzählen. Deshalb hier auch keine Quellenangaben, sondern der Hinweis auf eine Geschichte, die so beginnt, mit Drehschwindel und Ekstase auf dem Jahrmarkt. Titel: „Null Guru“, 2010 im Andreas Mascha Verlag Reihe Neue Perspektiven.
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