Kay Hoffman: Drehschwindel und Ekstase auf dem Jahrmarkt

Sicher, das kenne ich, wobei die Kombination mehr auf ein Malheur als auch ein Vergnügen hinzudeuten scheint. Per definitionem ist der Schwindel eine Krankheit oder zumindest ein Ausnahmezustand, das Wort in medizinischem Kontext gebraucht bezeichnet einen Zustand, ausgelöst durch widersprüchliche Informationen verschiedener Sinnesorgane an das Gehirn.  Sie gehen von den Augen aus, von dem Gleichgewichtsorgan des Ohres, von den Stellungsfühlern, genannt Sensoren und Propriozeptoren, die sich in der Muskulatur, in den Sehnen und Gelenke als eine Art Bewegungsmelder befinden. Wer ist da?, fragen sich die neugierigen Neuronen, um alles in den Griff und auf die Reihe zu bekommen. Und wie verhält sich dieses Dasein im Moment zu sich selbst? Beim Gesunden werden solche Informationen automatisch verarbeitet und bewusst gemacht, und führen zu der unmittelbaren Einsicht, in welcher Lage sich der Körper gerade befindet, wobei mit „Lage“ zunächst ein ganz konkreter, körperlicher Zustand gemeint ist. Das alles ist so selbstverständlich, dass es nicht weiter auffällt. Wenn aber etwas anderes gemeldet wird als der Normalzustand, schlägt der Organismus Alarm. Wenn hier, sozusagen an der Basis der körperlichen Existenz, die Wahrnehmung über etwas stolpert, was anders ist als sonst, ist das schon genügend Information, um alles gründlich zu destabilisieren.

 Was an dem Drehschwindel so lustvoll ist? Die Welt dreht sich, verschwimmt vor den Augen, löst sich auf, es ist als wäre man nicht nur auf einen Blickwinkel eingeengt, sondern können  nun aus allen Perspektiven  gleichzeitig heraus schauen, alle Winkel sind so sehr geweitet, dass sie ineinander übergehen und sich  zusammenfügen zu einer Rundumschau von 360 Grad. Das hat etwas Berauschendes an sich, weil man der Enge der gewöhnlichen Sichtweisen entkommt und sich der Schwere des erdgebundenen Körper entbunden fühlt. Schweben, Fliegen! Augen überall! Allgegenwart, die bislang Gott vorbehalten war, die Dinge verlieren ihre Bedeutung herausgelöst aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang, die Farben vermischen sich und bilden ein Band ohne klar definierte Formen, ohne Grenzen, das ist der Fliegende Teppich in Wirklichkeit, ein flüchtiger Eindruck, mehr nicht. Und doch: es bilden sich durch das Zusammenspiel neue Eindrücke, neue Wirklichkeiten, die nur im Jetzt des Erlebens Bestand haben, aber doch nicht so flüchtig wären, dass die Wahrnehmung sie nicht erfassen könnte. Es sind eben keine Sinnestäuschungen, keine Halluzinationen, sondern Randerscheinungen, die nachvollziehbar sind, vorausgesetzt lässt sich darauf ein, an den Rand zu gehen und hinzuschauen, was sich dort zeigt. Vielleicht ist dieses Spiel mit der Wahrnehmung der eigentliche Grund für den Rausch, der im Schwindel gesucht wird, ja so erkläre ich es mir, aber um überzeugend zu wirken, müsste ich von  einem Erlebnis erzählen,  und ja, ich habe es aber erlebt, es kommt mir so vor, als sei es gestern gewesen, aber wo und wann? Zum Wann kann ich nur sagen, dass es schon irgendwann einmal in der Kindheit begonnen haben musste, als sich zeigte, dass ich zum Schwindel neigte, eine Neigung, die mich mein Leben lang begleitete und sich zunehmend steigerte aber auch veränderte, doch hier meine ich jenen körperlichen Schwindel, der plötzlich einsetzt, dieser Schwindel, der das Unterste nach Oben verkehrt, so dass man sich ein für alle Mal entleeren möchte, um endlich wieder zu einem Gleichgewicht auf dieser Erde zu finden. Und wo? Es könnte überall gewesen sein, denn dieser Schwindel hält sich nicht an präzise Ortsangaben. Viel später werde ich mir selbst erzählen: All die Jahre habe ich in einer Blase gelebt. Kindheit, Jugend, alles Schwindel. Eines Tages steige ich aus, als ich die Gondel einer Bergseilbahn verlasse. Ich steige aus der Blase einfach aus. Der sanfte Druck ist weg. Die Ohren sind frei. Von da an ist der Schwindel Erinnerung. Der Schwindel steht für Fremdbestimmung, und ab da werde ich selbstbestimmt leben, so lautet die Wendung, mit der ich meine Erwachsenwerden beschreibe.

Ich muss mich also erinnern, um den alten Zauber in einer Weise  heraufzubeschwören, so dass ich ihm wieder verfallen kann. Die Erinnerung muss unmittelbare Gegenwart werden, um als Zauber zu wirken. Da kommt mir sofort ein Bild entgegen, das mich einlädt. Plötzlich weiß ich: Ich bin auf der Auerdult am Mariahilfplatz in München, so mittendrin wie es nur im Traum möglich ist, und doch außerhalb meiner selbst, irgendwie sehr weit weg und raus aus dem Spiel. Ich sehe das bunte Treiben vor mir, alles flirrend,  Konturen und Spuren verwischend, sich verschraubend, höher schwingend, in einen grauen Himmel hinein, vor allem sehe ich das altmodische Kettenkarussell, die Ketten sieht man kaum mehr, auch wenn man den Blick abschirmt gegen das diffus blendende Licht, das sich durch die dichte  Wolkenpatina kämpft. Wer ist das, der vorüber fliegt? Es sind Menschen die anderen Menschen folgend eine Kette bilden, und an den von unten aus der Froschperspektive wie klobige Schatten wirkenden Schuhen, die den vom Schaukelsitz abwärts an fliegenden Beinen angehängt sind, der Flugkraft und Fliehkraft ebenfalls unterworfen, erkenne ich das Menschliche dieser Figuren. Es ist kein Scherenschnitt, der mich in meine Albträume verfolgen wird. Es sind Menschen, die nach der Fahrt aussteigen und ihre wartenden Freunde begrüßen werden.

Ich sehe mich von Außen als einen Teil jener an einem Riesenrad aufgehängten schemenhaften Figuren, die durch die Luft gewirbelt werden gemäß einer Ordnung, die größer ist als der einzelne Sturz oder Flug. Es herrscht lustvolle Auflösung, Durcheinander von Geräuschen und Gerüchen. Ich meine die Orgel aus der Kirche zu hören, dröhnend, ein wenig schräg, außer Gebrauch. Dort also muss es geschehen sein, dass ich mein Leben dem Außergewöhnlichen weihte, auch wenn es damit verbunden war, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen. Es ist eine innere Entscheidung, mit Hingabe verbunden. Der äußere Zusammenhang dient der inneren Inszenierung: Das Leben als Karussell.

Jahrmarkt! Das Wort allein reicht schon, in mir die Spannung zwischen den Extremen nachvollziehen zu lassen, den Extremen von Kirche und Messe. Kirmes! Das ist Notstand, Fest und Ausnahmefall. Das ist Sprengung der Grenzen, die keiner sieht und kennt. Alles ist in Ordnung, heute darfst du an deine Grenzen gehen, sagt dieses Durcheinander zu mir und lädt mich ein. Tritt näher! Ich trete näher und löse mich auf. Hier macht die Erinnerung halt, sie verweigert sich.  Ich traue dem neugotischen Backsteingebäude, das so ernst und gedrungen über allem dräut, magische Kräfte zu. Die Kirche ist der eigentliche Anziehungspunkt, das bunte Treiben draußen nur Ablenkung, Geplänkel. Manchmal leuchtet die Kirche rot aus sich heraus, als wäre sie ein Moloch, der seine Opfergaben verzehrt.

Dass es sich  bei der Dult hauptsächlich Trödel, liebenswerten Krimskrams, Reste eines vergangenen Lebens mit seinen Vergnügungen, Ablenkungen, Nostalgie, seinen abgestanden und verjährten Angeboten von Lebenslust, verstärkt den Schwindel, der auffliegt, vertieft die Verzauberung der Welt, ein Durcheinanderwirbeln der Partikelchen träger Masse. Die Welt, aufgewirbelt wie Staub.

Zu den Fahrgeschäfte gehören ein kleines Riesenrad, ein Kettenkarussell, ein Kinderkarussell, eine Schiffsschaukel hart am Anschlag, und eine Pferdereitbahn in Maßen. Autoscooter gibt es, Schießbuden. In den 1980ern und in die Anfänge der 1990er Jahre hinein waren auch noch größere Fahrgeschäfte vorhanden, wie Walzerbahn, Tagada, Calypso und Wellenflug oder andere Maschinen mit seltsamen Namen, die die Phantasie herausfordern, sich eine entsprechende Geschichte einfallen zu lassen. Es ist eine Nostalgie, ausgeliehen aus einer anderen Zeit, die künstliches Heim- und Fernweh zugleich erzeugt. Ein  unzeitgemäßes Staunen über die Wunderwerke der Technik, gerade rechtzeitig erfunden um der Enge zu entkommen, die sich durch solche Erfindungen ergibt. An dieser Nahtstelle zwischen Enge und Weite, Kultur und Natur, werden die Weichen gestellt. Die Menschen gewöhnen sich daran, auf der Stelle zu treten statt auszureiten, der Rummel ist die willkommene Engführung körperlichen Kontakts, dazu das Hämmern des automatisierten Orchesters, mit Jungfrauen am Bug als Dirigenten, so multipliziert sich die kleine Welt voller elektrischem Blinken und Blinzeln und gleichgeschaltet auf einen gemeinsamen Takt als gelte es durch die schlingernde Hochsee zu stampfen. Es ist die Trauer über die verlorene Kindheit eines längst vergangenen  Jahrhunderts, die mir einflüstert, hier sei das eigentliche Zuhause, weil alles noch voller Wunder sei.

Jede Dult dauert neun Tage. Früher spielte sich das Ganze in der Innenstadt ab, es wurde dann ausgelagert, als sei der Rummel dieser Art nicht mehr aktuell genug. Die Au ist bis heute ein Gebiet außerhalb der Stadt und ihrem Gedränge. Und so ist es in meiner Erinnerung auch: Ich befinde mich an den leer geräumten Randgebieten einer Kindheit, die ich chronologisch nicht orten kann. Zeit spielt keine Rolle. Der Mariahilfplatz ist eine kleine Welt für sich. Wenn ich diesen Platz betrete, signalisiert mir seine streng geometrische Anordnung: Hier findet alles seinen Platz. Ordne dich ein, und für dich ist gesorgt. Ich fühle mich bis heute gemaßregelt und komme meinen Gefühlen nicht aus.  Zwischen dem Mariahilfplatz und dem Nockherberg fließt der Auer Mühlbach hindurch. Auf der einen Seite befindet sich die Frauen- und Jugendarrestanstalt Neudeck, einstmals ein Zuchthaus, noch früher ein Kloster, ein Braumeister erwarb 1813 die ehemalige Klosterbrauerei und führte die Starkbiertradition der Mönche fort. Der Geruch hängt manchmal zum Greifen nah in der Luft. Alles ist hier stark und braut sich zusammen. Ein neobarocker Bau aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts schließt an und bietet Platz für 124 Personen unter Arrest, er soll einmal als Hotel dienen, aber das sind ungewisse Pläne. Verwaltung und Vollzug befinden sich quasi unter einem Dach. Ich weiß es, weil ich für das Amt gearbeitet habe. Ich wusste es aber immer schon, aufgrund jenes Schwindelerlebnisses, in dem die Welt in einem Kunterbunt zusammengefasst und ein für alle mal verquirlt wurde. Gut und Böse wohnen eng beieinander, im Gedächtnis des wissenden Feldes ist alles gespeichert. Dieses Wissen besteht aufgrund seiner Enge, es achtet auf peinliche Unterscheidung. Nur an geregelten Ausnahmetagen ist die Welt eine Verkehrte Welt und darf es sein, sonst würde sie platzen vor Wut.

Natürlich auf der Auerdult, da muss es gewesen sein, als mich der Schwindel erfasste und überzeugte wie eine fundamentale Glaubenslehre. Hier lernte ich, den Zugriff der Verplanung auf mein Leben zu erkennen und dagegen aufzubegehren. Schwindel nicht nur als Erlebnis sondern als Sinnbild für mein ganzes Leben: ein einziger Schwindel, ein Lügenmärchen, das  erzählte ich natürlich insbesondere dann, wenn ich die benachbarte Schule schwänzte. Ich saß dann in einem kleinen Cafe am Mariahilfplatz und ließ die Stunden vergehen, die einem geordneten Stundenplan entsprochen hätten, hätte ich sie in der Schule abgesessen. So aber vergingen sie teils im Nu und teilweise gar nicht. Die Zeit blieb einfach stehen. Draußen drohte der Kirchturm wie ein Fingerzeig. Da entschied ich mich für den Schwindel. Abends lag ich Bett  und stellte mir vor: Ich fahre auf der Erde durch das All.  Ich bin mein eigenes Fahrgeschäft. Ich spüre die Enge, die nach mir greift, die namenlose Angst vor dem Leben. Aber mit meinem namenlosen Fahrgeschäft schraube ich mich hoch entgegen der Schwerkraft und lasse mich los und sausen, dass mir der Wunsch um die Ohren rauscht und dieses neutrale Rauschen alle anderen Geräusche übertönt. Das Rauschen ist nie genug und immer zu schnell vorbei. Die Loslösung gewohnter Orientierung kann nur für Momente gelingen, und dabei spielt es keine Rolle, ob dies nur in der Vorstellung gelingt oder sich in der Wirklichkeit abspielt. Man muss das Rauschen verinnerlichen,  selbst zum Rauschen werden.

Sagt die äußere Stimme: „Dass du immer so übertreiben musst!“

Assoziationen jagen sich...Übertreibung, Austreibung...

Sagt die innere Stimme etwas von „Es wissen wollen“, fragt sich nur was ? 

Es entsteht ein Wissen durch Übertreibung, aber welches? Und wozu ist es gut?  

Übelkeit durch Überdruss: Alles absuchen, an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit gehen, um sich sagen zu können: Hier oder da ist auch nichts Besonderes, alles gleich, mir gleich, alles Schwindel, Einerlei, - um sich abwenden, endlich davon ablassen zu können. Ich könnte genauso gut woanders sein. Die Auswechselbarkeit von Orten und Zuständen – Gleichschaltung kurz vor der Auslöschung, Nullerfahrung, Einschmelzen der Formen, um sich sagen zu können: Ich habe nichts versäumt, um so das sehnsüchtige Suchen abzustellen.

Ich lese von der dionysischen Zerstückelung des zweimal geborenen Gottes.

Zermahlen, zerstoßen, zerrieben. Überfressen, überdreht. Rasende Fahrt. Endlich zum Ende der Endlichkeit kommen wollen, sich erschöpfen, leer laufen wollen. Ich verstehe: Das heißt: sich zu verzehren. Nicht aus Hunger, sondern aus Sättigung, satt vom Falschen. So ist es, wenn man es satt hat: Man ist hungriger denn je. Angstlust: Die Welt dreht sich und dreht sich, die Welt läuft an den Rändern hoch, wirft sich auf um ein Gefäß zu bilden, eine Schale, eine Mulde, eine Kuhle, in die ich kullere, aufgehoben. So falle ich nicht heraus, sondern hinein in die Welt, in eine breitere tiefere Wahrnehmung, die mich von allen Seiten umgibt: mit Ohren schauen und mit den Augen hören, wie mit 3D Brillen, ein verschwimmendes Bild, das die Welt wie unter Wasser erscheinen lässt, multidimensional, nicht verflacht und vertrocknet, sondern weich und mollig wie ein Schwamm der sich voll gesogen hat mit dem Himmel, der jetzt überall ist, auch auf der Erde und in der Erde, die mich aufnimmt, wenn mich hinwerfe, falle und falle. Bestimmte Farben, die man als unwirklich bezeichnet, gehören zu den 3D Binnenkörper Bildern dazu, Bonbonfarben.

All der Lärm dient nur dazu, sich zu betäuben. Erschütterung des Körpers, Faszination. Das Wort Lärm stammt vom Ruf:  all'arme, „zu den Waffen!“, daher mit „Alarm“ verwandt. Der Alarm verzaubert. Man könnte sich daran gewöhnen. Die künstlich hergestellte Fliehkraft fliegt dagegen an. Umsonst. Es bleibt alles beim Alten. Die Ekstase geht weiter. Mitten in dem säuerlichen Geruch nach Spirituosen den fremdländischen Geruch nach Weihrauch wie etwas Geheimnisvolles, geradezu Verbotenes zu vernehmen meinen und meinen, weinen zu können, und es nicht können, denn es gibt keinen Grund.  Dazu wieder die Jahrmarktorgeln hören und eine unsinnige Freude an der Fremdbestimmung in sich aufsteigen fühlen, die Jungfrauen wie Galionsfiguren mit leuchtendem Blick und gleißendem Lack in vorderster Reihe einen unsichtbaren Reigen anführen sehen.

Das Drehen der wirbelnden Derwische um aufzugehen in Gott. Sie drehen sich gegen den Uhrzeigersinn, Die Uhrzeit wird zurückgedreht bis zur Zeitlosigkeit, alles Relative löst sich auf, das Absolute bleibt, die Mitte ist der Nullpunkt, die Erfahrung des unverwüstlich Göttlichen.

Sich drehen, um die festgezogene Schraube der materialisierten Wirklichkeit wieder aufzudrehen, sich dem festen Griff zu entwinden, sich zu verflüssigen, so wie die Welt es im Vorbeihuschen auch tut. Zuflucht bei anderen Kulturen suchen, um der Einbindung in die eigene Gesellschaft zu entgehen. Das eigene Nest fliehen, sich in fremde Nester setzen, die andere, die geborgte Geborgenheit simulieren, neue Stimuli probieren, sich lossagen von der Zivilisation, verwildern wollen, Depersonalisation, Derealisation betreiben als selbst verordnete Medizin und Diät. Wahnsinniges Trommeln in der Fremde. Monotones Lärmen als Trance-Induktion: Einlullen des Bewusstseins, um sich in Sicherheit zu wiegen, denn die erste Funktion des Wachbewusstsein ist es, Wache zu halten. Trance um weiter zu gehen, dorthin, wo es unsicher wird, und wirklich aufregend. Innere Reise unternehmen. Man braucht ein Plateau, eine Startbahn, eine Ebene. Das ist Trance: nur eine Vorbereitung. Trance eröffnet eine Ebene, eine Startbahn für den Transit. Die Frage ist, wie ich mich aus der Ebene in der parabolische Kurve des kosmischen Aufschwungs heraushebeln kann. Der Drehtanz wirkt als Mittel, eine galaktische Beschleunigung am eigenen Leibe zu erleben, dann sich fallen lassen, was den Wirbelnden Derwischen nicht erlaubt ist, aus höchsten Höhen abstürzen. Die Außenstehenden nehmen den rastlosen Atem des Drehtänzers wahr, die Augen, die immer noch einem Fokus hinter her jagen, der Tänzer selber wird später von unglaublichen inneren Reisen berichten, von einem Fall auf die Erde wie damals am Anfang der Schöpfung, als das ungebrochene Licht sich verströmte und gebrochen wurde, um all die Formen und Farben zu bilden, die wir heute als feste Tatsachen hinnehmen. Das Drehen versetzt in Trance, die Welt ist im Transit begriffen. Das Durchmischen und Verflüssigen ist nur Vorbereitung, heute ist es für mich überflüssig geworden, ich drehe mich nicht mehr, ich vollziehe mit dem Finger höchstens eine minimale Drehbewegung gegen den Uhrzeigersinn, und schon bin ich in der Mitte der Zeit, am Nullpunkt angelangt, in der zeitlosen Gegenwart angekommen. Vielleicht ist es das, wonach sich alle mundanen Anstrengungen des Vergnügens ausrichten: an der Freude, endlich zu einem Ende zu kommen. Ankommen jenseits einer gefestigten Persönlichkeit.

 

Man könnte ein Leben lang drehen und niemals über das Stadium der Verwirrung und der Übelkeit hinaus kommen. Es braucht eine innere Ausrichtung, um die Trance – ein zweckgebundenes Reisen in den Geistigen Welten – in einem Erlebnis der Ekstase kulminieren zu lassen. Der Körper ist befähigt zu solchen Höhepunkten, und der Geist bedarf ihrer, um sich an sich selbst zu erinnern.

 

Von der Trance zur Ekstase: Ein Projekt der Hirnwellenforschung trommelt die Trancereisenden zusammen, es findet sich ein Häufchen von Aussteigern ein, viele Ethnologen, die sich mit wissend verschmitztem Block aus roten Augen begrüßen, die Techniker, die bessere Kleidung tragen und abgegrenzt wirken. Sie werden die wissenschaftliche Seite des Experiments abdecken. Die Köpfe der Probanden, alle bekennende Grenzgänger der Bewusstseinsdimensionen, sind verkabelt und an Messgeräte angeschlossen, die Kurven aufzeichnen und später auf dem Monitor ab spielen wie eine Filmsequenz. Nur wenn die Wellen springen, sprunghaft ansteigen zur Spitzenleistung des Gehirns, kann „es“ geschehen.

 

Bei einem ist es so. Sein Wellendiagramm ist geradezu idealtypisch für die Ekstase. Die mystischen, ekstatischen Praktiker meinen dazu, manchmal sei es ein einziges Bild, ein eindeutiges Bild, das in der Ekstase sich zeige. Keine Bilderfolge, wie in der Trance, keinen Film. Ob er ein solches Bild gehabt habe, wird der junge Mann gefragt. Ja, sagt der, und lächelt verklärt. In diesem Lächeln, in dieser Verklärung liegt so viel Eindeutigkeit, so viel Gewissheit, dass ich mich später immer wieder daran erinnern werde, wenn ich die Orientierung verloren habe.

 

Meine Wellen verharrten damals träge in ihrem Bett, das ihnen die Reisetrance bereitet hatte, in einem gleichmäßig erhöhten Energieplateau, das sich selbst ohne einen merklichen Unterschied zu machen gleich blieb. Als ich nach Hause fahre, war ich enttäuscht von mir selbst. Nein, ich kann dazu keine Quellen angeben, ich weiß die Namen nicht mehr, habe keinen Kontakt mehr zu der Szene. Ich  erinnere nur den Ort: ein kleinen Theater mit verstaubtem Vorhang und einem Dunkel, das die Show unterstützt – ein Theaterdunkel von dramatischer Schwärze. Ich erinnere mich daran, wie ich danach ans Tageslicht getreten bin, denn das Experiment hatte ja tagsüber statt gefunden, und wie ich ziemlich desorientiert auf der Straße stand, mir selbst überlassen, und mich dann, nach einigem Zögern, „unter die Menschen mischte“, ja, die Erfahrung bzw. ihre Beschreibung muss mit Anführungszeichen markiert werden. Einfach nur Körper sein, vor allem: SEIN. Ohne Bedingungen. Ohne Konditionen. Ohne Maßstäbe, Ansprüche, Vergleiche. Die Sehnsucht ist es die mich in die Enge treibt, denn je mehr ich mich diesem Sein  anzunähern glaube, desto mehr entferne ich mich davon.  Das erkenne ich erst aus der Perspektive des Rückblicks.

 

Ich erkenne in all meinen verzweifelten Versuchen, eine Bewusstseinsveränderung zu erreichen, das wiederholte Ergebnis des Leerlaufs. Ich laufe leer aus. Zeitweilig falle ich in den Nihilismus meiner Jugend zurück, dann wieder lese ich mystische Texte und versetze mich in die Person, die sich angesichts eines Gottes taumelnd auflöst.

Alles Schwindel? Die Ekstase geht weiter, im doppelten Sinne. Sie wirkt nach, schafft Dauer und Kontinuität im Verborgenen. Sie setzt einen Punkt, worauf sich das Körpergedächtnis beziehen kann. Eine Spur ist gelegt.  Die Ekstase geht auch weiter im Sinne einer grenzüberschreitenden Entfaltung. Sie schafft neue Räume, Perspektiven und Dimensionen.  Die Grenzen werden aufgelöst, aber nur für den jeweiligen Moment, in dem die Ekstase statt findet. Sogleich bilden sie sich zurück und lassen den Bewusstseinshorizont auf das gewöhnliche Maß zusammenschrumpfen, auf ein Rest-Bewusstsein, einen Rest-Horizont, und das wiederum nährt die Sehnsucht, die mehr weiß als die Erfahrung des Gewöhnlichen, weil sie sich des Ungewöhnlichen zu erinnern weiß: Die Ekstase geht weiter.

Als Selbstdarstellung das Fazit vieler langer Lehrjahre: Worüber man nicht sprechen kann, davon sollte man erzählen. Deshalb hier auch keine Quellenangaben, sondern der Hinweis auf eine Geschichte, die so beginnt, mit Drehschwindel und Ekstase auf dem Jahrmarkt. Titel: „Null Guru“,  2010 im Andreas Mascha Verlag Reihe Neue Perspektiven.